Krankheit des Valerius lag tiefer . Dem sei nun wie ihm wolle , er glaubte einen vermittelnden Genius zwischen den verschiedenen Volkssitten in Stanislaus gefunden zu haben ; er gab sich ihm mit aller Schwärmerei einer so unerwarteten Freude hin , und so wie Gleiches immer Gleiches erzeugt , ward auch des jungen Grafen Herz durch solche Wärme immer offener und liebender ; sie strichen Arm in Arm im Saale auf und nieder , und redeten sich bald so tief in Interessen und Freundschaft hinein , daß sie , Tanz und Gesellschaft vergessend , in die Seitenzimmer traten , um ungestört über Herzen und Völker sprechen zu können . Graf Stanislaus gehörte zu der jungen Generation Polens , die in vielem wesentlichen abweicht von dem überlieferten Begriffe , den wir von diesem Volke haben . Schon von der ersten Teilung Polens datiert ein neues Moment der Bildung in Polen . Der einheimische Jammer trieb sie auf Reisen . Mancher neue Bildungsstoff kam mit den Heimkehrenden zurück . Aber die Umgestaltung des innersten Wesens eines Volkes macht sich nicht durch einige Reisende , jener slawische Grundstoff einer gewissen Wildheit war nicht im Handumwenden zu beseitigen , und die äußeren Einwirkungen ließen einer tieferen Läuterung des Volkscharakters keine Zeit . Die Teilungen des Landes nahmen alle Kräfte gegen außen in Anspruch . Indes offenbarte sich schon damals in der Konstitution vom 3. Mai 1793 jenes neue Zivilisationsmoment , von welchem hier die Rede ist , und der Hauptvertreter dieser neuen polnischen Richtung erschien in dem sanften und milden Thaddäus Kosciusco . Schon damals bildete sich eine preiswürdige Mehrheit , welche alle Forderungen der Humanität zu berücksichtigen , die barbarischen Überreste der polnischen Gewohnheiten zu vernichten und das Volk aus der Knechtschaft zu ziehen trachtete . Dieser Keim ist nicht untergegangen ; die fortwährenden Stürme , welche das Land heimsuchten , haben seine besten Männer in allen Ländern Europas umhergeführt , und als die Revolution von 1830 ausbrach , fand sie eine Schar im Unglück gebildeter Polen , welche aller neuen Erfindungen der Zivilisation mächtig , und über die alten Nationalvorurteile hinausgehoben waren ; ja sie fand eine Jugend , welche nicht nur für die Freiheit , sondern auch für alle Forderungen einer modernen Humanität schwärmte . Zu dieser Jugend gehörte Graf Stanislaus . Und dieser junge Mann gestand dem Valerius , daß er nur in den Stunden des Siegesrausches an ein glückliches Ende dieses Kampfes glaube . Und dabei trat jener polnische Schmerzenszug wie das tränenweiche Gesicht eines Mädchens auf seine Züge , in seine Augen . » Die Revolution , « sprach er , » hat uns übereilt , noch liegen alle Bestandteile eines neuen Volkslebens chaotisch in uns durcheinander , noch ist die persönliche Eitelkeit , unser Erbübel , zuwenig gebrochen von der uneigennützigen Bildung , die ungeordneten Massen unserer bedeutendsten Kräfte werden sich in den Weg treten , und vereinzelt überwunden werden . « Bei diesen Worten , welche Valerius mit tiefer Trauer anhörte , waren sie wieder an die Tür gekommen , die in den Saal führte . Vom Orchester herab rauschte eine Polonäse . Das ist der polnische Nationaltanz , welcher den ganzen Stolz des Volkscharakters ausdrückt , eine üppige Erinnerung an die früheren patriarchalischen Zustände . Es liegt eine siegreiche Unabhängigkeit in ihren Rhythmen , und sie scheint aus den frühesten Zeiten zu stammen , wo das Volk noch ohne Störung in aller Breite sich ausdehnen konnte , durch keinerlei Feindschaft zu Hast und Ungestüm aufgeregt wurde , wo es seiner sonnenlichten und prächtigen Heimat in Asien noch eingedenk war . Ein eisgrauer alter Pole führte sie an , und zum lebhaften Erstaunen Valerius ' war Hedwig seine Dame . Das schöne Mädchen strahlte in seiner Frische und in der lebhaften , phantastischen Nationaltracht wie die ewig junge Schutzgöttin des Landes selbst , die nur eben in ihrer Flüchtigkeit oft andere Dinge neugierig betrachtet als das ihr anvertraute Land . Auf dem schönen Haare trug Hedwig ein zierliches , blitzendes Kaskett , und rot und weiß war ihre übrige blendende Tracht , bis auf die kleinen karmoisinfarbenen Halbstiefel , welche das hochgeschürzte Kleidchen mit aller Zierlichkeit des schöngeformten Beines sehen ließ . Kurze Handschuhe bedeckten nur den Unterarm , der übrige Arm , Nacken , Schulter bis an die mutig schwellende jungfräuliche Brust war lustig entblößt , und das fröhliche Fleisch lachte harmlos mit den strahlenden Augen . Valerius hatte sein inniges Vergnügen an diesem Anblick . Sein krankhafter Zustand war in der letzten Zeit so groß geworden , daß auch die weibliche Schönheit keinen Reiz für ihn hatte , nur die vollendetsten Formen konnten seinem künstlerischen Sinne ein flüchtiges Behagen erwecken , alle Sinnlichkeit - und es gibt eine solche von schöner Art - hatte völlig in ihm geschwiegen , alles Blut schien aus ihm gewichen zu sein . Indes , die Jugendlichkeit Hedwigs war nicht ohne eine Art von Erfrischung für ihn gewesen ; jetzt sah er zum ersten Male das schöne herausfordernde Mädchen in ihr , und der freundliche Gruß , den sie ihm nickte , belebte seit langer Zeit zum erstenmal sein Auge mit dem muntern Wohlgefallen , das der Anblick eines schönen Mädchens erweckt . War es ihm doch , als ob er die hohe Frauengestalt , die hinter Hedwig an der Hand des Grafen Kicki einherschritt , schon irgendwo gesehen ! Sein Blick hatte zu fest auf jener geruht , und die andere war ihm dunkel wie eine Nebenerscheinung vorübergeglitten ; der Glanz und das Klirren des Tanzes zog seinen jetzt erweckten Sinn vom Nachdenken ab , er schwelgte in diesem halbkriegerischen Triumphzuge . Fast alles war im Kriegskostüm , die meisten polnischen Tänze wurden von den Männern mit Sporen getanzt , und in der Polonäse fehlte auch der klirrende Säbel nicht . Die schlanken Gestalten , das pulsierende Leben in den kleinsten Bewegungen , der Glanz der Augen , das Blendende in der freien Schönheit der lebhaften Frauen , die rauschende Musik , - alles das versetzte den sonst