Stunde mehr möcht ich sie dort lassen . Eine Stunde ist viel , wenn man gepeinigt wird . In den Stall zu den Säuen , sagen Sie ? aber sie können epileptisch werden vor Angst und Schrecken ! « Sie hatte den Hut , ihr einfaches schwarzes Filzhütchen , vom Nagel genommen . Aber der Kranke hielt sie ängstlich zurück . » Nicht ! o bitte nicht so ! es ist unmöglich , sogleich dorthin zu gehen , ohne daß Sie meiner Mutter das größte Elend bringen , « flehte er . » Ja , wenn ' s so leicht wäre , Abhilfe zu schaffen - aber das muß alles gesetzmäßig und überlegt geschehen ! Die geben sich nicht leicht , die wollen ja das Kostgeld nicht verlieren ! Und es darf nicht heißen , daß ich die Sache verraten habe , der Mutter halb darf es nicht sein . Ich hab auch lang gekämpft , ob ich schreiben darf . Im Dorf hängt halt alles zusammen . ' s ist nicht wie in der Stadt . Wenn einer den Ackerwagen will , so geht er in meinen Schopf , ohne langes Fragen , und nimmt ihn , wann ich nicht daheim bin . Wenn einer etwa ein Blatt Papier , irgend einen Gegenstand nötig hat , so geht er in ein Haus , nimmt den Schlüssel , wenn keiner daheim ist , schließt Kisten und Kasten auf , holt sich heraus , was er braucht , und meldet ' s später einmal . Wir sind alle einander verpflichtet , wir sind alle einander nah . Aber dieses Verhältnis fordert auch Schonung der Fehler . Die Augen drückt man zu . Es ist schwer , zum Nachbar zu sagen : Gottlos handelst du an anvertrautem Fleisch und Blut . Die gute Mutter bringt ' s nicht fertig , es würd auch keinen Wert haben . Die rohen Leute taugen nicht zum Erziehungswerk , ich sagt ' s schon , man sollt ihnen auch die eigenen Kinder nicht anvertrauen . So pflanzt sich Roheit ohne Ende fort . Dann aber ertrug ich ' s nicht mehr , ich schrieb an Sie , von der ich soviel Gutes gehört , und gleich sind Sie gekommen ! Ich kann Ihnen Ihre Liebe nicht vergelten ! Gott segne alles , was Sie tun . « Erschöpft schwieg er . Die alte Frau mit den ausgeweinten Augen kam wieder herein , mit ihr der kräftige Geruch brennenden Reisigs . Sie blickte ängstlich von dem Sohn auf die Besucherin . » Nun , wissen Sie ' s dann ? Mein Rudolf gab nicht Ruh ; Tag und Nacht sind ihm die armen Bübli im Kopf gelegen . Aber mir ist angst um meinen Rudolf . So herzlose Leut , wo unschuldige Kinder mißhandeln , können auch dem Rudolf - « Sie brach ab und seufzte aus schwerbedrückter Brust . Dann , während sie ein Tischtuch ausbreitete , blickte sie flehend zu Josefine auf : » Schonen Sie meinen Rudolf ! Er hat keine Furcht , aber mir ist ' s fürchterlich angst bei der Sach . Wann jetzt Nachfrage kommt bei den Kosteltern , und sie wissen , daß der Rudolf - « Sie legte die runzeligen Arbeitshände zusammen : » Sie täten ihn überfallen - er ist immer allein - , täten da hereinkommen und ihm böse Grobheiten machen , ihn bedrohen - wohl gar - « Sie drückte ihre ausgeweinten Augen zu , als fürchtete sie , weiteres zu sehen , das da in diesem friedlichen , liebedurchwebten Stübchen geschehen könnte . Ein gutmütiges Lachen vom Bett her ertönte : » Nun , so gar gefährlich ist ' s nicht ! Aber die Mutter hat schon so viel um mich geweint - Vorsicht ist nötig , ihrethalben . Sie werden schon einen Weg finden , Frau Josefine , wo wir keinen wissen . « » Ich werde einen finden . Sie und Ihre liebe Mutter müssen ganz aus dem Spiel bleiben . Es muß ja gelingen , « sagte Josefine warm . In tiefer Rührung hatte sie zugehört . Die Offenbarung , die sie hier empfangen , überwältigte sie . Sie wird den Weg finden , ganz gewiß , in das Zuchthaus gehen , mit dem Gefangenen reden , mit dem Direktor der Strafanstalt , in seinem Namen die Kinder hier fortnehmen , es wird ja gehen . Aber was war ihr Tun gegen das dieses wunderbaren Schutzlosen , der noch schützend und warm das Ärmste umfaßte , das es auf Erden gibt : mißhandelte , gedemütigte Kinder , Kinder ohne Fürsprecher - wie leuchtete sein Bild sonnenumflossen im reinsten Schein ! Weder seine eigene Hilflosigkeit noch die Angst seiner Einzigen , Geliebten , hatten ihn zu hindern vermocht , das auszuführen , was er für seine Pflicht erkannt : die Rettung dieser preisgegebenen Kleinen . » Und war denn kein Gesunder da ? « sagte Josefine , laut mit sich selber sprechend , händefaltend . » Sie haben dann nicht Zeit , « erwiderte er sanft , » überlegen ' s auch wohl nicht so ; wenn man so daliegt , da sind die Gedanken reger , als wenn man mit den Armen schafft . Ich habe Zeit für alles , « sagte er , » und die Phantasie , die es braucht . « Es klang nicht wehmütig und nicht bitter , und es durchschütterte die horchende Frau . Mut und Kraft und Hoffnung strömt aus von dem Hoffnungslosen - Macht , eine gute , rettende Macht von dem Ohnmächtigen , fühlte Josefine . » Sie kommen oft daher um einen Rat , « sagte die Mutter , » mein Rudolf ist halt der Kopf vom ganzen Dorf , sag ich « . » Ja ! « rief Josefine , ihr die Hand drückend , » das ist er gewiß . « Und vor ihrer erregten Phantasie erschien dies Dorf wie ein einziger Organismus . Viele Arme bewegte es , viele Muskeln