diesem Krankenbette weilte , aber er ließ davon nichts merken . Er verordnete weiter nichts als eine hohe Dosis Chinin zur Niederschlagung des Fiebers . Gelänge es nicht , die 40 Grad-Temperatur herabzudrücken , stiege sie noch über 41 , so wäre das das Ende ... aber es war ja möglich , daß ... nun , er wollte am selben Abend noch einmal nachsehen . Im Vorzimmer ging es lebhaft her . Ein Zeitungsreporter reichte dem andern die Stiegentürklinke . Auch andere Leute in Menge kamen Nachricht zu holen über den Zustand des Dichters . Bressers Diener gab Auskunft über das Befinden und den Zeitungsmenschen teilte er die Bulletins mit , welche dann regelmäßig in allen Morgen- und Abendblättern erschienen . Die ganze Stadt war voll Teilnahme und etwas Skandalsucht mischte sich wohl auch dazu , man erzählte sich in allerlei Versionen , was die Ursache des Duells gewesen und der abgedroschene Satz » cherchez la femme « wiederholte sich in allen geistreich sein wollenden Kommentaren . Es wurde Abend . Eine schirmüberschattete Lampe in einer vom Bett entfernten Ecke verbreitete nur sehr gedämpftes Licht in dem durch dunkle Tapeten und Holzverkleidungen ohnehin dunkel erscheinenden Raume . Es war sein Studierzimmer , in das der Doktor den verwundeten Sohn hatte betten lassen - das geräumigste Gemach der Wohnung . Hugo war eingeschlummert . Sylvia saß neben ihm und hielt seine Hand in der ihren . Auf einem Diwan am anderen Ende des Zimmers saßen Doktor Bresser und Martha nebeneinander , in mehr oder minder langen Zwischenräumen leise Worte tauschend . » Erinnern Sie sich , « sagte Martha nach einer Pause , » unserer Fahrt auf dem Karren von Königinhof nach Horowetz am Tage nach der Schlacht ? « » Ich erinnere mich ... An dem Leichenhaufen vorbei , von dem die Raben aufflogen . Das war doch noch trauriger . « » Nur schauriger - und ebenso überflüssig . « » Ja , es ist dieselbe große Sünde : Zweikampf oder Hunderttausendkampf - derselbe Wahn , daß man mit Töten etwas erreichen , etwas beweisen , etwas gutmachen kann . Es ist alles so traurig , so traurig - « » Mein armer Freund ... « Martha seufzte schmerzlich . Es war ihr unendlich weh zu Mute . Dieser sterbende junge Mann , das verdorbene Schicksal ihrer Sylvia ... Von Rudolf - der hatte auch gar harte Kämpfe aufgenommen - war sie schon länger ohne Nachricht . Die ganze Zukunft ihrer Kinder ( an sich dachte sie ja nicht ) schien ihr mit einem Male so verrammelt , die ganze Welt so verdüstert . Bilder aus der Vergangenheit stiegen vor ihrer Erinnerung auf , alle so grausig wie das , welches sie vorhin wachgerufen : der vom Leichenhaufen an der zerschossenen Kirchhofsmauer in den von fahlem Mondlicht erhellten Nachthimmel auffliegende Rabenschwarm ... Sie sah den Novemberregentag auf dem Gräberfeld von Sadowa , da der junge Kaiser in Tränen ausbrach - die schmucklosen Särge sah sie , in denen man im Laufe einer einzigen Woche - der Grumitzer Cholerawoche - - ihre drei blühenden Geschwister hinausgetragen - und , das fürchterlichste Bild von allen : zusammenstürzend unter dem Feuer des Exekutionspelotons , die geliebte Gestalt ihres Friedrich - - Der Kranke erwachte . » Wasser ! « bat er leise . Der alte Doktor stürzte hinzu , aber Sylvia hatte schon ein Glas gefüllt und mit erregungszitternder Hand an Hugos Lippen gesetzt . Er trank mühsam , aber gierig . Dann sank sein Kopf auf das Kissen zurück ; er hatte sie wieder nicht erkannt . Seit Sylvia hierhergekommen - jetzt war es schon am dritten Tage - hatte er noch mit keinem Wort und keinem Blick gezeigt , daß er wußte , wer da neben ihm war . Sie lechzte danach , von ihm erkannt zu werden . Sie wußte , daß ihre Nähe ihn beglückt hätte ; es war ihr schrecklich , daß er nicht imstande war , dieses Glück - vielleicht das letzte - noch zu fühlen . Vergebens hatte sie ihm zugeflüstert : » Hugo , Hugo , ich bin ' s - sieh mich an - Deine , Deine Sylvia ! « Vergebens ihm ins Auge geschaut , die verzehrendste Leidenschaft , die innigste Zärtlichkeit im eigenen Blick - seine armen , fieberbrennenden Augen irrten wie hilfesuchend umher und nicht ein Schein von Verständnis und Bewußtsein . Das war ja gar nicht Hugo , der da lag , nicht ihr Dichter , von dem sie angebetet wurde , das war nur ein zuckender , leidender Körper mit zwar noch nicht entflohener , aber abwesender Seele . Gegen zehn Uhr kam der Professor wieder . Er fand - was auch Doktor Bresser schon konstatiert hatte - daß das Fieber bedeutend nachgelassen . » Das ist günstig , « setzte er hinzu . Sylvia erbebte . Wie ein seliger Hoffnungsblitz hatte sie dieses Wort durchfahren . Beim Fortgehen gab der berühmte Arzt die Möglichkeit zu , daß der junge Mann davonkomme . Die folgende Nacht würde er wahrscheinlich ruhig schlafen . Da wäre viel gewonnen . Und beim nächsten Erwachen - Hugo war wieder eingeschlummert - würde er wohl bei Bewußtsein sein . » Bei Bewußtsein « - auch dieses Wort durchfuhr Sylvia mit sehnsuchtsheißer Freude - ein Wiedersehen würde das ja sein ! Martha schlug vor , daß man nach Hause fahre . Sylvia aber weigerte sich . » Ich weiche nicht mehr von hinnen , bis er gerettet ist , oder - « » Tot « brachte sie nicht über die Lippen . Um keinen Preis hätte sie den Augenblick versäumen wollen , den der Professor vorher gesagt - den Augenblick des zurückkehrenden Bewußtseins . Wenn er erwachte , mußte sein erster Blick auf sie fallen - dann würde es ein glückliches Erwachen sein , das wußte sie . Als Martha sah , daß ihre Tochter so fest entschlossen war , zu bleiben , verzichtete auch sie auf das Nachhausegehen . Doktor Bresser stellte ihr