hatte kein Bett , keinen Zufluchtsort , begehrte keinen Zufluchtsort , begehrte keine Ruhe . Betrunkene taumelten an ihm vorbei , gröhlend oder still , begeistert oder trübsinnig . Alles was noch lebendig war auf den Straßen , wurde durch den Geist der Besoffenheit bewegt , der einen übelriechenden Dunst erzeugte . Dieser Geruch wird auch morgen das öffentliche Leben durchdringen und die Seelen der Besseren unmutig machen ; er wird jede Frau , die schlaflos an dem Lager ihrer Kinder brütet , den Mann und die Liebe verachten lassen und wird alle Gefühle der Anmut und Frische zerstören , jede Vereinigung von Kräften unterwühlen . Agathon war im tiefsten Herzen verzweifelt . Vielleicht gab es noch eines , was ihn aufrichten konnte . Die Gestalt Bojesens erhob sich plötzlich aus der Vergangenheit , von einem übertriebenen Nimbus verklärt . Agathon blickte auf sie hin , wie auf eine tröstende Gestalt . Ehe er es überlegte , befand er sich schon vor dem Haus , in dem der Lehrer wohnte . Da das Tor bei der späten Stunde schon geschlossen war , ließ sich Agathon kraftlos auf die feuchten Steinfließen nieder , umschloß die Knie mit den Armen und wartete . Er wartete ohne Empfindung für das Vorbeifließen der Zeit . Im dritten Stock , wo Bojesen wohnte , öffnete sich bisweilen ein Fenster . Die Uhren schlugen eins , zwei , schlugen drei . Die Finsternis der Gasse schien klebriger und körperlicher zu werden . Aber war das nicht Bojesen , der vor ihm stand ? Diese etwas zusammengekrümmte Figur , die den Hut schief auf dem Kopf sitzen , die Hände tief in den Taschen vergraben hatte ? Waren das nicht Bojesens Züge ? Agathon mußte unwillkürlich lächeln , daß dies seltsam abstoßende Bild eines Menschen , diese schwankende Nachtgestalt solche Ähnlichkeit aufwies . Aber warum starrte nun der Schein-Bojesen so ? suchte in seinen Taschen nach Schlüsseln - ? brummte , als er sie nicht fand - ? Es erwies sich , daß es mehr als eine bloße Ähnlichkeit gab zwischen dem falschen Bojesen und dem Bojesen in Agathons Erwartung . Schließlich erhob Agathon in stechendem Schrecken die Hände und öffnete den Mund zu einem Schrei , den seine Kehle ihm nicht bewilligte . Dann fuhr Bojesen , der seine Schlüssel noch immer nicht hatte finden können , zurück und lehnte sich stammelnd an den Laternenpfahl . » Ich - suchte - Sie - sch - schon - l - lange genug - Ag - Agathon , « sagte er . Agathon stand auf und trat dicht vor ihn hin . Bojesen zog mit einer mechanischen Bewegung den Brief aus seiner Brusttasche . » Da lesen Sie ihn gleich , « sagte er und war plötzlich wieder im Besitz seiner Sprache . » Sagen Sie mir , was es ist . Sagen Sie es mir . Ich vergehe sonst . Ja , ja , ich liebe dieses Weib , kann mich nicht losreißen , verbrenne mir das Herz dabei , verliere mein Seelenheil , mein Geistesheil , alles , alles . Ich bin hin , eine Null , ein hohler Stamm , ein mürbes Blatt , ausgeblasen , bankrott . Was weichen Sie zurück vor mir ? Agathon , haben Sie Mitleid ! Oder sind Sie die Tugend selbst , daß Sie mich verachten dürfen ? Was weichen Sie zurück mit entsetzten Augen ? « Agathon wich zurück vor dem Schnapsgeruch , der aus Bojesens Munde kam . Bojesen hatte wie ein Fiebernder geredet , mit überstürzten Sätzen , purzelnden Worten und theatralischen Armbewegungen . » Nein , nein , ich bin nicht betrunken , « fuhr er fort und ballte die Fäuste ; » nur ein paar Gläser Grog , das ist alles für einen Bankrotteur . Agathon lesen Sie den Brief ( seine Stimme wurde heiser ) und seien Sie aufrichtig mit Ihrem Freund - « Da wandte sich Agathon , nachdem er den Brief an sich genommen und ging fort , so schnell er immer konnte . Und hinter sich hörte er den verzweifelten , ersterbenden Ruf in die Nacht verhallen : Agathon ! Agathon ! Als er die Wasseralleen erreicht hatte und den Fluß neben sich rauschen hörte , vernahm er es immer noch , dies : Agathon , als ob es aus dem Bett des Stromes käme . Der Tag war für ihn beschlossen und das Jahr . Und viele Bauten , die unlängst noch prächtige Pforten vor ihm aufgetan hatten , schlossen diese Pforten von selbst wieder . Über der schier mit Händen zu greifenden Finsternis der Allee sah er eine brennende Stadt , ein brennendes Land . Erst brannte es sichtbar und lichterloh , dann war das Feuer unterirdisch und man hörte keinen Hilferuf . Er kam an die Stelle , wo die Neubauten waren . Das Haus , in dem damals der Trockenofen gebrannt , war schon bewohnt . Aber daneben war noch ein anderer Neubau und heute brannte in diesem der Trockenofen und verbreitete seine düstere Röte in dem Gebäude und in dem Buschwerk der Umgebung . Nach einiger Mühe gelang es Agathon , sich durch das verrammelte Tor zu zwängen . Er legte sich vor den Ofen und bemerkte , daß seine Knie vor Kälte schlotterten . Doch er empfand es kaum . Sein bleiches Gesicht zuckte nur bisweilen unter der ungeheueren Bewegung seines Innern . Schließlich , Stunden mochten verronnen sein , und die Hähne begannen schon zu krähen , erinnerte er sich des Briefes . Er sah ihn an und erkannte Jeanettens Schriftzüge . Er riß ihn auf und eine Banknote fiel heraus . Auf dem Papier stand mit gleichsam entsetzten und befehlenden Lettern nichts als eine Adresse der Hauptstadt und die Worte : Komme sogleich hierher . Achtzehntes Kapitel Bevor noch der Morgen graute , stand Agathon auf dem Bahnhof und erfragte die Abfahrtszeit des nächsten Zuges nach der Residenz . Um ein Viertel nach acht Uhr sah er sich durch die Ebenen Frankens