da neben mir im Waggon saßen , dankbar für die Linderung , welche sie den Leidenden zu bringen im Begriffe standen . Auch den opfermutigen , wirklich » barmherzigen « Schwestern zollte ich im Herzen Bewunderung und Dank . Doch was brachte jeder dieser guten Menschen mit ? Ein Lot Hilfe für tausend Centner Not . Die tapferen Nonnen mußten wohl für alle Menschen jene überwindungskräftige Liebe im Herzen tragen , wie sie mich für meinen Mann erfüllte ; so wie ich vorhin empfunden , daß , wenn der furchtbar entstellte und ekelerregende Soldat , der vor meinen Füßen röchelte , mein Gatte gewesen , aller Widerwille entschwunden wäre - so empfanden Jene wohl jedem Menschenbruder gegenüber , und zwar durch die Kraft einer höheren Liebe - diejenige zu ihrem erwählten Bräutigam Christus . Aber ach - auch davon brachten die Edlen nur ein Lot ! Ein Lot Liebe dorthin , wo tausend Centner Haß gewütet ... » Nein , Herr Doktor , « antwortete ich auf die teilnehmende Anfrage des jungen Arztes , » ich bin nicht krank , nur ein wenig angegriffen . « » Ihr Herr Gemahl , so sagte mir Baron S. , sei bei Königgrätz verwundet worden und Sie reisen dahin , ihn zu pflegen , « mischte sich jetzt der Stabsarzt in das Gespräch ; » wissen Sie , in welcher der umgebenden Ortschaften er liegt ? « Das wußte ich nicht . » Mein Ziel ist Königinhof , « antwortete ich ; » dort erwartet mich ein befreundeter Arzt , Doktor Bresser - « » Den kenne ich ... er war an meiner Seite , als wir vor drei Tagen das Schlachtfeld absuchten . « » Das Schlachtfeld absuchten « ... wiederholte ich schaudernd - » erzählen Sie - « » Ja , ja , Herr Doktor , erzählen Sie ! « bat eine der Nonnen , » unser Dienst kann uns auch in die Lage bringen , bei solchem Suchen mitzuhelfen . « Und der Regimentsarzt erzählte . Den Wortlaut seiner Schilderungen kann ich natürlich nicht mehr wiedergeben ; auch sprach er nicht in einem Flusse , sondern mit häufigen Unterbrechungen , und gleichsam widerstrebend , nur durch die hartnäckigen Fragen , mit welchen die wißbegierigen Nonnen und ich ihn bestürmten , zum Sprechen gezwungen . Die abgerissenen Erzählungen riefen jedoch eine geschlossene Reihe von Bildern vor mein inneres Auge , die sich dem Gedächtnis so lebhaft eingeprägt haben , daß ich dieselben noch heute an mir vorüberziehen lassen kann . Unter anderen Umständen hätte ich des Doktors Schilderungen nicht so deutlich erfaßt und behalten - man vergißt ja Gehörtes und Gelesenes so leicht - aber das Erzählte machte mir damals fast den Eindruck von Miterlebtem . Ich war in einem Zustand hochgradiger Nervenanspannung und Erregtheit ; der fixe Gedanke an Friedrich , der sich meiner bemächtigt hatte , bewirkte , daß ich bei jeder der geschilderten Scenen mir Friedrich als beteiligte Person vorstellte , und so sind sie mir wie selber durchgemachte schmerzliche Erfahrungen im Geiste haften geblieben . In der Folge habe ich die von dem Regimentsarzt mitgeteilten Ereignisse in die roten Hefte eingetragen - so , als hätten sie sich vor meinen eigenen Augen abgespielt : - - - - - - - - - - - - - - - Die Ambulance ist hinter einem schützenden Hügelrücken aufgerichtet worden . Drüben tobt die Schlacht . Der Boden zittert und es zittert die glühende Luft ; Dampfwolken steigen auf , die Geschütze brüllen ... Jetzt heißt es , Patrouillen ausschicken , welche sich auf die Kampfplätze begeben , um die Schwerverwundeten aufzulesen und hierherzubringen . Gibt es etwas heldenhafteres , als solchen Gang mitten in den summenden Kugelregen hinein , an allen Schrecken des Kampfes vorüber , allen Gefahren des Kampfes ausgesetzt - ohne selber dessen wildem Rausche sich hingeben zu dürfen ? Rühmlich ist dieses Amt - nach Kriegsbegriffen - nicht . » Bei der Sanität « - da dient doch kein fescher , strammer , schneidiger Junge - da verdreht doch Keiner die Köpfe der Mädchen . Und » Feldscheer « - wenn der auch heute nicht mehr so - sondern » Regimentsarzt heißt , der kann sich doch mit keinem Kavallerielieutenant messen ? « ... Der Sanitätskorporal kommandiert seine Leute nach einer Niederung , gegen welche eine Batterie ihr Feuer eröffnet hat . Sie gehen durch den grauen Schleier des Pulverdampfes , und Staub und Erde , da , wo eine Kugel zu ihren Füßen einschlägt , wirbelt vor ihnen auf . Sie sind nur wenige Schritte gegangen , so begegnen sie schon Verwundeten - leichter Verwundeten , die sich entweder einzeln oder paarweise , einander gegenseitig unterstützend , zur Ambulance schleppen . Einer fällt zusammen . Es ist aber nicht seine Wunde , die ihm die Kraft gebrochen - es ist Erschöpfung . » Wir haben zwei Tage nichts gegessen - machten einen forcierten Marsch von zwölf Stunden ... kamen ins Bivouak ... zwei Stunden darauf Alarm und die Schlacht « ... Die Patrouille geht weiter . Diese Leute finden selber ihren Weg und können den zusammengebrochenen Kameraden mitnehmen . Die Hilfe muß Anderen , noch Hilfsbedürftigeren aufgespart werden . Auf dem Steingerölle eines Hügelabhanges liegt ein blutiger Knäuel . Es sind ein Dutzend Soldaten . Der Sanitätsunteroffizier bleibt stehen und legt ein paar Verbände an . Aber mitgenommen werden diese Verwundeten nicht ; erst müssen die geholt werden , die mitten auf dem Gefechtsfelde fielen - vielleicht kann man diese hier beim Rückgang auflesen ... Und wieder geht die Patrouille weiter , dem Kampfplatz näher . In immer dichteren Scharen wanken Verwundete heran , sich selber oder einander mühsam fortschleppend . Das sind solche , die doch noch gehen können . Unter sie wird der Inhalt der Feldflaschen verteilt , man legt ihnen eine Binde auf quellende Wunden und weist ihnen den Weg nach der Ambulance . Und wieder geht es weiter . An Toten vorüber - an Hügeln von Leichen ... Vieler dieser