. Nein ! die Psalmen und Dithyramben , die der große Lyriker , der Frühling , zu singen wußte , sie tönten nicht wirkungslos an ihm vorüber . Er verstand die einfach-üppige , massive Epik des Sommers ... und schwelgte in den Elegie ' n des Herbstes , deren transparente Faschingsbuntheit ihn entzückte . Mit der Sonne , der vollen , goldenen Sonne , war er nach und nach in ein ganz leidliches Verhältniß gekommen . Er liebte ein gutes Glas Wein , eine gute , mittelschwere Felix-Brasil-Cigarre , eine gute Virginia-Cigarette . Und ob auch die brutale Welt der Objecte seiner Epidermis und dem , was dahinterstak , manchmal recht impertinent mitspielte und zusetzte - Adam hatte sich fast so Etwas wie Humor und kaustisches Behagen angeschafft . Er studirte sich mit coquetter Selbstironie und kümmerte sich doch um das Elend der » Masse « , das sein weiches Herz zeitweilig mächtig ergriff . Er klügelte pädagogische Weltbeglückungssysteme aus , träumte von einem europäischen Staatenbunde , studirte tapfer Sociologie , und hielt es der Mühe für werth , Broschüren über den deutschen Gymnasiallehrer , dem er herzlich gram war ... er hatte den Kerl eben gar sehr in der Nähe kennen gelernt ... und über das Proletariat des Geistes zu schreiben . Er hielt es der Mühe für werth , sich immer leidenschaftlicher als Germanen zu fühlen , die Poesie und historische Gewaltigkeit des deutschen Kaiserthums zu begreifen ... und den Juden glühender , immer glühender , wilder , fanatischer zu hassen ... mit unschönem fressendem , persönlichem Hasse . Das war ' s : Adam hatte sich eben weiterentwickelt , er war ein natürliches Opfer seiner Fortentwicklung geworden . Einmal hatte er sich auf den Sternenpolstern und in den Hängematten des Kosmos herumgeräkelt und ausgeflegelt . Einmal war sein Seelenleben ein breiter , ungetheilter Strom gewesen , in dem sich das ganze Universum gespiegelt . Da hatte er es leicht gehabt , zu erkennen und zu durchschauen . Nun hatte sich nach dem natürlichen Gesetze der geistigen Organspaltung sein Seelenleben differenzirt , und der große , breite , ungetheilte Strom seines Inneren hatte sich in unzählige Flüsse und Flüßlein , Bäche und Rinnsale zersplittert und aufgelöst , darin sich nur noch zerbrochene Theile und Theilchen des Universums spiegeln und wiederfinden konnten . Wo einmal ein einziges , großes , gesammeltes Interesse geherrscht , das den Tod bedingen mußte , wenn es im rechten Augenblicke verstanden , ausgelöst und in die That umgesetzt wurde , da herrschten jetzt tausend kleinere Sonderinteressen , die das Leben in sich schlössen . Ja ! Er mußte leben . Er hatte den Tod versäumt . Er war zum Leben verurtheilt . Adam erhob sich . Das Bewußtsein , daß er nun leben mußte , erfüllte ihn mit schneidender Bitterkeit . Oder - ? Aber nein ! Jetzt war der Selbstmord , der » Selbsttod « , kein Resultat mehr , kein entscheidender Gewinn - nur noch ein Zufall , vielleicht gelegentlich die Folge einer zufälligen Nervenüberreizung . Das war recht hausbacken und hatte so gar nichts Imposantes . Adam trat ans Fenster , öffnete weit die Flügel und lehnte sich über die Brüstung . Weich und geschmeidig , einschmeichelnd strich die Frühlingsluft . Leise begann es zu dämmern . Da unten auf der Straße warf das Leben ... dieses Leben , das es so unübertrefflich versteht , sich bei den Creaturen der Erde als intimster Hausfreund einzuquartiren ... noch große , breite , prunkende Blasen . Und Adam beschloß , sich von diesem Leben da unten auf der Straße , zu welchem er » verurtheilt « war ... ja nun einmal unwiderruflich » verurtheilt « war , auf andere , gescheitere Gedanken bringen zu lassen . » Lost paradise « knurrte er vor sich hin , als er die Treppen hinunterschritt . Er wollte auch Abendbrot essen . Und nachher natürlich - nicht zu Hedwig gehen . - XVII. Am anderen Morgen erhielt Adam einen Brief von Hedwig . Irmers Mädchen hatte ihn schon sehr früh in seiner Wohnung abgegeben . Hedwig schrieb : » Lieber Adam ! Warum bist Du heute Abend nicht gekommen , wie Du versprochen hattest ? Ich habe Dich so sehnsüchtig erwartet . Bis gegen Zehn . Nun ist es fast Elf . Ich bin ganz allein , Papa ist schon zu Bett - ich kann nicht anders : ich muß Dir noch schreiben . Es ist mir so schwer , so schwer ums Herz . Bitte komme morgen früh bestimmt . Ach Adam ! Ich habe ja nur Dich noch - und wenn Du mich verläßt , wäre es mein Tod . Aber nein ! - nicht wahr ? - Du bleibst Deiner Hedwig gut ? Papa ist sehr unglücklich . Das hätten wir doch nicht thun sollen . Er hat mich freundlich aufgenommen , er weinte , als ich kam , und hat mir gar keine Vorwürfe gemacht . Er hat aber den ganzen Nachmittag fast kein Wort weiter gesprochen . Nur einen Brief hat er mir gezeigt , der heute früh angekommen war . Es ist zu schrecklich . Mir will das Herz brechen , wenn ich daran denke , was für Schreckliches uns bevorsteht . Ich bin immer noch zu aufgeregt , um Dir Alles in klarem Zusammenhange mittheilen zu können . Vor Papa habe ich alle meine innere Angst verbergen müssen , um ihn nicht noch trauriger zu machen . Papa hat nämlich einmal - es ist schon mehrere Jahre her - für einen guten Bekannten , einen Ingenieur , der kränklich war und auf den Rath seines Arztes ein Bad besuchen sollte , aber keine eigenen Mittel dazu besaß , für den hat Papa eine Bürgschaft von 1000 Mark geleistet , die sich Ferdinand , so hieß der Ingenieur , von einem ihm bekannten Bankier geliehen hatte . Papa war damals noch Universitätslehrer in der Schweiz und uns ging es ganz gut . Ferdinand - ach ! Adam - es wird mir