allen Hinterfenstern ; die Leute im Packhause seien ihm nun einmal ein Dorn im Auge ; er verachte sie noch viel mehr als der selige Herr Kommerzienrat . Ihr , dem alten Dienstboten , habe er gestern abend den Kopf gewaschen und den Text gelesen , nach Noten , bloß weil sie mit der Aufwärterin gesprochen ; und wenn nun gar die eigene Schwester sich » so gemein mache « - nein , den Mordspektakel wolle sie nicht erleben ! Margarete ließ sich nicht beirren . Sie nahm schweigend das Körbchen mit den Geleebüchsen und ging in die Hofstube . Dort hüllte sie sich in einen weiten , weißen Burnus von flockigem Wollstoff und trat ihren Gang an . Aber sie traf es schlecht . In dem Augenblicke , wo sie die Stufen nach dem Hausflur hinunterschritt , kam die Großmama in elegantem pelzbesetztem Samtmantel die große Treppe herab . Sie war offenbar im Begriff , einen Besuch in der Stadt zu machen . » Was , so schneeweiß inmitten der tiefsten Trauer , Gretchen ? « rief sie . » Du wirst dich doch hoffentlich nicht so in der Stadt sehen lassen ? « » Nein . Ich gehe ins Packhaus , « sagte Margarete fest , warf aber doch einen scheuen Blick nach dem Kontor , wo das Fenster klirrte . » Ins Packhaus ? « wiederholte die Frau Amtsrätin und trippelte doppelt geschwind die letzten Stufen herab . » Da muß ich denn doch erst ein Wörtchen mit dir reden . « » Ich auch ! « rief Reinhold herüber und schlug das Fenster wieder zu . Gleich darauf trat er in den Hausflur . » Gehen wir in die Wohnstube ! « sagte die Großmama . Sie warf ihren Schleier zurück und ging voran , und Margarete mußte wohl oder übel folgen , denn Reinhold schritt dicht hinter ihr wie ein eskortierender Gendarm . 23 Kaum in das Zimmer eingetreten , griff er ungeniert nach Margaretens Mantel und schob ihn von dem Körbchen an ihrem Arme weg . » Himbeergelee , Aprikosengelee , « - las er von den Etiketten der Glasbüchsen ab - » lauter gute Sachen aus unserem Keller ! ... Und die soll der Mosje Kurrendeschüler drüben essen , Grete ? « » Der nicht ! « sagte Margarete ruhig . » Du wirst wohl wissen , daß Frau Lenz schwerkrank ist , daß sie einen Schlaganfall gehabt hat . « » Nein , das weiß ich nicht , mir kommen solche Dinge nicht zu Ohren , weil ich nie mit unseren Leuten klatsche . Ich halte es genau wie der Papa , der nie danach gefragt hat , ob die Leute im Packhause leben oder sterben . « » Und das ist die richtige Art , « bestätigte die Großmama . » Strenge Zurückhaltung muß der Fabrikherr beobachten - wo käme er sonst hin , seinen Hunderten von Arbeitern gegenüber ? ... Aber sage mir nur ums Himmels willen , Grete , was dir einfällt , am hellichten Tage den Theatermantel da umzuhängen ? « Ihr Blick glitt mit scharfer Mißbilligung über die weiße Umhüllung . » Ich wollte nicht so unheimlich dunkel an das Bett der Kranken treten - « » Was ? Um dieser Frau willen unterbrichst du die Trauer für deinen Vater ? « rief die alte Dame erbittert . » Er wird es mir verzeihen - « » Der Papa ? « lachte Reinhold kurz und hart auf . » Sprich doch nicht Dinge , an die du selbst nicht glaubst , Grete ! Damals , wo du auch , vor unser aller Augen , die barmherzige Schwester im Packhause spielen wolltest , da hat er dir streng ein für allemal den Besuch verboten , weil ein solches Hinüber und Herüber nie Brauch im Hause gewesen sei . Und daß es bei seinem Wunsch und Willen bleibt , dafür werde ich sorgen ... Ist es nicht schon an und für sich eine unverzeihliche Taktlosigkeit von dir , zu dem Menschen zu gehen , den wir wegen notorischer Faulheit entlassen mußten . « » Der Mann ist halb erblindet - « » So , weißt du das auch schon ? Nun ja , er sucht sich damit zu entschuldigen ; aber es ist nicht so schlimm . Uebrigens ist er bei weitem nicht lange genug im Geschäft , als daß wir - selbst diese fingierte Erblindung angenommen - verpflichtet wären , uns um ihn und seine Familie zu kümmern . Frage den Buchhalter , der wird dir sagen , daß ich ganz korrekt handle ! - Lege nur deinen Theatermantel ab ! Du wirst einsehen , daß du dich nachgerade lächerlich machst mit deinen unverlangten Samariterdiensten ! « » Nein , Reinhold , das kann ich nicht einsehen , « entgegnete sie sanft , aber fest ; » so wenig wie ich glaube , auch hart und unbarmherzig sein zu müssen , weil du es bist . Ich widerspreche dir ungern , weil ich weiß , daß dich jeder Widerspruch aufregt ; aber bei dem Wunsche , dir jeden Aerger zu ersparen , darf ich nicht andere Pflichten verletzen . « » Dummheit , Grete ! Was geht dich die Malersfrau an ? « » Sie hat Anspruch auf Hilfe und Beistand ihrer Mitmenschen wie jeder andere Kranke auch , und deshalb sei gut , Reinhold , und hindere mich nicht , das zu thun , was ich für gut und recht halte ! « » Und wenn ich dir es trotzdem verbiete ? « » Verbieten ? « wiederholte sie erregt . » Dazu hast du nicht das Recht , Reinhold ! « Er fuhr auf sie hinein und seine bläuliche Gesichtsfarbe verdunkelte sich unheimlich . Die Frau Amtsrätin ergriff beschwichtigend seine Hand . » Wie magst du ihm nur so schroff entgegentreten , Grete ! « zürnte sie . » Allerdings steht ihm bereits ein gewisses Recht zu . In kurzem wird er unumschränkter Herr hier sein