wurde . Der gesamte Pomp des reichen Hauses entfaltete sich bei dieser Gelegenheit , selbst die altgräflichen Juwelen der Ahnen mußten für die festlichen Stunden den Glanz ihrer Erbin erhöhen . Selbstverständlich , daß der Graf zu den Geladenen gehörte . Ich erwartete die Erneuerung seines Antrages . Die Vernunft hatte gesiegt : ich war entschlossen , ja zu sagen . Sooft der 3. August in dieser Weise auf Reckenburg schon verherrlicht worden , es war mir nicht ein einziges Mal eingefallen , daß vor ferner , ferner Zeit im Morgengrauen dieses Tages ich einen ewigen Abschied genommen und das Traumbild meiner Jugend hatte schwinden sehen . Heute , im fünfzigsten Jahre , sollte der dritte August nun mein Verlobungstag werden . Zwölftes Kapitel Mutter und Sohn Das war ein saures Mahl , mein Freund ! Bei dem Toast , den ich auf Seine Majestät den König ausbrachte , blieb ich stecken ; jede Redensart , die ich anstandshalber wechselte , verfing sich in meiner Kehle mit dem Ja , das ich nicht auszusprechen vermochte und doch nicht unausgesprochen lassen wollte . Ein Glück , daß man an die Feste auf der Reckenburg keinen Anspruch als den der vornehmen Langeweile zu stellen gewohnt war . Nach der Tafel zerstreute sich die Gesellschaft im Garten . Ich war allein mit dem Grafen auf der Terrasse geblieben . Er hatte mir schon vor dem Essen gesagt , daß seine Ernennung eingetroffen , eine Entscheidung demnach nicht länger zu verzögern sei . Ich hatte den letzten Kampf bestanden , ein einleitendes Wort tapfer herausgepreßt , und eben wollte ich meine Hand in die seine legen , als ich eine bierbassige Stimme zu meinen Füßen den Namen » Hardine « rufen hörte . Ihr seid , wenn auch in früher Jugend , Zeugen der nun folgenden Szene gewesen , meine Freunde , habt sie ohne Zweifel späterhin manchmal rekapitulieren hören . Ich brauche Euch also nur über die Vorgänge in meinem Innern , die eine so verdächtigende Wirkung hervorbrachten , aufzuklären . Im entscheidenden Momente unterbrochen , blickte ich auf und gewahrte einen jungen , rüstigen Mann , die Glut des Trunkenbolds auf dem Gesicht ; zu jeder Zeit mir die widerwärtigste Begegnung , bei dieser Gelegenheit aber doppelt ein Greuel . Unter wüsten , mir kaum verständlichen Reden stieg er die Stufen heran , ein Fuseldunst quoll mir entgegen : mit der Hand , die ich eben zu einem Verlöbnis ausgestreckt hatte , wehrte ich den dreisten Gesellen von mir ab . Er taumelte , stürzte , und eine Blutspur am Boden trieb mich an , ihn genauer ins Auge zu fassen . Jetzt erst bemerkte ich die verwitterte Uniform , das kriegerische Zeichen des Legionärs , den verkrüppelten Arm ; ich starrte in die narbigen Züge , und eine erschütternde Ahnung überkam mich . Wie er nun aber plötzlich ernüchtert , mir mit geballter Faust und drohendem Trotze gegenübertrat , da weckte das stolze Zurückwerfen des Kopfes , der zornig flammende Blick des blauen Auges in meiner Erinnerung ein lange schlummerndes Bild ; seltsamerweise aber nicht zuerst das des Sohnes , der sich einen Tod auf dem Schlachtfelde gewünscht , sondern das des Vaters , der ihn so früh auf demselben gefunden hatte . Prinz August , nicht August Müller , war plötzlich vor mir lebendig geworden . Die Vision währte nur einen Augenblick . Bei den ersten Worten von Vater und Kind hatte ich mir ihre seltsame Begriffsverwirrung erklärt ; durfte ich aber , konnte ich vor dieser gaffenden Gesellschaft den Irrtum lösen ? Ehe ich noch einen Entschluß gefaßt , hatte sich der Mann zum Gehen gewendet ; ich sah einen aschfarbigen Schatten über seine Züge fliegen , ihn sich zitternd an das Laubengitter klammern ; ich winkte dem Prediger , ihn zu unterstützen , auch der Graf eilte ihm nach in merklicher Verblüffung , bald waren sie in dem Laubengange verschwunden . Ich war nicht in der Stimmung , mich mit meinen Gästen in Erläuterungen einzulassen ; wir beknicksten uns wohl noch später im Schlosse , und entfernten sie sich ohne Abschied : desto besser . Daß einer von ihnen im Ernst an die Bezichtigungen des Fremden glauben könne , kam mir nicht in den Sinn . Ich suchte die Stille meines Zimmers . In Wahrheit , ich fühlte mich tief bewegt . War doch , wie durch einen Zauber , ein lange vergangenes , vergessenes Leben vor mir aufgerüttelt , in dem Augenblicke , wo ich über den Rest desselben zu verfügen im Begriffe stand ! Dazu der verwahrloste Zustand des Mannes und seines Kindes , die Täuschung , der er sich hingegeben und deren Berechtigung sein und mein alter Freund mir warnend vorausgekündigt hatte . So sollte ich diesem Freunde nach einem Menschenalter doch noch seine vielverspottete Fürsorge danken lernen . Während ich nach August Müllers Taufzeugnis in meinen Papieren kramte , zweifelte ich nicht an meinem Recht , den betörten Mann über seine Herkunft aufzuklären . Ich zeigte ihm , so meinte ich , das Attest , verschwieg den Namen des Vaters , wie das fernere Schicksal der Mutter , und wenn ich für ein schickliches Unterkommen von Vater wie Tochter Sorge trug und ihre Zukunft sicherstellte , war der Handel abgemacht . Eben hatte ich nach langem Suchen das Zeugnis gefunden , als der Prediger mit dem Grafen bei mir eintrat . Der letztere in einer Aufregung , die mich an dem gehaltenen Manne unangenehm befremdete . » Er liegt im Wirtshause und simuliert eine Krankheit , « rief er mir hastig entgegen . » Er ist krank , Herr Graf , « widersprach der Prediger , » das Fieber schüttelt ihn . « - » Ein Katzenjammer , wenn nicht das Delirium des Trunkenbolds ! « entgegnete der Graf . » Ein Glück , daß ich heute noch Landrat des Kreises heiße und ihm seine Papiere abnehmen durfte . Lesen Sie , Fräulein von Reckenburg ! « Er übergab mir bei diesen Worten jene