Herz , gilt es unser Mitleid , unsere Aufopferung , dann wird sogar ein College einmal zum Claqueur des Collegen und das - will viel sagen ! Dieser bittern und menschenfeindlichen Aeußerung erinnerte sich Lucinde , als sie den Eifer sah , mit dem man Serlo bestattete , seine Angelegenheiten ordnete , für seine Anerkennung sogar durch die Presse sorgte . Jetzt hatte jeder das Ringen des Armen beobachtet , jetzt hatte jeder gefunden , daß er eines bessern Looses würdig gewesen war . O diese Grabredner ! sprach Serlo einst schon früher einmal wie in Vorahnung . Man möchte diese Kerle immer fragen , warum sie nicht früher das Maul aufthaten ? Für alle diese Liebesdienste wurde ein Comité niedergesetzt und Lucinden selbst der Ueberschuß einer Subscription angeboten . Sie nahm für sich nur , was für das » unterbrochene Opferfest « , wie ein bewunderter Witzbold und beliebter Zeitungsreferent von der Vorstellung der Jungfrau gesagt hatte , von der Direction gezahlt wurde . Sie wohnte dann noch dem Begräbniß und der theilweisen Versiegelung der Verlassenschaft bei , schrieb an Madame Serlo und die Kinder , ließ , was sie noch entbehren konnte , dem Todtengräber zurück , um einige Jahre lang Serlo ' s Grab zu schmücken , und reiste ohne Plan , ohne Ziel blindlings in die weite Welt hinaus . Zunächst nur über die düstern Berge hinweg , die waldigen , dunkeln Fichtennadelhöhen ... Nur in freundlichere , sonnigere Thäler ! Sie wollte womöglich die Stadt sehen , in der Serlo geboren war und noch Anverwandte hatte . Dann hoffte sie irgendwie und wo weiter zu kommen ... Was das Leben zur Schule machen kann , glaubte sie hinter sich zu haben . Eine Schülerin im großen Lehrgange des Schicksals erschien sie sich nicht mehr . Sie mußte schon wieder bitter lachen , als sie so im Eilwagen über die Schluchten des Rhöngebirges fuhr , dabei an die Wölfe des Revierförsters , an ihre Langen-Nauenheimer Wandlandkarte dachte und ihr immer die Klänge ihrer Rolle im Ohre summten . Auch andere Rollen wurden lebendig . Wie viel hatte sie nicht auswendig gelernt und studirt ! Fahr ' hin , lammherzige Gelassenheit ! Zum Himmel fliehe , leidende Geduld ! Diese Worte wiederholte sie am öftersten . Verirrung schien ihr alles , was sie bisher erlebt . Sie sah neue Ströme , neue Thäler , neue Ebenen ; sie fühlte wieder die Kraft , ihr Schicksal sich selbst zu gestalten . Wie aber und womit ? Wo den Handschuh hinschleudern zur Fehde gegen Natur , Menschen , Erde , Himmel ? Nach Schloß Neuhof zurückkehren ? Dort dem Kronsyndikus , wenn er noch lebte , ein Wachtauf ! Wachtauf ! rufen ? Thatsachen geltend machen , die nicht ganz aus ihrem umflorten Gedächtniß entschwunden waren ? Dann hätte sie freilich nach Norden zurück müssen und schon hatte sie ' s unwiderstehlich nach dem Süden gezogen . Als man Serlo auf dem Friedhofe , dem katholischen , begraben hatte , war sie zugegen gewesen und hatte von fern gestanden . Sie gehörte dem Dahingegangenen zwar am meisten an , aber das auf der Bühne Erlebte zwang sie , an den Grabeshügel erst dann heranzutreten , als alle sich entfernt hatten , der Weihrauch verduftet , die schönen Gesänge des Theaterchors verklungen waren . Da hatte sie noch eine Thräne in ihrem brennendheißen Auge gehabt . Dann warf auch sie drei Hände voll Erde auf das Grab , nahm jene Rücksprache mit dem Todtengräber und war nur noch eine Weile unter den Gräbern gewandelt . In der Nähe lag der Kirchhof , auf dem ihre Schwester begraben sein mußte ... Er stand offen ... Sollte sie hineingehen ? ... Ueberall las sie : » Friede und Glück « ... Wo es so viel Gräber gibt , so viel müde , gequälte , betrogene Herzen , Glück ? Ja , Glück , unter der Erde im Nichts sich ausruhen ! Im Nichts ! So glaubte sie schon . Alles schien ihr Traum und Wahn . Verwirrung , Krieg , fester Wille nur , und den Fuß gesetzt auf jeden Nacken , der sich nicht beugen will ! Das schien ihr eine Aufgabe , allein des Lebens würdig ... Sie ging nicht auf den Friedhof . In eine altberühmte Stadt kam sie und fand Verwandte Serlo ' s. Diese fragten nach seinem Nachlaß . Sie sagte , sie hätte nichts , ging und belächelte ihre Anwandlung von Gefühl . Mit sich kämpfend , ob sie an den Kronsyndikus , vielleicht an seinen Sohn , den Oberregierungsrath , schreiben , bitten , vielleicht drohen sollte , las sie in der Zeitung des Orts folgende Aufforderung : » Man sucht im orthopädischen Institut ein gebildetes junges Frauenzimmer katholischer Confession , das der Sprachen und Musik vollkommen kundig sein muß . Näheres bei dem Director . « Ein orthopädisches Institut ! Eine Erziehungsanstalt für die Unarten des Körpers ; eine Correctionsanstalt der Natur ! Die hier gemeinte war weit berühmt . Sie war eine der ersten gewesen , die man in Deutschland überhaupt anlegte ; sie wurde vom Landesfürsten königlich unterstützt . Es strömten ihr aus allen Gegenden , selbst aus England und Amerika Pfleglinge , größtentheils junge Mädchen zu , von denen nicht einmal alle an ganz auffallenden , durch das Streckbett zu heilenden Fehlern litten ; die Neigung , dem Körper seinen natürlichen Wuchs zu entziehen , ist ja leider tief in die erste Erziehungs- und Bekleidungssitte unserer Zeit eingerissen , so tief , daß bei einer Untersuchung , die jener Fürst einmal in einem adeligen Töchterinstitut anstellen ließ , fast die Hälfte von hundertachtzig jungen Mädchen keinen richtigen Wuchs oder Gang hatte ! Lucinde stellte sich dem Director vor und gab allerlei Auskunft über ihr vergangenes Leben . Da sie sich gewandt französisch ausdrückte , etwas Englisch verstand , vollkommen fertig Klavier spielte , war die Prüfung bald geendigt . Auch ihr bestimmtes Wesen gefiel . Man wurde über die Bedingungen einig