Ulla floß vom Ullagrund in zwei Armen hernieder , von denen der eine raschere und bewegte die Mühle bewässerte , die , wie wir wissen , die kranke Müllerin nicht verlassen wollte ; der andere schlängelte sich hier und da durch den Ort und machte eine Menge kleiner Stege und Brücken nothwendig , die ein Haus mit dem andern gar traulich verbanden . In der Mitte des baum- und buschdurchzogenen Ortes lag ein kleiner Teich , auf dem Enten sich tummelten . Zur Seite , von düstern und verschnittenen Linden beschattet , lag des Pfarrers Wohnung , vor der die Stromer ' schen Kinder spielten und baarbeinig , gleich allen andern Kindern des Ortes , mit den Enten um die Wette in der Ulla und dem Teiche wateten . Höher hinauf lagen dann herrschaftliche Gebäude , vor allen » das Amt « , nach alter Bauart , von einem Hofe mit Portal und Einfahrt umschlossen . Dankmar konnte von der Krone bis in die Zimmer der Frau von Zeisel hinüberblicken und bemerkte wol die kleine , sehr geputzte Dame , die unruhig und unbestimmt wie ein lebendiges Fragezeichen an den hohen Fenstern saß und bald an feiner Wäsche arbeitete , bald in einem Buche las , bald zum Fenster hinausschaute , bald in einem der Amtswohnung zur Seite liegenden Garten mit einem Körbchen unterm Arm sicher und bewußt auf und ab mehr trippelte als in ruhiger Würde und zufriedener Stimmung schritt . Zur Linken ging ' s dann nach dem Schlosse hinauf . In der Mitte zwischen dem Schloßberg und dem » Amt « lag auch jener gewaltige Thurm , von dem Hackert Veranlassung genommen hatte , seine erbauliche Schilderung der Patrimonialgerichtsbarkeit zu entwerfen . Es war ein festes und gutes » Stück Arbeit « dieser alte Zwinger der Ungebehrdigen und Tröster der etwa Reuevollen . Nur lag er sonderbarer Weise etwas einsam , ganz am Ende des Ortes . Denn hinter ihm lagen getrennt nur durch eine vom sonnigsten Himmel überwölbte fruchtbare Ebene sogleich die blauen Ränder der Berge , die dem nach ihnen pilgernden Wanderer , wie Dankmar gehört hatte , die reichste Mannigfaltigkeit von Tannengeschmückten Gründen , Wildbächen mit kleinen Wasserfällen , schroffen Abhängen und lieblichen Thälern bieten sollten . Auch von Kohlenmeilern , Steinbrüchen und besonders einer Sägemühle wurde gesprochen , die Dankmar besuchen sollte . Die Sägemühle konnte nicht zu weit sein . Dankmar hörte deutlich , wenn die von einem Waldbach getriebenen Räder wahrscheinlich standen und die großen Sägen wieder frisch geschärft wurden . Es klang das so hell und klingend herüber , daß er anfangs glaubte , in dem Walde da oben läge eine Kirche verborgen und die Glocke riefe jedes Christenherz , sie in ihrem grünen Verstecke aufzusuchen . Dankmar war eine verstandesklare dialektische Natur ; doch wenn auch das Gemüth bei ihm öfters schlummerte , so lebte es doch unter der Decke der Gedanken . Er besaß unter Anderm auch die schöne Eigenschaft gemüthlicher Naturen , daß er das Anmuthige und Wohlthuende nie für sich allein empfinden mochte , sondern zugleich auch mit für Die , die er liebte und die er bei seinem Genusse anwesend wünschte . Er gedachte , als er am Abend seiner Ankunft sogleich noch einen Spaziergang im Orte und seiner nächsten Umgebung machte und die Schönheiten des Eindrucks in vollen Zügen einsog , sogleich seines geliebten , zu früh geschiedenen herrlichen Vaters , der , wie hier in Plessen jetzt der ihm unbekannte Pfarrer , so in Thaldüren still und reichern Looses würdig gehaust hatte . In den kleinen Kindern , die da im Entenpfuhl wateten , erkannte er sich und Siegbert wieder . Er betrachtete wehmüthig die dunklen , von den Lindenbäumen allzudüster beschatteten Fensterscheiben der Pfarrerwohnung . Der Pfarrer und seine Frau , beide fast festlich geschmückt , verließen gerade , als er so in Gedanken und Herzensvergleichen stand , die Wohnung ... wir wissen , daß sie zum Schlosse hinaufgingen . Dankmar trat zurück , um nicht gesehen zu werden . Er vergegenwärtigte , Guido Stromern prüfend , sich den doch viel ehrwürdigern Vater und die theuere Mutter , die jetzt daheim einsam in dem Sterbehause zu Angerode ihre Wittwenzeit vertrauerte . Dieses Pfarrerpaar dort ging so stumm , so kalt neben einander ! Stumm und kalt ? sagte er sich ... und gedachte der Vergangenheit . Ach ! Er mußte sich gestehen , daß auch seine Ältern nicht immer in jüngeren Jahren auf einen Ton gestimmt waren .... Eine Thräne stand ihm im Auge , als er der Zeiten sich entsann , die ihm als Kind nicht verständlich waren , jetzt aber klarer vom Jüngling begriffen wurden , der Zeiten , wo der Vater auch oft Noth hatte , sich mit einer schönen , gutherzigen , aber zuweilen anspruchsvollen , aufbrausenden und eigensinnigen Frau zu vermitteln . Später , als die Mutter an ihrer eigenen Familie , besonders an einem heißgeliebten verschollenen Bruder viel Leids erfuhr , ebnete sich auch in ihrer Brust der etwas schroffe Sinn und manches wärmere Wort entquoll den welkeren Lippen , die damals , als sie rosig waren , selten gebebt , selten gezittert hatten und selbst dann nicht gezittert , wenn den Vater der Schmerz darüber verzehrte . Das sind so Stimmungen in den Herzen der Kinder , wo sie die Erde aufwühlen und die theuern Todten aus der Gruft wecken möchten , um ihnen zu sagen : Was hast du gelitten und wir verstanden es nicht ? Was hast du von uns fodern dürfen und wir ersetzten dir nichts ? Warum lebtet ihr nicht so lange , daß ihr euch ganz verstandet ? Warum sieht nun jetzt Einer nicht die Trauer des Andern ? .... Bei solchen Erinnerungen kommt natürlich auch in ein sonst so weltliches Gemüth , wie das unsers Dankmar , ein ernster Anflug jener Stimmung , die uns ja auch die unerschütterliche , auf die ewige Gerechtigkeit begründete Nothwendigkeit des Wiedersehens dieser unserer Lieben wie eine Gewißheit in die Hand giebt ,