Nußbaumholz zwei Gläser Milch zur Erfrischung und entschuldigte sich dann , daß sie nicht unbedeutender Geschäfte halber zu ihrem alten Vater hinüber müsse . So saßen die beiden in der kühlen Dämmerung , und es schien , als könne keines von beiden das erste Wort finden , um ein Gespräch in den Gang zu bringen . Leonhard blickte sinnend umher , und es schien ihm , als wenn das Eintreten in das kleine Haus , sowie die Entfernung der jungen Frau , etwas Abgeredetes sei , welches der Zufall nicht so herbeigeführt haben könne . Warum ihn dieser Argwohn , oder diese Entdeckung , statt ihn fröhlich zu machen , schwermütig stimme , begriff er selber nicht . Charlotte stand auf und sah aus dem Fenster ; dann setzte sie sich wieder zu ihm und näher als zuvor , sah ihn mit ihrem süßen , verführerischen Lächeln an , und von den vollen roten Lippen sprang nur die einzige Silbe : » Nun ? « » Wie glücklich bin ich « , sagte er nach einer kleinen Pause » mich so an Ihrer Seite in dieser seligen Einsamkeit zu finden ! « » So ? « sagte sie , indem sie ihm mit der flachen Hand vor die Stirn schlug ; » warum sind denn diese Augen so leuchtend und schön , warum ist denn diese Stirn so sinnend und gedankenreich , wenn Euer Wohlgeboren nichts Besseres zu sagen wissen - in einer Minute , auf welche ich mich schon seit lange gefreut habe ? O du Böser , Abscheulicher ! Wie klang neulich das vertrauliche Du so süß von deinen Lippen ! « Sie stand auf , umschlang ihn mit ihren Armen und küßte ihn lebhaft . » Ist es dir so recht , Anmaßender ? Dankst du es mir nun , daß ich dich so unendlich liebhabe ? daß ich dich anbeten muß ? O nein , du bist nicht wie die andern Männer . « » O Lottchen ! « rief Leonhard begeistert aus , » wie habe ich dich hier finden müssen , dich , du einziges Wesen ! Die Sinne vergehen mir , und die Welt verschwindet , wenn ich dich so in meinen Armen halte . « Die zärtlichsten Küsse unterbrachen und hemmten das Gespräch . Sie duldete seine Liebkosungen und freute sich der entzückten Worte , die er im Taumel über ihre Schönheit aussprach . » Ist das nicht ein Leben ? « rief sie endlich , » doch wohl besser , als euer einfältiges Komödiespielen ! So hin und her schlendern , so stammeln in Empfindungen , die auswendig gelernt sind , Worte die sich selber nicht verstehen ! Nicht wahr , ein Händedruck , ein Blick aus dem innersten Auge , und gar ein Kuß , ein herzinniger in welchem die ganze Seele aufblüht , das ist ganz etwas anderes ? « » Geliebteste « , sagte Leonhard , » freilich ist alles vergänglich und muß es sein , aber ein solcher Moment wiegt Jahre auf . « » O wie kann man , wie kann man ohne Liebe leben ? « erwiderte sie » sie ist das Licht und die Sonne unseres Daseins . An jedem Morgen denke ich zuerst an dich , ich warte auf dein Auge ; treten wir in den Saal , so suche ich dich unter den anderen ; ich hasse den , der zwischen uns tritt und dich meinem Auge verdeckt . Dann hör ich deine Stimme - und was ist mir Musik gegen diese Töne , aus denen deine ganze Seele spricht ? Du erzählst , du streitest mit andern , dein Blick trifft den meinigen , der dich schon lange gesucht hat ; du redest mich an - mein Herz zittert ; du lächelst - das fällt in meine Brust , wie der Frühlingsregen in die Blumen ; du gehst - alles ist Schatten . Es wird Nacht . Ich sehe dich vor mir , ich halte dich in meinen Armen , ich träume von dir . Und nun der neue Morgen - und mit jedem Tage , mit jeder Stunde kommt man sich näher , man wird sich unentbehrlicher , Gemüt , Launen , Blicke , Akzente versteht man inniger - o mein Teurer , den Tod nachher , wenn das vorüber ist ; denn wozu noch leben ? O Himmel , wie dürr , wie elend war mein Gemüt und Herz , ehe ich dich kennenlernte ! Mit dir , in dir bin ich erst geworden ! Kannst du mich denn lieben , du Treuer , Einziger ? « » In diesem Kusse « , erwiderte er , » in dieser Umarmung mußt du es fühlen . Wer bin ich , daß du dich meiner so angenommen hast - was kann ich dir sein , dir , die du so reich begabt bist ? « » Schlage den hellen Blick nicht so nieder « , lispelte sie . » Du warst mir fremd , und doch liebe ich dich ; du wirst uns wieder verlassen müssen , und ich werde nicht aufhören , dich zu lieben . Ich weiß von dir nichts weiter , will nichts wissen , als daß du mein bist . Du bist vielleicht in deiner Heimat versprochen , wohl gar vermählt - kann sein ; damals war dir mein Herz noch nicht zugewendet , du kanntest mich noch nicht . Diese Stunden hier gehören uns und sollen uns heilig sein . Du weißt ja auch nicht , ob mein Herz nicht schon früher einmal verloren war ; welch Recht hast du , darnach zu forschen ? Nur die Gegenwart ist unser . « Es gibt Momente im Leben , in welchen ein Glück , selbst ein begehrtes , ängstigt und quält . Das Herz ist dann in seinen Gefühlen zerrissen und zerspalten ; der Geist und Wille können sich nicht aneignen , was doch schon ihr Eigentum ist . In dieser sonderbaren Stimmung war Leonhard jetzt ,