Sie wollen uns verlassen , mein lieber Vetter , ich weiß , es ist nothwendig und Ihre Reise läßt sich nicht aufschieben ; aber ich bitte Sie , eilen Sie recht bald zu uns zurück . Ich weiß , Sie haben geglaubt , daß ich Ihnen den Weg zu dem Herzen des Grafen verschließe ; Sie haben mir Unrecht gethan , es ist nie so gewesen ; mein Unrecht gegen Sie besteht einzig darin , daß ich mich zu selbstsüchtig in meinen eigenen Gram verloren habe und deßwegen nicht an die Verwandten meines Gemahls dachte ; dieß Unrecht bitte ich Ihnen ab . Wenn Sie zurückkommen , werden Sie mich vielleicht besser finden , und dann , hoffe ich , werden Sie sich wohl in dem Hause liebevoller Verwandten fühlen , und jedes Mißtrauen gegen mich und den Grafen wird schwinden . Vielleicht aber finden Sie mich bei Ihrer Rückkehr nicht mehr , vielleicht sind dann schon alle meine Leiden geendigt ; dann , mein theurer Vetter , dann bringen Sie ein kindliches Herz für Ihren Oheim mit und lassen Sie ihn fühlen , daß er nicht verarmt an Liebe ist , wenn auch mein Herz nicht mehr für ihn schlägt . Der junge Graf wollte antworten , aber die Wehmuth beherrschte seine Stimme . Die Gräfin schien ihm so krank , daß er in der That fürchtete , dieß seien die letzten Worte , welche dieser Mund jemals zu ihm sprechen würde ; er beugte sich über ihre Hand und benetzte sie mit heißen Thränen , indem er sie küßte . Lassen Sie uns jetzt scheiden , sagte die Kranke , indem sie die Hand des jungen Mannes schwach drückte . Ich darf nicht die letzten Kräfte meines Lebens in Rührung und Wehmuth auflösen , ich muß mich sammeln , um wenigstens noch ein Mal meinen Gemahl sprechen zu können . Nicht wahr , Ihr Versprechen habe ich , Sie werden sich mit Liebe an sein edles Herz schließen ? Es soll die Aufgabe meines Lebens sein , rief der junge Graf , sein Wohlwollen zu verdienen . So leben Sie nun wohl , sagte die Kranke , vielleicht sehen wir uns wieder . Der Himmel kann nicht so grausam sein , erwiederte der junge Graf , er wird uns allen Ihr theures Leben erhalten . So lassen Sie uns denn in dieser Hoffnung scheiden , sagte die Kranke mit matter Stimme , und Emilie führte den jungen Grafen hinaus , der seine Bewegung nicht beherrschen konnte und in seine Begleiterin drang , ihm zu sagen , welche Hoffnung sie hege . Diese antwortete ihm nur mit Thränen und deutete mit der Hand nach oben , zum Zeichen , daß sie nur vom Himmel Hülfe erwarte . St. Julien hatte sich einige Mal im Vorzimmer der Gräfin gezeigt , um nach ihrem Befinden zu fragen , jetzt traf er auf den jungen Grafen , und dieser theilte ihm in heftiger Bewegung die Unterredung mit , die er eben mit seiner Tante gehabt hatte . Beide Freunde trennten sich hierauf mit Thränen , und der junge Graf beschwor St. Julien , ihm einen Eilboten zu schicken , wenn der Zustand der Gräfin schlimmer werden sollte , da er aus Rücksicht für seine Eltern seine Reise nicht aufschieben dürfe . St. Julien suchte den Grafen auf , um in dessen Nähe Trost in der quälenden Unruhe zu finden , die ihn zu zerstören drohte ; dieser hatte sich in sein Kabinet verschlossen und war für Niemand zugänglich . Der bekümmerte junge Mann schlich nun zu Dübois , der ihn dadurch einiger Maßen aufrichtete , daß er ihm vertraute , wie die Gräfin schon oft in so bedenklichem Zustande gewesen sei , daß ihr aber Gott jedes Mal die wunderbare Kraft gewährt habe , sich durch den starken Willen der Seele wieder zu erheben , und daß er auch dieß Mal nicht verzage , wiewohl er zu den Mitteln des Arztes nicht das mindeste Vertrauen habe . So schwach dieser Trost auch war , so ergriff ihn St. Julien doch als eine sichere Hoffnung ; er konnte den Gedanken nicht fassen , daß die Gräfin aus dem Leben scheiden sollte ; es schien ihm , als würden dadurch die Wurzeln seines eignen Daseins gestört . Dübois kehrte nach dem Vorzimmer der Kranken zurück und St. Julien begleitete ihn . Auf die leise Frage des Haushofmeisters erwiederte Emilie , die Gräfin sei ruhig , wolle aber Niemanden sprechen , als den Grafen , und auch diesen nur , wenn er von selbst käme , rufen sollte ihn Niemand . Der junge Mann hörte die ihm so theure Stimme , die Jederman den Eintritt versagte , er schlich also hinweg und suchte auf einem langen einsamen Spaziergange sein klopfendes Herz zu beruhigen . Der Graf hatte das Packet aus Emiliens Händen empfangen , er hatte sich in sein Kabinet verschlossen , um es sogleich , wie seine Gemahlin es wünschte , zu lesen , und dennoch kam es ihm seltsam und fremd vor , daß er sich mit todten Buchstaben beschäftigen sollte , in den Augenblicken , da die Krankheit des theuersten Wesens ihm die Seele mit so lebhafter Unruhe erfüllte . Warum sollte er überhaupt lesen , was sie ihm mit wenigen Worten sagen konnte ? In allen Dingen , auch hierin , schloß er seine Betrachtungen endlich , will ich ihr meine Liebe beweisen , ich will jedes andere Gefühl beherrschen , jeden anderen Gedanken verbannen und thun , was sie von mir fordert . Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte , setzte er sich an seinen Schreibtisch , löste das Siegel , entfaltete die Blätter und las Folgendes : II Wenn diese Blätter in die Hände meines Gemahls fallen , hob die Handschrift der Gräfin an , dann hat vielleicht das Herz aufgehört zu schlagen , das ihn so innig liebte und ehrte , und dennoch nie den Muth finden konnte , ihn in die Tiefe des Jammers blicken zu lassen