welches das Mädchen auf dem bloßen Leibe hängen hatte , und das sonst niemand jemals bei ihr bemerkt . Es war das Portrait eines sehr schönen , etwa neunjährigen Mädchens . Sie nahm es ab und überreichte es Friedrich . Sein Gesicht veränderte sich , als er den ersten Blick darauf warf ; denn es waren die Züge der kleinen Angelina , mit der er als Kind so oft im Garten gespielt , und welcher , wie es ihm nun ganz klarwurde , das Kind Maria auf dem Heiligenbilde des verlassenen Gebirgsschlosses so auffallend ähnlich sah . Er betrachtete es lange gerührt und stillschweigend . Da fielen ihm die rätselhaften Worte wieder ein , die Erwin sterbend von dem Alten im Walde gesagt hatte . Er zweifelte nicht , daß dieser um vieles wissen müsse , was ihnen Licht über das sonderbare Leben der Verstorbenen und ihren Zusammenhang mit seiner eigenen Kindheit geben könne . Er erzählte es Leontin . Dieser erschrak darüber und ward bei jedem Worte aufmerksamer ; er schien den Alten selber schon gesehen zu haben , doch sagte er nicht , wann und wo . Die beiden Freunde beschlossen nun , jenen Winken Erwins zufolge die Richtung nach dem beschriebenen Walde hin zu nehmen , um dort vielleicht eine erwünschte Auflösung zu erhalten , da überdies jene Wildnis von Feinden rein und der Weg Leontin ziemlich bekannt war . Es wurde schnell alles vorbereitet . Sie nahmen herzlichen Abschied von Julie , mit dem Versprechen , einander so bald als möglich wiederzusehen , und Julie ritt nun mit ihrer süßen , traurigen Last , die sie in ihrer bunten Kleidung wie eine abgebrochene Blume auf einem Pferde neben sich herführte , von der einen Seite nach Hause , während sie von der andern gegen Sonnenaufgang in den großen Wald fortzogen . Einundzwanzigstes Kapitel Der Morgen stieg dampfend aus den Wäldern , als die beiden Grafen schon fern über einen einsamen Wiesengrund hinritten , der seltsamen Ereignisse dieser Nacht gedenkend . Der Weg war für jeden Fremdling fast ungangbar , die Entfernung , die sie in den wenigen Stunden zurückgelegt , ziemlich beträchtlich , sie konnten schon langsamer und gemächlicher ziehn . Da erzählte Leontin Friedrich Folgendes : » Es war ein schöner Sommermorgen , da Julie in ihrem Schlafzimmer , das , wie du weißt , auf den Garten hinausgeht , noch schlummerte , als sie draußen von einer bekannten Stimme mit einem bekannten Liede geweckt wurde . Sie trat in den Garten hinaus und sah Erwin , der wieder auf der Blumenterrasse saß und in das glänzende Land hinaussang . Mit pochendem Herzen flog sie zu ihm und fragte ihn nach seinem Herrn . Der Knabe sah sie aber starr an , er war blaß und seltsam verwildert im Gesichte , und aus seinen verwirrten Antworten bemerkte sie bald mit Schrecken , daß er verrückt sei . - In solchem Gemütszustande hatte er uns nämlich in jener Nacht auf dem Rheine so unbegreiflich verlassen , und auf unzähligen Umwegen zu dem Schlosse des Herrn v. A. sich geflüchtet , wahrscheinlich aus Eifersucht , denn die beiden Jäger , die wir damals in der alten Burg trafen , und die dann mit uns auf dem Rheine fuhren , waren , wie ich nachher erfuhr , niemand anders , als Romana und meine Schwester Rosa , welche Erwin bei dem schnellen Lichte des Blitzes , gleichwie mit schärferen Sinnen , plötzlich erkannt hatte . « - Friedrich verwunderte sich hier über die gewagte Kleidung der beiden Weiber und beklagte das unglückliche Ohngefähr , indem ihm dabei alles , was in jener Nacht vorgegangen , wieder erinnerlich ward . - Leontin fuhr fort : » Erwin verriet durch seine jetzige verwirrte Unachtsamkeit und seine tiefe , unüberwindliche Neigung zu dir gar bald sein Geschlecht . Das unglückliche Mädchen sang sehr viel , und ihre Lieder zeigten oft eine zeitig aufgereizte und heimlich genährte , heftige Sinnlichkeit . Von ihrem frühesten Leben war auch jetzt nicht das mindeste herauszukriegen . Julie bot alles auf , sie zu retten . Sie nannte sie Erwine , gab ihr Frauenzimmerkleider , suchte überhaupt alles erinnernde Phantastische aus ihrer Lebensweise zu entfernen und taufte sie so , nach dem gewöhnlichen Verfahren in solchen Fällen , in gemeingültige Prosa . Das Mädchen wurde dadurch auch stiller , aber es war eine wahre Grabesstille , von der sie sich nur manchmal im Gesange wieder zu erholen schien . So traf ich sie , als ich verwundet auf dem Schlosse ankam . Mein erster Anblick verdarb auf einmal wieder viel an ihr , doch nur vorübergehend . Viel heftiger , und uns allen unerklärlich aber erschütterte sie der Anblick der alten Mühle , wohin wir sie mitnahmen , als ich hingebracht wurde ; sie zitterte am ganzen Leibe . Julie nahm sie daher künftig niemals mehr mit dorthin . Gestern aber war sie ihr heimlich nachgeschlichen , und sie war es , die du im weißen Gewande singend vor der Mühle trafst . Wir waren in nicht geringer Besorgnis , daß sie dich nicht so plötzlich wiedersehe , und Julie schickte sie daher heimlich mit dem Bedienten sogleich wieder auf das Schloß zurück . Dort muß sie aber in der Nacht ihrer alten Knabentracht habhaft geworden und noch einmal entwichen sein . « Der Schluß von Leontins Erzählung bestätigte Friedrichs Ahnung , daß Erwin wirklich dasselbe Mädchen sein müsse , das ihm damals in jener fürchterlichen Nacht in der Mühle Feuer gemacht und hinaufgeleuchtet hatte , womit auch ihre schon bemerkte Ähnlichkeit vollkommen übereinstimmte . Er versank darüber in Gedanken und sie beschleunigten beide stillschweigend wieder ihre Reise . Gegen Abend erblickten sie auf einmal von einer Höhe fern unten die Kuppeln der Residenz . Ein von plötzlichem Regen angeschwollener Gebirgsbach hinderte sie zugleich , ihren Weg in der bisherigen Richtung fortzusetzen . Sie blieben eine Weile unentschlossen stehen . Die Dämmerung fing indes an , sich niederzusenken , da bemerkten sie mit Verwunderung Feuerblicke und