, als man die Tasse dem Munde nähert . Er fragt mit Ernst und Hast , wie es ihm der Umstand eingab , was Ottilie heute genossen habe . Das Mädchen stockt ; er wiederholt seine Frage ; das Mädchen bekennt , Ottilie habe nichts genossen . Nanny scheint ihm ängstlicher als billig . Er reißt sie in ein Nebenzimmer , Charlotte folgt , das Mädchen wirft sich auf die Kniee , sie gesteht , daß Ottilie schon lange so gut wie nichts genieße . Auf Andringen Ottiliens habe sie die Speisen an ihrer Statt genossen ; verschwiegen habe sie es wegen bittender und drohender Gebärden ihrer Gebieterin , und auch , setzte sie unschuldig hinzu , weil es ihr gar so gut geschmeckt . Der Major und Mittler kamen heran ; sie fanden Charlotten tätig in Gesellschaft des Arztes . Das bleiche himmlische Kind saß , sich selbst bewußt , wie es schien , in der Ecke des Sofas . Man bittet sie , sich niederzulegen ; sie verweigerts , winkt aber , daß man das Köfferchen herbeibringe . Sie setzt ihre Füße darauf und findet sich in einer halb liegenden , bequemen Stellung . Sie scheint Abschied nehmen zu wollen , ihre Gebärden drücken den Umstehenden die zarteste Anhänglichkeit aus , Liebe , Dankbarkeit , Abbitte und das herzlichste Lebewohl . Eduard , der vom Pferde steigt , vernimmt den Zustand , er stürzt in das Zimmer , er wirft sich an ihre Seite nieder , faßt ihre Hand und überschwemmt sie mit stummen Tränen . So bleibt er lange . Endlich ruft er aus : » Soll ich deine Stimme nicht wieder hören ? Wirst du nicht mit einem Wort für mich ins Leben zurückkehren ? Gut , gut ! ich folge dir hinüber ; da werden wir mit andern Sprachen reden ! « Sie drückt ihm kräftig die Hand , sie blickt ihn lebevoll und liebevoll an , und nach einem tiefen Atemzug , nach einer himmlischen , stummen Bewegung der Lippen : » Versprich mir zu leben ! « ruft sie aus , mit holder , zärtlicher Anstrengung ; doch gleich sinkt sie zurück . » Ich versprech es ! « rief er ihr entgegen , doch rief er es ihr nur nach ; sie war schon abgeschieden . Nach einer tränenvollen Nacht fiel die Sorge , die geliebten Reste zu bestatten , Charlotten anheim . Der Major und Mittler standen ihr bei . Eduards Zustand war zu bejammern . Wie er sich aus seiner Verzweiflung nur hervorheben und einigermaßen besinnen konnte , bestand er darauf , Ottilie sollte nicht aus dem Schlosse gebracht , sie sollte gewartet , gepflegt , als eine Lebende behandelt werden ; denn sie sei nicht tot , sie könne nicht tot sein . Man tat ihm seinen Willen , insofern man wenigstens das unterließ , was er verboten hatte . Er verlangte nicht , sie zu sehen . Noch ein anderer Schreck ergriff , noch eine andere Sorge beschäftigte die Freunde . Nanny , von dem Arzt heftig gescholten , durch Drohungen zum Bekenntnis genötigt und nach dem Bekenntnis mit Vorwürfen überhäuft , war entflohen . Nach langem Suchen fand man sie wieder , sie schien außer sich zu sein . Ihre Eltern nahmen sie zu sich . Die beste Begegnung schien nicht anzuschlagen , man mußte sie einsperren , weil sie wieder zu entfliehen drohte . Stufenweise gelang es , Eduarden der heftigsten Verzweiflung zu entreißen , aber nur zu seinem Unglück ; denn es ward ihm deutlich , es ward ihm gewiß , daß er das Glück seines Lebens für immer verloren habe . Man wagte es ihm vorzustellen , daß Ottilie , in jener Kapelle beigesetzt , noch immer unter den Lebendigen bleiben und einer freundlichen , stillen Wohnung nicht entbehren würde . Es fiel schwer , seine Einwilligung zu erhalten , und nur unter der Bedingung , daß sie im offenen Sarge hinausgetragen und in dem Gewölbe allenfalls nur mit einem Glasdeckel zugedeckt und eine immerbrennende Lampe gestiftet werden sollte , ließ er sichs zuletzt gefallen und schien sich in alles ergeben zu haben . Man kleidete den holden Körper in jenen Schmuck , den sie sich selbst vorbereitet hatte ; man setzte ihr einen Kranz von Asterblumen auf das Haupt , die wie traurige Gestirne ahnungsvoll glänzten . Die Bahre , die Kirche , die Kapelle zu schmücken , wurden alle Gärten ihres Schmucks beraubt . Sie lagen verödet , als wenn bereits der Winter alle Freude aus den Beeten weggetilgt hätte . Beim frühsten Morgen wurde sie im offnen Sarge aus dem Schloß getragen , und die aufgehende Sonne rötete nochmals das himmlische Gesicht . Die Begleitenden drängten sich um die Träger , niemand wollte vorausgehn , niemand folgen , jedermann sie umgeben , jedermann noch zum letztenmale ihre Gegenwart genießen . Knaben , Männer und Frauen , keins blieb ungerührt . Untröstlich waren die Mädchen , die ihren Verlust am unmittelbarsten empfanden . Nanny fehlte . Man hatte sie zurückgehalten , oder vielmehr man hatte ihr den Tag und die Stunde des Begräbnisses verheimlicht . Man bewachte sie bei ihren Eltern in einer Kammer , die nach dem Garten ging . Als sie aber die Glocken läuten hörte , ward sie nur allzubald inne , was vorging , und da ihre Wächterin aus Neugierde , den Zug zu sehen , sie verließ , entkam sie zum Fenster hinaus auf einen Gang und von da , weil sie alle Türen verschlossen fand , auf den Oberboden . Eben schwankte der Zug den reinlichen , mit Blättern bestreuten Weg durchs Dorf hin . Nanny sah ihre Gebieterin deutlich unter sich , deutlicher , vollständiger , schöner als alle , die dem Zuge folgten . Überirdisch , wie auf Wolken oder Wogen getragen , schien sie ihrer Dienerin zu winken , und diese , verworren , schwankend , taumelnd , stürzte hinab . Auseinander fahr die Menge mit einem entsetzlichen Schrei nach allen Seiten .