hochherzigen Jüngling mit keuschen Mädchenwangen und stolzer Männerstirn , der ein solches Vertrauen auf seine wankende Seele setzte , und dessen Herz so weit offen stand , und an dessen Phantasie sogar er die Heiligkeit beneidete , lang anblickte : so rührte ihn die Täuschung des Edeln bis zum Schmerz , und sein Herz drängte sich vor und wollte ihm mit Tränen sagen : Albano , ich bin deiner nicht wert . Aber dann verlier ' ich ihn , setzt ' er allemal hinzu ; denn er scheuete die moralische Orthodoxie und die Entschiedenheit eines Mannes , der nicht wie ein Mädchen spielend zu erzürnen und wieder zu gewinnen war . Und doch kam der wichtige Tag für beide , wo ers tat . Wie hätt ' er je der Phantasie widerstanden , da er nur durch Phantasie widerstand ! - Ich tu ' ihm halb unrecht ; höret den bessern Engel , der seinen Mund aufschloß . Roquairol ist ein Kind und Opfer des Jahrhunderts . Wie die vornehmen Jünglinge unserer Zeit so früh und so reich mit den Rosen der Freude überlaubt werden , daß sie wie die Gewürzinsulaner den Geruch verlieren und nun die Rosen zum Sybariten-Polster unterbetten , Rosensirup trinken und in Rosenöl sich baden , bis ihnen davon nichts zum Reiz mehr dasteht als die Dornen : so werden die meisten - und oft dieselben - von ihren philanthropischen Lehrern anfangs mit den Früchten der Erkenntnis vollgefüttert , daß sie bald nur die honigdicken Extrakte begehren , dann den Apfel-Wein und Birnmost davon , bis sie sich endlich mit den gebrannten Wassern daraus zersetzen . Haben sie noch dazu wie Roquairol eine Phantasie , die ihr Leben zu einem Naphthaboden macht , aus welchem jeder Fußtritt Feuer zieht : so wird die Flamme , worein die Wissenschaften geworfen werden , und die Verzehrung noch größer . Für diese Abgebrannten des Lebens gibt es dann keine neue Freude und keine neue Wahrheit mehr , und sie haben keine alte ganz und frisch ; eine vertrocknete Zukunft voll Hochmut , Lebensekel , Unglauben und Widerspruch liegt um sie her . Nur noch der Flügel der Phantasie zuckt an ihrer Leiche . Armer Karl ! - Du tatest noch mehr ! Nicht bloß die Wahrheiten , auch die Empfindungen antizipierte er . Alle herrliche Zustände der Menschheit , alle Bewegungen , in welche die Liebe und die Freundschaft und die Natur das Herz erheben , alle diese durchging er früher in Gedichten als im Leben , früher als Schauspieler und Theaterdichter denn als Mensch , früher in der Sonnenseite der Phantasie als in der Wetterseite der Wirklichkeit ; daher als sie endlich lebendig in seiner Brust erschienen , konnt ' er besonnen sie ergreifen , regieren , ertöten und gut ausstopfen für die Eisgrube der künftigen Erinnerung . Die unglückliche Liebe für Linda de Romeiro , die ihn später vielleicht gestählet hätte , öffnete so früh alle Adern seines Herzens und badete es warm im eignen Blute ; er stürzte sich in gute und böse Zerstreuungen und Liebeshändel und stellte hinterher alles auf dem Papier und Theater wieder dar , was er bereuete oder segnete ; und jede Darstellung höhlte ihn tiefer aus , wie der Sonne von ausgeworfenen Welten die Gruben blieben . Sein Herz konnte die heiligen Empfindungen nicht lassen , aber sie waren eine neue Schwelgerei , höchstens ein Stärkungsmittel ( ein tonicum ) ; und gerade von ihrer Höhe lief der Weg zu den Sümpfen der unheiligsten abschüssiger . Wie im dramatischen Dichter engelreine und schmutzige Zustände nebeneinander stehen und folgen , so in seinem Leben ; er fütterte wie in Surinam die Schweine mit Ananas ; gleich den ältern Giganten hatt ' er hebende Flügel und kriechende Schlangenfüße . Unglücklich ist die weibliche Seele , die sich in ein so großes , mitten im Himmel aufgespanntes Gewebe verfliegt ; und glücklich ist sie , wenn sie sich unvergiftet durchreißet und bloß die Bienenflügel beschmutzt . Aber diese allmächtige Phantasie , diese strömende Liebe , diese Weichheit und Stärke , diese erobernde Besonnenheit wird jede weibliche Psyche mit Gespinsten überziehen , sobald sie nicht die ersten Fäden wegschlägt . - Könnt ' ich euch warnen , arme Mädchen , vor solchen Kunturs , die mit euch in ihren Krallen auffliegen ! Der Himmel unserer Tage hängt voll dieser Adler . Sie lieben euch nicht , aber sie glauben es ; weil sie wie die Seligen in Muhammeds Paradies statt der verlornen Liebes-Arme nur Fittiche der Phantasie haben . Sie sind gleich großen Strömen nur am Ufer warm und in der Mitte kalt . Bald Schwärmer , bald Libertin in der Liebe , durchlief er den Wechsel zwischen Äther und Schlamm immer schneller , bis er beide vermischte . Seine Blüten stiegen am lackierten Blumenstabe des Ideals hinauf , der aber farbenlos im Boden verfaulte . Erschreckt , aber glaubt es : er stürzte sich zuweilen absichtlich in die Sünde und Marter hinab , um sich drunten durch die Wunden der Reue und Demut den Schwur der Rückkehr tiefer einzuschneiden ; wie etwan die Ärzte ( Darwin und Sydenham ) behaupten , daß stärkende Mittel ( China , Stahl , Opium ) kräftiger wirken , wenn vorher schwächende ( Aderlaß , Brechmittel etc. ) verschrieben worden . Äußere Verhältnisse hätten ihm vielleicht etwas helfen können , und das Gelübde der Armut hätt ' ihm die beiden andern erleichtert ; hätte man ihn als Neger verkauft , sein Geist wäre ein freier Weißer und ein Arbeitshaus ihm ein Purgatorium geworden . Daher gaben die ersten Christen den Besessenen immer Geschäfte , z.B. Kirchenausfegen87 u.s.w. Aber das müßige Offiziersleben arbeitete ihn bloß noch eitler und kecker aus . So stand es in seiner Brust , als er an Albanos seine kam - Liebe schwelgerisch aufjagend , aber bloß um mit ihr zu spielen - mit einem unwahren Herzen , dessen Gefühl mehr lyrisches Gedicht als wahres dichtes Wesen ist - unfähig , wahr , ja kaum falsch