Reizen vielleicht eine kleine Demüthigung erspart , wenigstens hättest du dich in einen Hylas157 oder Hyacinth158 verkleiden müssen , um seine Aufmerksamkeit zu erregen . - Doch ich will ihm keinen Vorwurf aus den Versen159 machen , worin er ( damals selbst noch wenig mehr als ein Knabe ) seine Leidenschaft für die schönen Knaben Aster , Alexis , Agathon u.a. ( vielleicht nur um die Mode mitzumachen ) eine sehr feurige Sprache reden ließ ; denn es ist allerdings zu glauben , daß Sokrates , zu welchem er sich seit seinem zwanzigsten Jahre ziemlich fleißig hielt , ihm diese kleine Attische Unart abgewöhnt haben werde . Ich gedachte mich nicht länger zu Ephesus zu verweilen , als nöthig war , eine alte Gastfreundschaft zwischen meiner Familie und einem hiesigen angesehenen Hause zu erneuern , und den weltberühmten Tempel der Ephesischen Göttin zu besehen . Zufälligerweise erfahre ich von dem alten Maler Evenor , daß sein ehmaliger Schüler Parrhasius ( ein geborner Ephesier ) täglich erwartet werde . Der alte Mann legte einen besondern Nachdruck auf das Wort Lehrling , und schien sich nicht wenig darauf zu Gute zu thun , daß er einen Schüler habe bilden können , der seinen Meister weit hinter sich zurückgelassen . Parrhasius langte den folgenden Tag an , und seine Bekanntschaft hat so viel Anziehendes für mich , daß ich schon eine ganze Dekade länger hier bin , als anfangs meine Absicht war . Vielleicht wirst du das Vergnügen haben , ihn in Milet zu sehen . Ich wünsche es um Kleonidas willen , der , wofern wir dem stolzen Parrhasius verbergen daß er sein Nebenbuhler in der Kunst ist , vielleicht Gelegenheit fände , ihm das eine oder andere von seinen Geheimnissen , die Färbung zu behandeln , abzuhaschen . Denn es ist unglaublich , was der Mann mit seinen vier Farben für Wunder thut . Du bist mir , aller Wahrscheinlichkeit nach , große Entschädigung schuldig , meine schöne Freundin , und ich will dich vorher gewarnt haben , nicht zu sehr zu erschrecken , wenn ich in irgend einer schönen mondhellen Nacht , da du mich am wenigsten erwartet hättest , auf einmal wie aus dem Monde gefallen , vor dir stehe , und mir - einen Abdruck des Kusses ausbitte , womit du den schönen Kleonidas unter die Götter versetzt hast . Denn dieß ist , nach dem Ton seines letzten Briefes zu schließen , der Fall mit ihm , wiewohl er so bescheiden ist , mir aus der Ursache seiner Apotheose ein Geheimniß zu machen . 57. An Kleonidas . Ein glücklicher Zufall hat mich zu Ephesus mit dem größten Maler unsrer Zeit in Bekanntschaft gesetzt . Du erräthst sogleich daß ich den Parrhasius meine , von welchem die zwei kleinen Stücke160 in dem Landhause unsrer Freundin zu Aegina dich so sehr bezauberten , und von dessen Demos du mich mit einer Bewunderung , die an mir etwas Ungewöhnliches ist , sprechen hörtest . In der That gibt es dermalen noch schwerlich etwas Vollendeteres in eurer Kunst , und ich wollte du entschlössest dich , bevor du an die Ausführung der beiden Denkmäler gehst , zu einer Reise nach Mitylene , bloß dieses Gemäldes wegen , an welchem ein Auge wie das deinige so viel zu sehen und zu studiren finden würde . Parrhasius ist ein feiner , stattlicher Mann , der , neben andern mit seiner Kunst in Bezug stehenden Kenntnissen , sich vorzüglich auf die Menschenkunde mit Ernst gelegt zu haben scheint . Von dem Künstlerstolz , den man ihm Schuld gibt , mag er wohl nicht ganz frei seyn ; und warum sollte er auch nicht fühlen dürfen was er ist , und wie nahe die Malerkunst , die vor ihm noch in der Wiege lag , der Hora ihrer schönsten Blüthe durch ihn gebracht worden ? Er spricht gern von dem , was er in dieser Rücksicht geleistet habe , und da ihn dieß nothwendig auf den Zustand führt , worin er seine Kunst gefunden , so ist natürlich , daß er an den Werken der alten Meister , ohne darum ungerecht gegen sie zu seyn , mehr zu tadeln als zu loben hat . Ob er aber eben so gerecht gegen seine jetzt blühenden Nebenbuhler , einen Zeuxis , Timanthes , Pausias u.a. sey , ließe sich fast bezweifeln ; wenigstens hält er zurück , wenn die Rede von ihnen ist , und gibt , wenn dieses oder jenes von ihren Werken gerühmt wird , seine Beistimmung gewöhnlich nur mit den Achseln oder Augenbraunen . Man sagte mir , es sey eine von seinen Eigenheiten , daß er beim Arbeiten , weder einen andern Maler , noch jemand , der im Ruf eines Kenners der Kunst stehe , zusehen lasse . Gegen bloße Liebhaber hingegen ist er desto gefälliger , und ich habe unter diesem Titel das Vergnügen gehabt , ihn an einem großen Gemälde arbeiten zu sehen , das die Entscheidung des Streits um die Waffen Achills zwischen Ajax und Ulysses vorstellt , und in kurzem zu Samos um den Preis mitwerben soll . Nur wenn er die letzte Hand an ein Werk legt , schließt er sich vor jedermann ein ; vermuthlich weil er ein Geheimniß besitzt , um seinen Gemälden den schönen Ton und das Lebenathmende und Beseelte zu geben , das so sehr daran bewundert wird . Ich sprach ihm von seinem Demos , wie einem bloßen Liebhaber zukommt , mit Entzücken , und erhielt dadurch das Recht , ihm in gebührender Einfalt und Demuth die Frage vorzulegen : ob es wirklich seine Meinung gewesen sey , den Charakter des Athenischen Volks in diesem Stücke darzustellen ? Er antwortete mir lachend : vermuthlich ist es dir von dem Besitzer unter dieser Benennung gezeigt worden ? Da ich es bejahte , fuhr er fort : » ich will dir offenherzig sagen was an der Sache ist . Es war wirklich mein erster Gedanke daß es ein allegorisches Gemälde werden sollte ;