ängstlich jede illoyale Berührung vermied , wird nun ganz ohne sein Verschulden in solche Beziehungen förmlich hineingerissen . “ „ Ich hoffe wenigstens , daß Sie Ihrem Gefangenen die möglichste Rücksicht angedeihen lassen , “ sagte Raven , ohne auf die letzten Worte zu achten . „ Die Veranlassung zu seiner Rückkehr und die Aufopferung seines Sohnes für Ihre Beamten geben ihm den vollsten Anspruch darauf . “ „ Ohne Zweifel , “ stimmte der Polizeidirector bei . „ Doctor Brunnow wird sich über nichts zu beklagen habe . Er ist vorläufig in einem Zimmer des Stadtgefängnisses , und ich habe auch die Vorkehrungen zu seiner Bewachung mit der größten Schonung getroffen . Streng muß diese Bewachung allerdings sein ; es könnte sonst eine nochmalige Flucht oder – Befreiung versucht werden . “ Raven ’ s Auge heftete sich voll und finster auf das Gesicht seines Begleiters . Der leise Hohn , der um dessen Lippen spielte , sagte dem Freiherrn , daß seine Beziehungen zu dem ehemaligen Jugendfreunde kein Geheimniß mehr seien , und daß der Schlag nicht gegen Brunnow , sondern gegen ihn selber geführt wurde . Zu welchem Zwecke , das errieth er im Augenblicke noch nicht , aber der Polizeidirector war nicht der Mann , der sich einer Uebereilung schuldig machte oder Dinge unternahm , die ihm eine ernste Verantwortlichkeit auferlegten . Er wußte immer , was er that . „ Flucht ! Befreiung ! “ wiederholte Raven mit Bitterkeit . „ Dafür möchte es wohl zu spät sein . “ „ Ich hoffe das auch , will aber doch nicht die nöthige Vorsicht versäumen . Man kann nie wissen , wie weit die Verbindungen dieser Flüchtlinge reichen . – Das waren die Mittheilungen , um deren willen ich Sie aufsuchen wollte . Jetzt möchte ich Sie nicht länger in Anspruch nehmen . Wir kommen sogleich an meinem Bureau vorüber – darf ich bitten , dort anhalten zu lassen ? Es wartet wahrscheinlich wieder eine ganze Fluth von Geschäften auf mich . “ Nach kaum zehn Minuten hielt der Wagen vor dem Polizeibureau , und der Chef desselben verabschiedete sich in verbindlichster Weise von dem Freiherrn , der nach dem Schlosse weiterfuhr . Endlich waren ihm einige Minuten des Alleinseins vergönnt . Seit heute Morgen traf ihn Schlag auf Schlag . Erst der Brief des Ministers , dann die Eröffnung des Oberst Wilten , endlich die Nachricht von der Verhaftung Brunnow ’ s. Die drohenden Anzeichen mehrten sich , und Rudolph ’ s Prophezeiung war vielleicht ihrer Erfüllung näher , als er selbst glaubte . Der Boden unter dem Mächtigen begann zu wanken und zu weichen , und zum ersten Male blickte er von seiner schwindelnden Höhe nieder mit dem Gedanke , wie tief wohl der Sturz sein könne . Aber Arno Raven erbleichte nicht vor solchen Gedanken . Der stolze , energische Trotz in seinen Zügen zeigte , daß er nicht gesonnen war , der drohenden Gefahr auch nur einen Schritt zu weichen . Wenn sie auch jetzt von allen Seiten gegen ihn heranzog , er wollte nicht unterliegen , und mit diesem unbeugsamen Willen , dessen Macht sich so oft schon bewährt hatte , trat er auch jetzt dem Sturme entgegen . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 29 , S. 485 – 488 Fortsetzungsroman – Teil 21 [ 485 ] Im Schlosse war es einsam und öde geworden . Die Baronin Harder war mit ihrer Tochter nach der Residenz abgereist , und wenn die Dame selbst mit ihren Launen , Ansprüchen und sonstigen wenig liebenswürdigen Eigenschaften von der Dienerschaft nicht vermißt wurde , so vermißte man um so mehr die junge Baroneß , der sich die Herzen Aller zugewendet hatten . Mit ihr war der Sonnenschein in das Haus gekommen . Sie hatte während der wenigen Monate , die sie dort verweilte , Licht und Leben in die düstere und todte Pracht jener Räume gebracht , selbst der Freiherr war in dieser Zeit um so Vieles milder und zugänglicher gewesen , daß man oft den strengen Gebieter gar nicht wiedererkannte . Jetzt war Gabriele fort , ihr Zimmer verschlossen , und Jeder , von dem alten Haushofmeister an bis zum letzten Diener herab , fühlte die Leere , die zurückgeblieben war . [ 486 ] Freiherr von Raven allein schien die Abwesenden nicht zu vermissen , wenigstens äußerte er niemals etwas darüber , und man wußte ja auch , daß er jetzt nicht viel Zeit hatte , sich um Familienbeziehungen zu kümmern . Die Umgebung war es gewohnt , ihren Herrn stets ernst , verschlossen und unberührt von äußeren Ereignissen zu sehen , sie sah ihn auch jetzt nicht anders , und doch wußte Jeder , welche Wetterwolke sich über seinem Haupte zusammenzogen . Das war längst kein Geheimniß mehr . Die Unruhen in der Stadt hatten sich auch im Lauf der nächsten Wochen nicht wiederholt , und der Polizeidirector mit seinen Beamten war vollständig Herr der einzelnen Ausbreitungen geblieben , die noch hin und wieder vorkamen . Die schlimmeren Elemente der Bevölkerung waren eingeschüchtert , die besseren zur Besinnung gekommen . Die letzten Ereignisse hatten Jedem gezeigt , daß es auf diesem Wege nicht weiter gehen konnte und durfte . Der Bürgermeister zumal bot seinen ganzen Einfluß auf , um die Wiederkehr solcher Scenen zu verhindern . Er hatte nicht umsonst die Erfahrung gemacht , daß in dem Conflicte , wo er als erster Gegner dem Freiherrn gegenüberstand , die Zügel seinen Händen entglitten und der Streit durch das Hereindrängen wüster und gefährlicher Elemente in eine förmliche Revolte ausartete . Man hatte allseitig eine Warnung erhalten , und sie hatte gefruchtet . Aufgegeben war der Kampf deswegen freilich noch nicht ; er wurde im Gegentheil nur nachdrücklicher , wenn auch ruhiger geführt , und die Stadt R. hatte die Genugthuung , daß er einen Widerhall in der