ist von dem Raubvogel , der über meinem schlanken Reh kreist . « Die Dienerschaft , die ihm wenige Minuten darauf in den Gängen des Schlosses begegnete , ahnte nicht , daß auf seinen streng geschlossenen Lippen die Verlobungsküsse fortbrannten , und daß eben die bemitleidete zweite Frau zur Herrscherin über » alles was sein « geworden war ... Und als der Hofprediger eine halbe Stunde später trotz Sturmestoben und Regen das Schloß umkreiste , da sah er Mainaus Schatten im hellerleuchteten Arbeitszimmer auf und ab wandeln , und drunten im Salon saß die junge Frau am Schreibtische – diese zwei Menschen hatten also nicht das Bedürfnis nach gegenseitigem Aussprechen gehabt – der Herr Hofprediger , der wie ein scheues , aber beharrlich lauerndes Raubtier mit heißem Blicke immer wieder das rotgoldene Haargewoge hinter dem leichtklaffenden Fensterladen suchte , er behielt das Heft in der Hand . 22. Der Sturm , der sich gestern im Verlaufe des Abends zum Orkan gesteigert , hatte bis nach Mitternacht fortgetobt . Von den Schloßleuten waren nur wenige zu Bett gegangen . Man hatte selbst den schweren Mosaikdächern des Schlosses nicht getraut und gefürchtet , der heulende Wüterich werde sie herabstoßen – kein Wunder , daß da das schwache Bambusdach des indischen Hauses in Stücke zerpflückt worden war . Nun breitete sich der Morgenhimmel so schuldlos klar und glänzend über die gemißhandelte Erde , und die zerzausten Bäume standen beruhigt und kerzengerade ; sie verschmerzten die entrissenen Aeste , die abgeschüttelten , alten , weithin verstreuten Vogelnester , die sie treulich geschirmt , und ließen versöhnend ihre Blätter mit dem schmeichelnden Windhauche spielen , zu welchem sich der Unhold gesänftigt hatte ... In der Schloßküche aber standen die Leute zusammen und erzählten sich , die Löhn sähe aus wie ein Gespenst – selbst diesem derben Weibe , das sich doch durch nichts in der Welt aus der Fassung bringen ließe , sei der Spuk zu toll geworden ; sie habe die Nacht hindurch in dem indischen Hause gewacht , da sei ihr das Dach buchstäblich über dem Kopfe weggerissen worden ; die Sterne am Himmel hätten durch große Löcher in der Zimmerdecke hereingesehen , und das sei bis zum anbrechenden Morgen die einzige Beleuchtung gewesen , denn der Sturm habe keine Lichtflamme aufkommen lassen . Und nun könne man den angerichteten Schaden nicht einmal ausbessern , denn das gäbe Lärm , und – die Inderin läge ja im Sterben ... Die Strenggläubigen des Hauses meinten , da brauche man sich freilich über das unerhörte Toben und Stürmen nicht mehr zu verwundern – wenn solch eine ungetaufte Seele » geholt « werde , da gebe es immer Kampf . Liane hatte auch bis gegen Morgen gewacht . Der Sturm hätte sie wohl schlafen lassen , aber durch ihre Seele war es wie ein Fieber gegangen – es war doch eine nicht zu beschreibende Glückseligkeit , sich so geliebt zu wissen ... Wie schnell hatte sie den kleinen Koffer wieder ausgepackt und jeden Gegenstand an seinen Platz zurückgelegt , den er fortan behaupten sollte , wie die zweite Frau den ihrigen am Herzen des teuren Mannes ! Ebenso waren die beiden Schlüssel eiligst ihrer Haft entlassen und das an Mainau adressierte Kouvert verbrannt worden – es sollte niemand mehr auch nur ahnen , daß sie bereits auf der Flucht gewesen ... Dann hatte sie an Ulrike geschrieben , mit fliegender Feder alle Stadien ihrer Leiden und Anfechtungen durchlaufend , bis – zum glückseligen Ausgange . Der darauffolgende Schlaf in den Morgenstunden hatte sie unbeschreiblich erquickt , und als die Jungfer die Vorhänge auseinanderschlug und die Fensterflügel öffnete , da meinte die junge Frau , der Himmel habe noch nie in solch kristallenem Blau über ihrem Leben gestanden , die Morgenluft nie so balsamisch ihr Gesicht umschmeichelt , selbst nicht in Rudisdorf , wo sie die frühen Tagesstunden stets allein mit den teuren Geschwistern verbracht hatte ... Mit Vorbedacht legte sie ein veilchenfarbenes Kleid an , von welchem Ulrike gesagt , daß es ihr gut stehe – o , sie war kokett geworden . Sie wollte Mainau gefallen . Wie gewöhnlich Leo an der Hand führend , trat sie in den Frühstückssaal . Sie wußte , daß ihr gehässige Demütigungen von seiten des Hofmarschalls bevorstanden , denn sie hatte ihm gestern verachtend den Rücken gewendet , und nun kam sie , ihm seine Morgenschokolade zu kredenzen . Es galt , die Zähen zusammenzubeißen und einen gewissen stoischen Mut herauszukehren ... Wie der Hofprediger gestern Abend im Schlafzimmer des alten Herrn die Karten gemischt , um sich selbst aus der Affaire zu ziehen , das war ihr freilich dunkel . Hanna hatte ihr in der neunten Stunde Leo gebracht – er war ja bis dahin auch im Schlafzimmer des Großpapa gewesen ; aber aus allem , was er plauderte , mußte sie schließen , daß es keineswegs laut und leidenschaftlich zwischen den beiden Herren zugegangen war ; ja , sie hatten sogar Schach gespielt . Beim Eintritte in den Saal mußte sie an den ersten Morgen denken , den sie in Schönwerth verlebt . Der Hofmarschall saß am Kaminfeuer , und Frau Löhn , die allem Anscheine nach eben erst eingetreten , stand einige Schritte von ihm entfernt . Ohne die ungeschlachte Verbeugung der Beschließerin zu beachten , stemmte er beide Hände auf die Armlehnen seines Stuhles , und den Oberkörper ein wenig emporhebend , bog er sich blinzelnd vor , als traue er seinen Augen nicht . » Ei , da sind Sie ja , meine Gnädigste ! « rief er . » Dachte ich mir doch gleich , als Sie uns gestern Abend so – so brüsk verließen und Ihren längst beabsichtigten Besuch in der Heimat zu einer so ungewöhnlichen Zeit antreten wollten , daß Sie sich bei kälterem Blute denn doch anders besinnen würden ... Freilich , bei dem Sturme aber auch ! Und dann haben Sie sich doch wohl auch ein wenig überlegt , daß ein solch plötzliches freiwilliges Verlassen unseres Hauses bei einer