sei wie eine solche ! Sie mußte es geheim halten wie ein Ver ­ brechen , daß sie einen großen , edlen Menschen kennen gelernt — sie mußte es mit einem wissenschaftlichen Interesse beschönigen , daß sie zu einem Leidenden , Hilfsbedürftigen gegangen war . Sie fühlte die Lüge als eine Entwürdigung und die Notwendigkeit derselben als eine ihr plötzlich unerträgliche Fessel . Und das Alles erst seit heute . — Der eine Tag hatte das Bedürfnis der Selbstständigkeit in ihr geweckt und das war das größte Unglück , das ihrem ahnungslosen Oheim widerfahren konnte , aber nicht das einzige , das ihn heute erwartete . Als er auf sein Zimmer kam , fand er die von Frau Willmers angekündigten Briefe vor . Den ersten , den er in die Hand nahm , erbrach er sogleich , er war von seiner Tochter Gretchen und lautete : „ Mein lieber Vater ! In acht Tagen feiere ich nun meinen fünfzehn ­ ten Geburtstag und nächsten Monat ist meine Lernzeit um und ich soll als Lehrerin in das Pensionat eintreten . Ich will noch einmal meine bittende Stimme zu Dir erheben und Dich anstehen : lieber Vater , nimm mich zu Dir ! Ich will Dir ja nicht zur Last fallen , — aus meinen Zeugnissen wirst Du ersehen , daß ich Alles verstehe , womit ein junges Mädchen sein Brot erwerben kann . Tausendmal segne ich Dich dafür , mein geliebter Vater , daß Du mich zu einem nützlichen Gliede der menschlichen Gesellschaft erziehen ließest . Ich will als Dienerin bei meiner Cousine eintreten und für meinen Unterhalt bei ihr arbeiten , wenn ich nur bei Dir sein kann ! Ach , laß Dich doch endlich erweichen ! Du erwiderst mir nur immer auf alle Bitten , ihr schlechtes Beispiel , ihr Unglaube und ver ­ härtetes Gemüt würden mich verderben . Das wäre aber gewiß nicht der Fall , lieber Vater , — ich bin , Dank meinen edlen Lehrerinnen , so fest im Glauben und in allem Guten erzogen , daß dies eine Beispiel mir nicht schaden kann , besonders wenn ich sehe , wie mein armer Papa unter den schweren Pflichten der Vormundschaft über solch unlenksames Wesen leidet ! Warum mußte auch der selige Onkel Hartwich Dir diese undankbare Aufgabe erteilen ! Aber , liebster Vater , sie würde Dir leichter werden , wenn Du mich Dir dabei helfen ließest . Ich würde gewiß nichts unversucht lassen , um ihr Herz zu rühren und dem Guten wieder zuzuwenden , und wenn sie noch so böse gegen mich wäre , — ich würde sie durch Geduld und Demut entwaffnen . Und wenn mir auch das Alles nicht gelänge , Dir , mein Vater , könnte ich doch etwas sein . Ach , wie himmlisch wäre es , wenn wir Abends nach vollbrachtem Tagewerk noch in Deinem Stübchen ganz uns selbst leben dürften . Ich würde mich zu Deinen Füßen setzen , Dir vorplaudern und Dir meine Zeich ­ nungen und Malereien zeigen . Aus dem reichen Schatz Deiner Kenntnisse schöpfen und Dich aufheitern durch meinen unverwüstlichen eigenen Frohsinn . Und zuletzt würde ich meinen Kopf an Dein liebes , so viel verkanntes Vaterherz legen , das wohl Niemand so versteht wie Dein Kind , dem Du es so oft in seiner reichsten Liebesfülle gezeigt — da würde ich einschlummern selig , ruhig , wie in jenen schönen Tagen der Kindheit , als Du mich noch mit der Sorgfalt einer Mutter in Deinen treuen Armen wiegtest ! — Ach Vater , Du bist mir ja Alles auf der Welt . Die Mutter , die mich so früh verließ , die Dich gegen einen andern , gegen einen Mann vertauschen konnte , der so tief unter Dir steht — die Mutter ist mir fremd , ich kann mir kaum ein Bild von ihr machen , geschweige denn ein schönes oder liebes ! Du , Du bist mir Mutter , — Vater , — Alles ! Du hast mich gepflegt und gewartet . An Deinem Bette stand meine Wiege , Dein Auge lächelte mich an , wenn ich erwachte . Dein Atem umfächelte mich , wenn ich schlief . Kein hartes Wort hast Du mir je gegeben , kein verweisender Blick hat mich je erschreckt , in immer gleicher Milde und Geduld hast Du das wilde Kind belehrt , das Dir , dem hohen , geistvollen Manne wohl manche Ungelegenheiten bereitete mit seinen Albernheiten . Und end ­ lich hast Du mich von Dir gelassen , damit ich zu etwas Tüchtigem ausgebildet werde , da uns das Schicksal zwingt , unser Brot zu erwerben . Du hast mich von Dir gelassen , aber ich sah es an Deinem brechenden Blicke beim Abschied , daß dies das schwerste Opfer war , das Du für mich brachtest , daß ich Dein ganzes Herz mit mir nahm . Vater , Du tatest es für mich , Du hast mich seit fast sieben Jahren entbehrt aus Liebe zu mir . Und ich habe gelernt und gearbeitet , so sehr ich konnte , um bald , recht bald wieder bei Dir zu sein , — und nun , wo ich so weit wäre , daß ich Dir ein wenig , nur ein ganz klein wenig vergelten könnte , was Du für mich getan , gesorgt und gelitten , nun willst Du mich nicht in die treuen Arme eilen lassen aus Furcht vor dem ohnmächtigen Einfluß Deiner Mündel ! Nein Vater , Du wirst , Du mußt mich hören . Die Tränen , welche die Schrift Deines letzten Brie ­ fes verwischt hatten , sind mir heiß auf die Seele gefallen . Es waren Tränen der Sehnsucht , die Du Deinem Kinde geweint , leugne es nicht ? Und nicht ruhen werde ich , bis Du Dein eigenes Herz erhört . — Ach Vaterchen , Du wirst eine Freude haben , wenn ich komme : Ich bin größer und stärker als unsere Lehrfräuleins . Sie sagen Alle ,