ihres Mannes , sie schlief . [ 277 ] Hede Kerkow konnte es nicht lassen , sie trug die kleinen Sächelchen , die sie für die Kinder gearbeitet hatte , am Heiligen Abend in der Dämmerung nach der Oberförsterei hinunter . Sie wußte , der Oberförster war nicht zu Hause , er pflegte an diesem Tage immer noch ’ mal einen Gang durchs Revier zu machen , den Wilddieben zum speziellen Vergnügen , die auf einen Festtagsbraten pirschten . Es gab dort ein paar arg verrufene Kerle in der Gegend , die aber , wenn sie dem Oberförster auf der Chaussee begegneten , ganz besonders höflich grüßten und deren Gruß von ihm leutselig erwidert wurde . Der Grüßende dachte dann : Hol ’ dich der Teufel ! Der Kerl hat die Nase überall – ich wollt ’ , er fiele in sein eigenes Gewehr ! – Und der andere dachte : Warte nur , alter Freund , einmal krieg ’ ich dich doch , und wenn du noch so unschuldig daher trottest und – dann gnade dir Gott ! Hede hatte zuweilen durch den alten Knecht des Hauses grausige Geschichten von Wilddiebereien gehört , und als am vergangenen Weihnachtsabend der heimkehrende Oberförster erzählte , daß der „ lange Schreiber wieder wildere “ und , vom Förster Roberti verfolgt , auf diesen geschossen habe , da hatte ihr das Herz still gestanden vor Schrecken . „ Aber wenn der Schuß nun getroffen hätte ? war ihre bange Frage gewesen . Darauf die Antwort . „ Je nun , Fräulein von Kerkow , dann hätte man den armen Kerl seiner Frau zur Weihnachtsbescherung tot oder verwundet ins Haus gebracht , und der erste wär ’ s nicht gewesen , dem es so erging . Weiter nichts – aber es war gerade genug . Hede Kerkow hatte seither immer Unruhe gehabt , wenn der Oberförster nicht zur rechten Zeit heimkehrte . Es wäre so schrecklich für die armen Kinder gewesen – damit hatte sie ihr klopfendes Herz entschuldigt vor sich selber . Heute ging sie so gegen fünf Uhr hinunter in die Oberförsterei . Sie wollte ganz rasch unter die Kinder ihre kleinen Gaben austeilen und dann in der Schloßkirche die Weihnachtspredigt anhören . Heinz hatte seinem armen Jungen bereits um vier Uhr einbeschert . Die Augen des kranken Kindes hingen mit anderm Ausdruck an den Lichtern des Baumes wie sonst wohl Kinderaugen , und Heinz ? Er war wortkarger gewesen als je und hatte imdunklen Erker gestanden und hinausgeblickt in die Ferne , als ob er dort etwas suchen müßte , so daß Hedwig zum erstenmal der Gedanke aufgestiegen war , ob er Toni doch vielleicht geliebt habe . Heinz hatte der Schwester auch etwas geschenkt – Geld zu einem Kleide oder Mantel oder dergleichen . „ Nimm ’ s nicht übel , es ist mir schrecklich , Frauenzimmern Geschenke zu kaufen , ich versteh ’ ’ s nicht “ , hatte er gesagt . Die Gabe von ihr hatte er kaum angesehen , es war ja auch schließlich weiter nichts – ein Bildchen Heinis Köpfchen nach einer Photographie auf Porzellan gemalt . Lieber Gott , eine Künstlerin war sie natürlich nicht , aber sie hatte doch gemeint , er werde sich darüber freuen ! Sie wischte eine Thräne von der Wange , als sie jetzt den Drücker an der Hausthür der Oberförsterei faßte , und im nächsten Augenblick hatte sie wirklich unter dem Jubel der Kinder das eigne Leid vergessen . Als ob das Christkind in eigner Person erschienen sei , so glücklich waren die Kleinen , so [ 278 ] umarmten , umschrieen und umtanzten sie die langersehnte , böse , liebe Tante in der alten lieben Wohnstube , in der es gleichwohl nicht die Spur weihnachtlich aussah . Auch Karoline lief herzu und freute sich . „ Nee , endlich ’ mal – endlich ’ mal , Fräulein , und wie wird sich man bloß der Herr freuen , wenn er zurückkommt ! Und Sie bleiben doch zum Karpfen ? Ich hab ’ s immer noch nich ’ raus mit die Meerrettichsauce . “ Aber die Kinder erklärten , sie ließen die Tante nicht in die Küche , und die Tante müsse helfen den Weihnachtsbaum putzen in der guten Stube , Agnes hätte das thun sollen , aber die Lichter purzelten immer wieder herunter . „ Gelt , Tante ? “ scholl es , „ du bleibst hier ? “ und dann umschlangen sie die sechs Aermchen und die glücklichen Kinderaugen lachten sie an , und was wurde ihr alles versprochen wenn sie bliebe ! „ Das Schönste , was ich bekomme , gebe ich dir , “ versicherte der Junge , „ zur Hälfte wenigstens , “ setzte er geschwind hinzu . Und klein Mariechen erklärte : „ ich nehme Vater das Seifenfleckel wieder fort und schenke es dir , wenn du bleibst . Und ihr ? Ihr liefen die dummen Rührungsthränen aus den Augen , und sie sagte nun : „ Kommt rasch , ich putze den Baum , – dableiben kann ich aber nicht , denkt doch an den armen kleinen Heini ! “ Im Salon zündete sie die Lampe an , auf welcher der Staub fingerdick lag , und schürte das Feuer , denn noch war es längst nicht warm , dann machte sie sich mit fieberhafter Eile über den Baum her . Die Kleinen standen mit glühenden Gesichtern und sahen zu , Agnes reichte das Konfekt und die Wachslichter . Als er hergerichtet war , holte Hedwig ein Tuch und wischte den Staub so hastig , als thäte sie etwas Verbotenes , bei dem sie sich um Gottes willen nicht abfassen lassen dürfte ; in zitternder Hast legte sie dann ihre kleinen Geschenke unter den Baum , nachdem sie vorher die Kinder hinausgesperrt hatte , und wie ein Wirbelwind war sie plötzlich in der Küche und quirlte die Sahne zur Karpfensauce . „ Wann kommt der Herr zurück ? “ fragte sie dabei .