in ihrem Salon gesungen , und gerade dieser lachende kokette Schluß hatte ihre Gäste stets in höchstes Entzücken versetzt . Diesmal brachte es eine entgegengesetzte Wirkung hervor . Frau v. Bendeleben riß die Tür auf und stand ihrer Tochter plötzlich gegenüber , mit einer so drohenden Miene , daß der heitere , sonnige Ausdruck von dem schönen Gesicht beinahe verschwand . Ich sah nur noch , wie sie das Notenbuch , in dem sie geblättert , auf den Flügel warf , und hörte Frau v. Bendelebens atemlose , bebende Stimme , mit der sie fragte : » Du kannst heute singen ? « Dann wurde die Tür geschlossen , ich entfernte mich rasch und ging in meines Onkels Zimmer . Ich reichte ihm die Hand , sagte ihm , daß ich von heute an nicht mehr sein Sohn , daß ich gerichtlich von Ruth getrennt sei , und bat ihn , mir als Onkel nicht die ganze Zuneigung zu entziehen , die ich ehedem in so reichem Maße besessen hatte . Er sah ergriffen aus und erwiderte leise , er habe gehofft , es würde nicht zum Äußersten kommen . Er habe noch darauf gerechnet , daß das Kind uns diesen Schritt als zu schwer erscheinen lassen würde , da es doch gewiß niemand von uns beiden missen wollte . Ich sah , er wußte noch nicht , wie die Entscheidung ausgefallen war . » Hast du Ruth denn noch nicht gesprochen seit ihrer Rückkehr aus der Stadt ? « fragte ich . – » Nein , mein Gott , ich bin erst vor einer halben Stunde nach Hause gekommen « , erwiderte er . » Ich weiß gar nicht , daß sie schon wieder zurück ist . Ich glaubte , sie kehre erst gegen Abend heim – schon deshalb , weil sie weiß , daß du heute nachmittag hier sein würdest . « » Oh « , erklärte ich , » wir sind in aller Freundschaft voneinander geschieden – Ruth war nie liebenswürdiger als heute , in Gegenwart der Richter , sie – « » Und das Kind ? « fragte der Baron plötzlich . » Gehört mir , Onkel ! « » Das ist nicht möglich ! « » Ja , es ist so « , bestätigte Frau v. Bendeleben , die eben eintrat , » und zwar hat Ruth , wie sie mir eben selbst sehr ruhig sagte , das Kind freiwillig abgetreten . « Armer Onkel , dies traf ihn ebenso unvorbereitet und niederschmetternd , wie es seine Gattin getroffen hatte . Er starrte erst mich an und dann seine Frau , als könne er es nicht fassen . Frau v. Bendeleben hatte die Lippen fest aufeinander gepreßt und blickte mit resignierter Miene durch das Fenster auf das saftige Grün der Linden und Kastanien im Park . Eine Weile war alles still , dann fragte der Baron leise : » Wo ist Ruth , ich möchte sie sprechen ? « » Vergebene Mühe , Bernhard , laß sie « , sagte Frau v. Bendeleben und legte die Hand auf ihres Mannes Arm . » Es ist besser so , das Kind bleibt Wilhelm – wir werden bald wieder ganz allein sein , Bernhard , denn sie – sie will morgen schon fort nach Wien ! « Die Stimme bebte bei den letzten Worten , und dann rollten ein paar große Tränen aus den noch immer schönen Augen . Sie wendete sich rasch und schritt zur Tür hinaus . Der Baron saß auf einem Lehnstuhl und starrte vor sich hin , ein schmerzlicher Zug lag um seinen Mund . Dann stand er auf und reichte mir die Hand : » Behüt dich Gott , mein Junge . Geh jetzt , ich möchte – ich will – « er vollendete nicht , es schien ihm plötzlich ein Gedanke zu kommen , und mich ansehend , sagte er : » Junge , du wirst mir hoffentlich nicht den Kummer machen und deine alte Liebe heiraten ? Versprich mir das , und du sollst mein ganzes Herz behalten . Sieh , die Grete ist ein Prachtmädel , aber zieh sie nicht aus ihrem Stande . « Und nun , Gretchen , laß es Dich nicht verdrießen , daß ich Dir diesen Wunsch meines Onkels so unverhohlen schreibe . Denn meine Antwort darauf soll zugleich eine Frage an Dich sein , Gretchen . – Ich sagte ihm : » Das kann ich nicht versprechen , Onkel , denn mein nächster Schritt wird sein , die um Verzeihung zu bitten , die ich so arg beleidigt und gekränkt habe , und sie zu fragen , ob sie mir vergeben – ob sie noch jetzt mein Weib werden will ? « Gretchen , laß Dich nicht kümmern , was mein Onkel geantwortet hat , und sage Du ein Ja auf meine demütige Bitte . Verzeih mir und werde mein ! Ich bereite Dir eine Heimat da , wo ich meine Jugend verlebte . Am Rhein , am schönen Rhein wollen wir wohnen , und alles , was Dich beglücken , was Deinen Mund lächeln , Deine schönen Augen strahlen machen kann , das will ich tun , damit Du die bange Zeit vergißt , die Du durch mich erlebt hast . Frage Dein Herz , Margarete . Nicht wahr , Du liebst mich noch ? Man kann ja so schwer die erste Liebe vergessen – sollte es bei Dir anders sein ? Schreibe nur ein Ja oder ein Nein auf einen Zettel , den mir Friedel überbringen soll . Ach , Gretchen , und nicht wahr , es ist ein Ja ? Ich habe Dir alles gesagt , ich habe mein Betragen keineswegs beschönigt ; sei gut , sei mild , Margarete , und werde mein ! Ich zähle die Stunden , bis Deine Antwort kommt . Sieh das Kind an , wenn Dir die Entscheidung schwerfällt ; was soll aus ihm , was aus mir werden ohne Dich , Margarete ! Wilhelm