die sie quälte , überflutete ihr Gesicht , um erschreckend schnell wieder der Blässe zu weichen . » Glaubst du , ich bin einer , der sich mit Gewesenem abfindet ? Jeder Mensch , Lenore , ist sich sein Glück schuldig und kann es erringen , wenn er dazu entschlossen ist . Erst , wenn er ' s versäumt hat , macht ihn das Schicksal zum Hund . « » Das ists eben , was ich nicht begreife , « sagte Lenore und blickte ihm mit heiterer Freiheit ins Gesicht . » Es drückt mir ja das Herz ab , dich so im Selbstbetrug und häßlichen Trotz zu wissen . Wir beide können doch nicht eine Schlechtigkeit begehen , Daniel , das ist doch ganz unmöglich , nicht wahr ? « Erregt beugte sich Daniel näher zu ihr hin . » Weißt du denn , wo ich stehe ? « fragte er , und die blauen Adern an seinen Schläfen schwollen an ; » ich will dir ' s sagen . Ich stehe auf einem morschen Brett über einem Abgrund . Rechts und links von demselbigen Abgrund sind lauter blutgierige Wölfe . Ich habe nur die Wahl , entweder in den Abgrund hineinzuspringen oder mich von den Wölfen zerreißen zu lassen . Wenn nun so ein Wesen durch die Lüfte herunterschwebt , so ein Flügelwesen wie du , und kann einen nach oben retten , gibts da ein Bedenken ? « Lenore verschränkte die Arme über der Brust und schloß die Augen halb . » Ach nein , Daniel , « sagte sie wie begütigend , » da übertreibst du wirklich . Da siehst du zu weiß und zu schwarz . Ein Flügelwesen , ich ? Wo wären Flügel an mir ? Und Wölfe ? All die unbedeutenden närrischen Leutchen - Wölfe ? Ach nein . Und blutgierig ! Geh doch zu ! « » Zertritt mir nicht mein Gefühl , Lenore ! « rief Daniel mit unterdrücktem Ton und leidenschaftlicher Wildheit ; » zertritt mir nicht mein Gefühl , denn sonst besitz ich nichts . So kannst du nicht denken , so nicht empfinden , so lau , so flau , so gemein . Oberstimme ! Oberstimme ! besinn dich doch ! Siehst du nicht , wie sie mir die Zähne weisen ? Hörst du nicht ihr Geheul bei Tag und Nacht ? Kannst du sie gut nennen oder mitleidig ? Oder sind sie willig , wenn einer kommt , um gut und groß zu sein ? Glaubst du an einen , an einen einzigen unter ihnen ? Haben sie nicht sogar deinen süßen Namen begeifert ? Ist ihnen etwas heilig von dem , was dir oder mir heilig ist ? Werden sie durch deine oder meine oder irgendeines Menschen Not um Millimetersbreite von der Stelle gerückt ? Klebt nicht an jedem ihrer Mäuler der Schlamm der Verleumdung ? Ist ihnen nicht dein Lachen ein Dorn im Auge ? Neiden sie mir nicht den bittern Bissen , um den ich mich schinde , und die Musik , die ihnen unbegreiflich ist und die sie hassen , weil sie ihnen unbegreiflich ist ? Müßt ich nicht Steine klopfen oder Latrinen säubern , wenn es nach ihrer Herzenslust ginge , weil sie mir mein Leben nicht verzeihen und das , was mein Leben ausmacht - ? Und das keine Wölfe ? Das keine Wölfe ? Sag mir , daß du vor ihnen Angst hast , sag mir , daß du sie nicht auf dich hetzen willst , aber sag mir nicht , daß du eine Schlechtigkeit begehst , wenn ich dich zu mir rufe , dich mit deinen Flügeln , und du kommst . « Seine Arme lagen , ausgestreckt nach ihr , auf der Platte des Küchentischs und bebten bis in die Fingerspitzen . » Die Schlechtigkeit , Daniel , « flüsterte Lenore , » die hat doch nichts mit denen zu tun , die begingen wir doch gegen die höhere Sitte , gegen unser inneres Gefühl von Brauch und Ehre ... « » Falsch , « zischte er , » falsch . Das haben sie dir weisgemacht . Das haben sie Jahrhunderte und Jahrhunderte lang in dich und deine Mutter und deine Muttersmutter und deine Urmütter hineingepredigt . Falsch . Lüge . Alles Lüge . Mit dieser Lüge stützen sie ihre Macht , schützen sie ihre Organisation . Wahrheit dagegen ist , was das Herz erfüllt , was Freude schafft , was mich weiterbringt . Wahrheit ist , was die Natur gebietet , und der Gehorsam gegen die Natur . Wahrheit ist in deinen Sinnen , Mädchen , in deinen geknebelten Sinnen , in deinem Blut und in dem Ja , das dir deine Träume sagen . Freilich weiß ich nur zu gut , daß sie ihre Lüge brauchen , denn sie müssen organisiert sein , die Wölfe , sie müssen ein Rudel sein , denn sonst sind sie nichts . Ich aber hab nur meine Wahrheit ; auf meinem Brett über dem Abgrund nur meine Wahrheit . « » Deine Wahrheit , « sagte Lenore ; » deine . Das ist aber nicht meine . « » Nicht , Lenore ? Nicht deine ? Wozu spräch ich dann mit dir ? Und wenn alles andere Irrtum und Schwindel ist , davon bin ich überzeugt wie vom Licht meiner Augen , daß es deine ist . « » Du kannst dich doch nicht gegen die ganze Welt stellen , « brach es aus Lenores beengter Brust , » du bist doch auch drinnen in der Welt . « » Ja , gegen die Welt will ich mich stellen , « antwortete er , » eben dazu bin ich entschlossen . Ihre Münze zahl ich ihr zurück . So wie sie gegen mich steht , so steh ich gegen sie . Ich bin kein Verträgemacher , bin kein Händler , bin kein Bettler . Ich lebe nach meinem Gesetz . Ich muß , wo alle bloß sollen oder dürfen oder