sehr richtig , Mutter . Aber begreif ' doch : mich verletzt das . Nimmt mir so viel Záuber aus dem Leben fort - Sieh mal , ich glaube , da fühl ' ich mich eins mit tausend , tausend Männern : das sind zarte Dinge ! Wir wollen sie nicht so laut besprochen haben . Wir wollen , daß das unberührte Weib in scheuer Ahnung , in unbewußtem , heiligem Trieb - gehorchend der ewigen Stimme der Natur , zu uns kommt . - Wissend ? Nicht wissend ? - Das mag verborgen bleiben . - Ja , Mutter , in diesen Dingen wird immer und allezeit die Empfindung des einzelnen gegen das sich auflehnen , was der Verstand für gewisse Schichten als richtig zugibt . « - - Die Mutter konnte zu allen diesen Kämpfen nur bekümmert seufzen . - Das war ja eine schwächliche und unverbindliche Art , an den Strömungen teilzunehmen - - Sophie wußte es wohl . Und wie sie nun durch den frischen , nebelig leise durchdunsteten Morgen auf ihre Wohnung zuging , fühlte sie sich recht klein und unsicher . Sie wußte nicht , bei wem das Recht war ... Sicherlich auf beiden Seiten . Aber das sind ja immer die hilflosesten Fälle . Sie selbst , sie war keine Kämpferin und in nichts fanatisch als für das Glück ihrer Kinder . - Aber sie sah nun : auch da kommt der Augenblick , wo das Schicksal einem eine abwartende und machtlose Stellung anweist . - - Es lag in ihrer Natur das Bedürfnis , zu hoffen . Und so versuchte sie ihre Gedanken von dem Plakat abzulenken und ganz gesammelt auf die Ueberraschung des gestrigen Abends zu richten . Neue Rührung über das Vermächtnis des Freundes ergriff sie . Jetzt konnte Allert sich , mit diesem Geld und ihren Ersparnissen zusammengenommen , von dem ihm verächtlich gewordenen Teilhaber befreien . - Dies Wissen hieß für ihn : der Geliebten unbefangen gegenüberstehen . Aber wenn sie sich finden , dachte Sophie ganz eifrig , dann - ja dann braucht Allert mich nicht mehr , und ich kann bald - oh vielleicht schon nächstes Jahr - die Heimat wieder erwerben ... Marieluis wird es gar nicht anders wünschen . - Und sie sah sich schon mit Enkelkindern unter den Bäumen dahinschreiten , aus deren Rauschen die Namen der Vorfahren klangen , sah ihre frauliche Bestimmung erfüllt : als Vermittlerin und Fortzeugerin von Generationen der Vergangenheit und Zukunft die Hände hinzustrecken . So ging ihr der Tag vorüber - in einem Auf und Ab der Hoffnung - dieser ewig schwingenden Schaukel der Seele . Die Dämmerung des Abends sank hernieder , als Allert kam und sie holte . Und sie wanderten in gutem Gleichmaß des Schrittes dahin unter dem wundervollen Aufbau des königlichen Stadtbildes um das flutende Wasser . Schon glühten die rötlichen und bleichen Lichtpunkte der Laternen rings an den Uferstraßen durch das friedvolle Grau . Von diesem Grau ging solche feierliche Stille aus , trotz all dem Getön des Lebens ringsum . Und hoch über den Firsten der Dächer begann die Geisterschrift elektrischer Flämmchen aufzuzucken - huschend erschienen die Namen von Firmen und Waren - liefen gleich feurigen Tierchen ihre Zeile oder ihren Kreis entlang , verloschen , begannen sogleich von neuem ihr gespenstiges Schreiben vor dem Hintergrund des Abendhimmels , hoch über dem Treiben der Straßen , auf die hinaus die vom Zwange der Geschäfte befreite Menge strömte . Der Saal , wo der Vortrag stattfinden sollte , lag in einer der engen Straßen der Altstadt . Da keilte sich in das Gedränge von Geschäftshäusern und Speichern , von schmalen , immer mit Verkehr überlasteten Gassen ein Bau , der Festsäle und Vereinstheater und Geschäftsräume enthielt . Und im Vestibül drängte sich die Menge , trotzdem es noch früh war . Der Saal , oben von einer Galerie mit Logen umgeben , glänzte in der gleichen festlichen Helle wie bei den Konzerten berühmter Dirigenten - aber das Publikum zeigte eine andere Färbung . Es sah gewissermaßen dunkler aus . Denn die Abendkleider und der Prunk von lichter Seide und Chiffon und Schmuck fehlten ganz - die Damen hatten sich in Straßenkleidern eingefunden . Und daß diese Scharen von Frauen , zwischen denen man nur ganz wenige Männer sah , von einer wunderlichen Unausgeglichenheit der Erscheinung waren , bemerkte Allert sofort . Viele Gesichter erkannte er - viele Frauen in der strengen und gediegenen Unauffälligkeit ; in sehr kostbaren und sehr einfachen Schneiderkleidern saßen sie da oder standen in Gruppen und unterhielten sich . Und zwischen ihnen drängten sich weibliche Wesen in modischen , billigen Jacken mit flotten Hüten , darauf unechte Federn wogten ... Andere waren von bescheidener , sauberer Dürftigkeit der Kleidung , und sie saßen still und etwas duldend auf ihren Stühlen . Seine Mutter wurde im Vorbeigehen angeredet : » Auch aus Rücksicht auf Frau Senator Amster hier , gnädige Frau ? « Und : » Sind Sie nicht auch riesig gespannt ? Es kann sehr pikant werden . « Oder : » Na , gottlob , endlich haben wir mal Marya Möller hier , das wird uns weiterbringen . « Dann eine , ärgerlich : » Die Geschichte ist nicht richtig organisiert - man hat zu viel Freibillette verteilt - jetzt hab ' ich nur noch ganz hinten einen Platz bekommen . « Als sie ihre Plätze gefunden hatten , fragte Sophie : » Wollen wir die Amsterschen Damen im Vorstandszimmer begrüßen ? « » Nein , « sagte er kurz . Er hatte Marieluis schon gegrüßt - heute morgen - auf eine besondere Art - und das sollte sein eigenstes Geheimnis bleiben ... Er hatte ihr in der Frühe Veilchen geschickt - dunkle und dicht gedrängte Sträuße in einem Binsenkorb , den eine blaßblaue Schleife schmückte - und er dachte - daß diese Blumen , diese Farben vielleicht noch beredter zu ihr sprechen sollten als seine Worte , die er dazu schrieb : » Ich erfülle Ihren