Und der Herzog rief mit lauter Stimme : » Nachtigall ! « Der Lautner huschte durch ein niederes Türchen herein . » Ich reite zum Tiergarten und will zusehen , wie man die ungarischem Hirsche aus dem Käfig läßt . Freiheit ist erquicklich in jeder Form . Um zehn bestelle mir das Mahl bei den zwei schönen Wickerspacherinnen - « Da ging ' s wie Widerwille über das Gesicht des Herzogs . » Nein ! Zu diesen beiden mag ich nimmer hin Man soll sie beschenken . Reich ! Ich speise bei der roten Bärbel . Geh ! « Noch ehe Peter Nachtigall verschwunden war , kam der Kämmerer Wolfl mit einem der Söldner , die beim Donautor die Wache hatten . Der Söldner meldete , man hätte den Knecht des Berchtesgadnischen Herrn bei der Straubinger Straße im Wald gefunden , ohne Roß und ohne Kleider ; und der Knecht schwöre , die sechs Gewaffneten , die seinem Herrn seit dem Morgen hinter den Fersen jagten , wären Landshutsche Harnischreiter gewesen ; die hätten ihm Sattel und Hemd genommen und wären in argen Zorn geraten , weil sie bei ihm den Brief nicht gefunden , den sie hätten fangen sollen . » Fangen ? Einen Brief ? Warum ? « Herr Ludwig streckte sich . » Was für eine Botschaft mag es sein , die der zärtliche Vetter Landshut meinem Herzen ersparen wollte ? « Mit einem Handwink schickte er den Söldner fort . Dann klammerte er die Faust um den Arm des Kämmerers . » Hol mir diesen Berchtesgadner ! Und sitzt er noch im heißen Wasser , so lupf ihn nackicht heraus und bring ihn im Badmantel her zu mir ! « Wolfl Graumann sprang zur Türe . » Gleslin , paß auf ! « Herr Ludwig lachte . » Wir werden Großes von kleinen Läusen hören . Es juckt mich schon in allen Haaren . « Zwischen den Vorhängen der Türe erschien das Gesicht des Kämmerers . » Gnädigster Fürst , da kommt der Jungherr - « In einem kostbaren , weinrotfarbenen Hofkleide , das Gesicht noch glühend von der Dampfhitze des Bades , trat Lampert Someiner in die Stube und neigte sich vor dem Herzog . Herr Ludwig begrüßte den jungen Mann mit gewinnender Höflichkeit und schien dabei so guter Laune zu sein , als hätte ihm dieser Tag nur lachende Sonne gebracht . » Berchtesgaden ? Solcher Heimat darfst du dich rühmen , Jungherr ! Ist Rom das Herz der Welt und Paris ihr küssender Mund , so ist Berchtesgaden eines von ihren schönen Augen . Ein Name , der Sehnsucht in mir weckt . Ich sehe friedliche Menschen - « Dem Herzog entging der wehe Zug nicht , der sich um Lamperts Lippen schnitt . » Sehe stille Berge , sehe Gemsen springen und muß an röhrende Hirsche denken . Und Freund Pienzenauer ? Wie geht es ihm ? « Lampert wollte antworten . Seine Stimme erstickte in einem heiseren Laut . » Jungherr ! Bei diesem nassen Ritt scheint deine Stimme gelitten zu haben ? « » Schon früher , Herr ! « » So ? - Nun ? Was macht Herr Pienzenauer ? « » Mein Fürst hat schwere Sorgen . « » Die haben wir alle . Ein bißchen mehr , ein bißchen weniger , das macht bei Menschen keinen Unterschied . Sorge hin oder her , wir Menschen haben es immer noch am besten auf Erden . Stirbt der Mensch , so begräbt man ihn zuweilen ohne Kopf , doch immer mit der Haut . Das tut man bei Ochs und Esel nicht . Die müssen vor der letzten Ruhe das Leder lassen . Ich preise mich glücklich , ein Mensch zu sein . Und hoffe bei dir , mein lieber Jungherr , die gleiche Wertschätzung des Lebens zu finden . « Das tändelnde Geplauder schien auf Lampert wie eine Marter zu wirken . Herr Ludwig betrachtete ihn mit Wohlgefallen . » Ich sehe , Freund Pienzenauer wollte mich ehren , als er für mich zum Botschaftsträger den Schmucksten aus seiner adeligen Jugend wählte . « » Herr , dieses Lob gebührt Eurer Hofkammer , aus der ich gekleidet wurde . « » Fein gesagt ! Bescheidenheit ist ein köstlich Ding . Manchmal überflüssig . Und ? Wie sagtest du , lieber Jungherr ? Freund Pienzenauer hätte Sorgen ? Drückt ihn die Last des Alters ? « » Nein , Herr ! Ein schweres Elend seines Landes . « Lampert wühlte aus dem reichen Kleide , das er trug , den Brief heraus , der in dünnes , verlötetes Silberblech eingeschlossen war . Per Herzog gab den Brief an Gleslin , der mit einer Schere die verlötete Kante abzuzwicken begann . Herr Ludwig plauderte freundlich weiter , obwohl seine Züge sich seltsam spannten . » Fürst Pienzenauer hat feste Schultern . Aber völlig spurlos werden auch an ihm die achtzehn Jahre nicht vorübergegangen sein , seit wir selbander nach Rom geritten , um Berchtesgaden durch des Heiligen Vaters Hilfe aus der Salzburger Pfandschaft herauszuschälen . Das waren schöne Tage ! Hinter den Bergen im Blau ! Er ein guter Priester , ich ein mißratener Prinz ! Er mußte meinetwegen sehr oft zur Beichte gehen . « Herr Ludwig lachte , während seine heiß funkelnden Augen an Gleslin hingen , der den Brief des heiligen Peter las . » Wir beide , dein prächtiger Fürst und ich , wir haben im ewigen Rom viel sterbliche Torheit getrieben . « Das frohe Lachen des Herzogs verstummte . » Gleslin ? « Er bohrte den Blick in das ernste Gesicht des Greises und riß ihm das Blatt aus den Händen . » Gib her ! « In Hast begann er zu lesen . Lampert wurde in diesem Schweigen von einer Erregung befallen , daß man an seinem Hals die Pulse pochen sah . Auch Gleslin , der keinen Blick vom Herzog wandte , schien von einer schweren Sorge bedrückt . Da legte Herr