alle Tage , sie fügte sich nicht so schnell als seine Einsicht . Von jeher gewohnt , zwischen festen Grundsätzen einherzuschreiten , lehnte sie sich jetzt täglich auf , und verlangte die alte Prüfung , den alten Kritizismus . So erziehen sich die besonnenen Menschen die aufmerksamsten und zuzeiten störendsten Schulmeister in ihrem Busen , und es mag oft ein leichtsinniger Mensch eher gesetzt und besonnen werden , als ein gesetzter leichtsinnig . Jener leichte Sinn war es wenigstens , nach welchem Valerius so sehnlich verlangte , bisher immer umsonst verlangte . Diesmal trat er aber wirklich heiterer als gewöhnlich in den Saal . Der Anblick eines Balles war ihm von jeher angenehm . Die zur Freude versammelten Menschen , die zur Freude geputzten Damen , die zur Freude herausfordernde Musik gewährten ihm immer den besten Eindruck . Es stimmte auch völlig zu seinen Ansichten , die Fröhlichkeit , den heitern Genuß zu erzeugen nach allen Kräften . Durch diesen Kanal der sogenannten Lebensphilosophie hatte nun einmal alles zu ihm dringen müssen , und wenn er auch jetzt anfing , dieses gemachte Wesen mit Unzufriedenheit anzusehen , wenn er sich auch lebhaft nach jener Unbefangenheit sehnte , die allen Reiz der Unmittelbarkeit über uns schüttet , so konnte er sich doch , wie gesagt , nicht so schnell seiner Vergangenheit entäußern ; er mußte es geschehen lassen , daß der eben auf ihn anbringende gefällige Eindruck zum Teil in früheren Lehrsätzen seinen Ursprung hatte . Es war aber auch wirklich ein erheiternder Anblick , der sich ihm darbot . Die polnischen Damen , berühmt durch die frische , lebendige Schönheit , jubelten in ihren stürmischen Nationaltänzen umher , der elastische Takt des Masurek hob sie wie beflügelt über den glatten Boden hin , die blitzenden Augen leuchteten siegestrunken , alle Bewegungen der weißen Arme waren kühn und schön - es war der Triumph des Vaterlandes , den sie tanzten . Man sah es , daß alle Kräfte und Fähigkeiten höher gespannt waren als im Alltagsleben , und wenn sich zuweilen jene einzelnen melancholischen Klänge ankündigten , die fast in keiner polnischen Nationalmusik fehlen , so dienten sie nur dazu , das Übermütige der Lust , wie es an vielen Orten emporschlug , in milde Poesie zu wandeln . Man sah es , daß ein wirkliches Fest gefeiert wurde , daß eine gemeinschaftliche Seele durch alle wogte , und solch eine Freude teilt sich mit und dringt auf alles ein wie die erquickende Frühlingsluft , die an einem sonnigen Tage über ein Land daher zieht . Valerius fühlte sich plötzlich von einer so überschwellenden Bewegung ergriffen , daß er hätte aufjauchzen mögen vor Freude . Er glich damals in allem einem Bergstrome , der heute bis auf den Grund vertrocknet , morgen brausend über die Ufer schlägt , wenn ein warmer Regen in seine Schneeberge gefallen ist . Die Polen gewährten in ihrer kurzen Periode der Unabhängigkeit eine merkwürdige Erscheinung . Mit ihrem liebenswürdigen Leichtsinne genossen sie die plötzlich erschienene Freiheit - oft stand der Feind nur einen Kanonenschuß von ihnen entfernt , und sie jubelten und jauchzten , als ob sie in alle Ewigkeit gesichert wären . In allem Glanze erschien damals jene nationale Poesie sanguinischer Völker , jeden Augenblick des Daseins auszukaufen , und auch den äußersten noch für eine Freude zu erbeuten . Dieses Element imponierte Valerius , dem Sklaven der Zukunft , über die Maßen . Er glaubte darin den Sieg eines starken Herzens über alle Äußerlichkeit zu sehen , und erregt von glücklicher Teilnahme stand er an die Wand gelehnt , dem fröhlichen Treiben zuschauend . Der Masurek ging zu Ende , die Tänzer drängten sich durcheinander , Valerius fühlte sich bei der Hand ergriffen ; es war Graf Stanislaus , der vor ihm stand und ihn auf das herzlichste begrüßte . Alle schönen Elemente , die man an den Polen bemerkt , wenn sie im bewegten Kriege oder auf der raschen Reise an uns vorüberfliegen , alle diese einnehmenden ritterlichen Vorzüge besaß der junge Graf . Er war hoch , schlank und schön , sein Haar glänzte in jener polnischen Mittelfarbe zwischen blond und braun , und ein solcher Flaum flog kraus über seine Wangen und Lippen hinweg . Mehr als gewöhnlich drückte sich der Nationalzug einer leichten Melancholie in seinem Antlitz aus , und Valerius fühlte ihm gegenüber zum ersten Male das gesellige Vertrauen , welches zu offener , rückhaltsloser Mitteilung ermutigt . Diesen wesentlichen Reiz im Umgange mit Deutschen hatte er bis jetzt in diesem Lande völlig entbehren müssen : alle Menschen , denen er begegnet war , hatten ihm entweder eine leichtsinnige Oberflächlichkeit , oder eine versteckte , mißtrauische Art des Wesens bekundet , und wenn er sich darin geirrt hatte , so war er doch von niemand vertraulich , mitteilend angeregt worden . Joel war viel zu sehr mit eigenem Leid bedeckt , als daß man ihn noch hätte zur Teilnahme an solchen feineren Dingen auffordern können , wie es nationale Unterschiede , historische Richtungen für einen jungen Menschen sein mußten , der mit den ersten Lebensbedingungen des Herzens und der Gesellschaft zu kämpfen hatte . Man darf sich also nicht verwundern , wenn Valerius tief aufatmete , als er solch ein Zutrauen weckendes Leben bald nach den ersten Worten der Begrüßung in seinem neuen Bekannten entdeckte . Er fühlte sich nun plötzlich nicht mehr allein in dem fremden Lande , und nun schien es ihm auch schnell , als ob dies der einzige Grund seiner bisherigen Mißstimmung gewesen sei . Starke Menschen sind nur zu geneigt , tiefe , chronische Krankheiten ihres Geistes und Herzens wegzuleugnen , sobald sie irgend eine äußere Veranlassung entdecken , welcher sie das innere Unbehagen ihres Wesens zur Last legen können . Es ist gewiß wahr , daß Nationalitäten , die so wenig Berührungspunkte haben , als die deutsche und polnische , die unbequemsten Zustände erzeugen können , wenn der Vertreter der einen Landesart plötzlich mitten in das andere Land geworfen wird . Aber die