und die Gefahr des Erblindens besteht immer . Noch kann ich lesen und schreiben , wie Sie wissen . Das kleine Pult von der Decke wird dann herabgelassen . Ich lese viel - der Pfarrer liest mir auch vor . Mit dem Essen ist ' s einfach , ich hab seit vielen Jahren meinen Teller nicht mehr gesehen , und mein Speisezettel ist der denkbar bescheidenste . Es ist nicht ganz leicht , als vermögensloser Mensch zweiundzwanzig Jahre lang krank zu sein . « Noch immer wußte Josefine nicht , wozu Rudolf Fischer sie hergerufen . Vielleicht ist ' s doch die Medizinerin , von der er ein neues Mittel für sich erhofft , dachte sie , und ihr sank das Herz . Wenn dem so wäre , wer hätte die Unbarmherzigkeit , hierin etwas Herabsetzendes für den Kranken zu finden ? Aber wir sind so geartet , daß wir uns fieberhaft sehnen nach dem Unbegreiflichen , nach dem Übermenschlichen im Menschen , nach dem , was wir selbst nicht tun könnten , das wir nicht von uns fordern würden , und das wir uns nicht zutrauen . Und Josefines Seele , die so lange das kleine Stöhnen des Mitleidheischenden gehört hatte und den dumpfen Schrei des gepeinigten Fleisches - bebend horchte sie auf die Stimme dieses bleichen Überwinders im niederen Bauernstübchen . Daß er nicht für sich selber bitte , sondern für einen anderen , wünschte sie zu erleben . Es war etwas Mitleidloses , fast Grausames in diesem Wunsch , das fühlte sie . Aber mit abergläubischer Heftigkeit bewegte er sich in ihr . Sie sehnte sich , wieder zu glauben an den Menschen in der Erhöhung , nachdem sie so lange den Menschen in der Erniedrigung gesehen . Und der Kranke schien ihre Sehnsucht zu erraten . » Bis die gute Mutter mit dem Kaffee kommt , sag ich Ihnen geschwind , weshalb ich Sie da herausbemühen mußte , « begann Rudolf Fischer , und wieder war sein Ton so frisch und lebhaft , daß man sein Kranksein vergaß . » Es ist besser , die Mutter ist nicht zugegen , sie fürchtet sich meinethalb , die treue Mutter , und nicht ganz grundlos , aber hier gilt es , keine Furcht zu haben , denn es geht um zwei Menschenleben . Merken Sie auf . Nicht weit vom Haus , bei Nachbarsleuten , sind zwei fremde Bübli untergebracht , vier Jahre und zweieinhalb , Kostkinder , von einer Dorfgemeinde eines anderen Kantons für das übliche Kostgeld hierher versorgt . Aber die Kosteltern sind völlig gewissenlose Menschen : Hunger , Schläge , Unreinlichkeit , Zurücksetzung gegen die eigenen , schlechtgewöhnten Kinder - Milch von einer kranken Kuh und , wenn sie schreien , Einsperrung zu den Säuen im Schweinestall - so ist ihre Elternschaft . Ohne Fürsorge , ohne Reinlichkeit , wie man sie für das Vieh aufwendet , und ohne einen Funken Liebe . Und wie kann ein Kind ohne Liebe gedeihen ? « Seine Stimme brach , seine Lippen wurden bleich , Schweiß stand auf seiner Stirn . Josefine hatte sich aufgerichtet , kaum bezwang sie sich : » Man muß sie holen , sofort ! Ich nehme sie mit heim zu mir - man muß ! « rief sie erregt . » Warten Sie ! warten Sie ! « sagte der Kranke , » hören Sie alles . Der Vater der Kinder , der leibliche Vater ist nicht von hier ; er soll einen Einbruch verbüßen , befindet sich im Strafhause für lange Jahre . Die Mutter hat sich von ihm geschieden , Vermögen gibt es nicht - begreiflich ! - so hat die Gemeinde die Bübli ausgetan . Ich höre ihr Angstgeschrei alle Stund , da man sie plagt . Sie kommen zu meiner Mutter um ein Stücklein Brot , eine gelbe Rübe . Aber die Mutter ruft sie dann hinter die Tür oder in den Schopf , denn es darf ' s niemand sehen im Pflegehaus , man vergönnt ' s ihnen nicht . Wagt einer der Nachbarn etwas dawider zu sagen , so gibt ' s grobe Reden . Immer heißt ' s : Die Lausbuben sind in den Grund verderbt , das werden einmal auch Zuchthäusler , das schlimme Blut muß herausgeprügelt werden - « In zorniger Aufregung unterbrach ihn Josefine : » Die rohen Unmenschen ! Ja , ja , so reden sie ! Das ist ganz typisch , immer , ohne Ausnahme reden sie so . Immer wälzen sie ihr Verbrechen auf die Kinder über , schreien , die Kinder seien schlecht . Und was das tollste ist - man glaubt ' s ! Kinder von zwei , von vier Jahren sind schlecht , müssen mißhandelt , körperlich und moralisch zerdrückt , zu den Säuen gesperrt werden , weil sie schlecht sind ! Ich habe einen Kerl gekannt , einen Schlosser aus Bayern , der brannte seinen neunjährigen Buben mit glühenden Eisen auf dem Rücken , um ihn zur Achtsamkeit zu gewöhnen ! Es gibt Lehrer , die ihre Schüler mißhandeln , weil sie kurzsichtig oder schwerhörig sind . Es gibt Lehrer , die ihre Schüler töten , um sie gründlich zu bestrafen . Wegen eines nicht gelösten Rechenexempels hat ein Lehrer in Schöneberg einen zehnjährigen Schüler getötet . Wahrheit ! Aber der Lehrer hieß dann nicht Mörder , sondern schneidiger Kerl . Oh , wie ich diese rohe Bande hasse ! « » Ja , « sagte der Kranke tiefatmend , » ich hasse sie auch ! Aber viel ist Mangel an Phantasie , meinen Sie nicht ? Man sollte diesen Leuten auch die eigenen Kinder nicht lassen , sie taugen nicht zum Erziehungswerk . « Josefine war aufgestanden und ging unruhig umher . » Es tut mir körperlich weh , diese Vorstellung , daß die Bübli dort schmachten . In der Räuberhöhle . Lassen Sie mich hin . Auf den Armen trag ich sie hinaus . Sie sind dann feig , die Quäler . Nicht eine