- doch wußte sie zugleich , daß jeder Versuch scheitern würde . Was konnte sie tun ? Sich dem Gatten zu Füßen werfen ? Umsonst ! Abzubitten hatte sie ihm nichts - und um das Leben des anderen flehen : was half ' s ? Der andere würde ja selber - sie erinnerte sich des Schlages , den er ins Gesicht bekommen - nicht ruhen , ehe er diese Schmach mit Blut gewaschen . Als ob vergossenes Blut überhaupt etwas reinigen , etwas Geschehenes ungeschehen machen könnte - - o über den geheiligten Widersinn , unter dessen Herrschaft die blöde Welt sich gestellt hat ! Oder zu Hugo eilen und ihm sagen : Du gehörst mir , Du hast kein Recht mehr , Dich mir zu entreißen - fliehen wir ... Aber kaum zum Bewußtsein zurückgekehrt , und diese und ähnliche Gedanken in ihrem gequälten Hirne wälzend , verfiel sie in heftiges Fieber mit Delirium . Und was die nächsten Tage brachten , das wußte sie nicht . Sie nahm nur dunkel wahr , daß um sie Frauen bemüht waren , daß ein Mann ihren Puls fühlte , und daß die Gestalt ihrer Mutter über sie gebeugt war ... Erst als das Duell schon vorbei war , hatte sie sich wieder erholt . Jetzt mußte sie alles erfahren . Sie forderte es . Sie schrie nach Auskunft - es war ihr Recht ... Martha willfahrte ihr » Das Duell hat stattgefunden - auf Pistolen - Anton blieb unverletzt und ist abgereist , und Hugo - « » Ist er tot ? « » Nein , Kind , nicht tot - aber schwer verwundet . « Jetzt fand sie keine Ruhe mehr , sie mußte zu ihm . » Aber Sylvia - Du , zu dem Mann , mit dem sich Dein Gatte geschlagen , was würde die Welt - « » Darnach frage ich nicht - Hugo stirbt vielleicht . Die Welt ? - Ihre Satzungen sind es , die Dir Mutter , Deinen Abgott getötet haben , und die den Mann , der mich betrogen , zum Mörder meines Geliebten machten . « » Dein Geliebter ? ... so war er - « » Wie soll ich ihn anders nennen ? - Ich lieb ' ihn ja . Die Welt verachte ich und verächtlich wäre ich , tät ' ich ' s nicht ... Gehen wir - komm mit , Mutter , und gehen wir gleich . « Jetzt war es am dritten Tag seit dem ersten Krankenbesuch der beiden Frauen . Hugo lag mit geschlossenen Augen da und atmete schwer . » Schläft er ? « fragte Martha im Flüsterton . Doktor Bresser schüttelte den Kopf : » Ich glaube nicht . « Sylvia war blaß und verweint . Noch hoffte sie auf Rettung , aber schon die Möglichkeit - die sogar eine Wahrscheinlichkeit war - daß er verloren sei , und dazu der Anblick seiner Leiden , verursachten ihr so tiefen Schmerz , daß seit drei Tagen und Nächten ihre Tränen fast nie versiegten . Gestern und vorgestern waren Mutter und Tochter je zwei Vormittags- und zwei Nachmittagsstunden beim Kranken geblieben und am Abend wurde noch um Nachricht geschickt . Augenblickliche Gefahr war noch nicht eingetreten gewesen . Martha blickte auf die Uhr und stand auf . » Komm , Sylvia , jetzt wollen wir gehen . « Die junge Frau erhob sich auch . » Sollte ihm schlechter werden , so lassen Sie uns rufen , « sagte sie zum Doktor . Aber als die beiden schon nahe der Tür waren , kam ihnen Bresser nach und sagte bedeutungsvoll : » Gehen Sie nicht - « Sylvia erbebte . Sie schaute zu Bresser auf , eine entsetzte Frage im Blick . Er verstand diese Frage und antwortete : » Ich fürchte - « Sylvia flog wieder an die Seite des Bettes zurück und kniete da nieder . Jetzt weinte sie nicht - der Schreck war zu heftig gewesen . Hugo lag regungslos ; der Atem , der durch seine halboffenen Lippen drang , hatte einen leise wimmernden Laut . Baronin Tilling ergriff die Hand ihres alten Freundes : » Was fürchten Sie ? - Steht es so schlecht ? « » Es steht schlecht . « Es gab Martha einen Stich . Dabei dachte sie weniger an Hugo , als an den Freund . Der einzige Sohn ! - Freude und Stolz seines Alters ... eine so glanzvolle Zukunft vernichtet ... » Ich habe nicht genügend Vertrauen in meine Kunst - auch nicht in die des Arztes , der ihn jetzt neben mir behandelt - ich habe noch Professor Linden gerufen . « Er wandte sich an die knieende Sylvia : » Gräfin Sylvia , Doktor Linden kann jeden Augenblick kommen . Wollen Sie vielleicht unterdessen ins Nebenzimmer ? - « Sie hob den Kopf . » Das hat ja Zeit , bis er da ist - und wenn er mich fortschickt . « » Dann hat er Sie aber schon gesehen . « - Sylvia blickte verständnislos . - » Ich meine , es könnte dann bekannt werden ... Doktor Linden kommt überall herum ... und nach allem , was man in der Stadt erzählt - « » Ist mein Platz nicht hier , meinen Sie ? « » Mein Gott , die böse Welt - « Ein Ausdruck tiefster Geringschätzung flog über Sylvias Züge : » Ich bleibe . « Und wieder vergrub sie den Kopf in die Decke am Bettrand . Bresser hatte sie verstanden : angesichts von Liebe und Tod - diesen beiden erhabenen Gewalten - war dem jungen Weibe das , was er vorhin die Welt genannt , zu einem Nichts geschrumpft . Der erwartete berühmte Professor kam . Er konnte nur bestätigen , was Doktor Bresser selber gefunden : die Gefahr war groß . Natürlich hatte er die beiden Damen erkannt und wohl darüber gestaunt , daß diejenige , deren Gatte - ihretwegen - den Rivalen verwundet hatte , an