jede Erinnerung , jede Feinheit verschwunden war , wiederum roch er die abgelagerte Luft von gestern , atmete den Rauch der Zigaretten , den Dunst der Weine und wurde behandelt wie einer , der nicht da ist oder den man nicht sieht . Er sah in dunkle Nebenkammern , wie man auf einer längstverödeten Straße Wagenspuren verfolgt ; das heimische Laster hatte seine Spuren selbst in die Finsternis gegraben . Er sah in andern Stuben junge Männer lungern und sich erhitzen um einen Kuß , von dem sie vergessen wollten , wie feil er war und wie jedem er gewährt worden war . Er sah Spielkarten fliegen und hörte rohe Scherze durch die Wände dringen , Pfropfen knallen , Goldstücke rollen und glaubte zu erkennen , wie mancher seine Ohren verschloß gegen die Stimmen , die er nicht hören wollte , nie hören durfte , ohne den Verstand zu verlieren . Er erblickte die Kammern dieser Frauen und Mädchen , die von unsinnigem Zierat starrten , worin sie sich bei Tag einem bleiernen Schlaf überließen , worin ein rotes oder grünes Licht künstliche Schwülnis hervorbrachte und selbst den abgeschabten Stellen der Tapete etwas Schmückendes verlieh , gleich dem Märchen von der ersten Sünde und der poetischen Verführung , das die Bewohnerin in seinem matten Schein ersinnt und dem empfindsam gewordenen Besucher verabreicht . Er sah die verschnörkelten , steilen Treppen , auf denen die Mädchen hinauf- und hinabeilten und dabei berechneten , wieviel sie noch verdienen müßten , um sich bezahlt zu machen dafür , daß sie hier in Hemd und Strümpfen sich mästen durften , ohne daß man mehr von ihnen verlangte , als daß sie lachten , lachten , immer lachten . Mochten sie fett oder mager sein , blond oder schwarz , alt oder jung , sie hatten keine Aufgabe , als die , zu lachen . Und jedes neue Läuten der Glocke brachte einen neuen Gast in diese Krämerei , wo lebendiges Fleisch verhandelt wurde : Junge Menschen , die mit zitternden Lippen und studiertem Gleichmut unter der Schwelle standen , um zu warten , was man mit ihnen beginnen würde ; schiefe Greise , die einen letzten Funken ihres vergehenden Lebens anzufachen bemüht waren ; Männer , von Langeweile und Gewohnheit hergetrieben , Knaben sogar mit den erschreckenden Zeichen vorzeitiger Fehltritte in den Augen , die sie wissend einem alles verschlingenden Abgrund zueilen ließen , Bräutigame , die ein Mittel suchten , die ideale Schwärmerei des Brautstandes zu überdauern , geachtete Bürger , die liebenswürdige und gute Frauen besaßen , Lehrer , Beamte , Studenten , Handwerker ... Wie um Erbarmen stehend , suchten Agathons Augen diejenigen Gudstikkers und diese antworteten : Hier gibt es kein Erbarmen . Und Agathon verlor Ruhe , Kraft und Besinnung und Bild auf Bild in stummer Reihenfolge bedrängte ihn . Oft war es auch ein leidendes Gesicht , das er gewahrte , das mit hineingerissen wurde in den Strudel und versank . Erschüttert wollte er fliehen , doch schon war Gudstikker neben ihm , der ihn führte , - durch die menschenleeren Gassen der Stadt . Warum , warum ist das alles ? fragte Agathon flüsternd . Aber nichts gab ihm Antwort , während Gudstikkers Nähe mehr und mehr beklemmend auf ihn wirkte . Und er sah durch die Mauern der Häuser , armer und reicher Häuser ; er hörte Angstrufe , Hilfeschreie einer versinkenden Gesellschaft , einer Welt , die wie ein Schiff sich langsam mit Wasser füllt , um unrettbar in den Abgrund zu tauchen . Bis jetzt war es nur das offene Spiel gewesen , das lediglich zum Schein den Stempel der Heimlichkeit trägt , und um jenen Anstand zu wahren , der noch die letzte Klammer der berstenden Wände bildet . Er sah , daß jedes Haus eine Wunde hatte , die unheilbar war ; daß jede Tür eines jeden Zimmers mit unverlöschlichen Lettern das Gedächtnis eines schweren Makels aufbewahrte ; daß jedes Glas eines jeden Fensters auf Dinge geschaut , die besser in dichtem Dunkel begangen worden wären ; daß kein Schläfer unter allen so ruhig schlief , daß selbst seine reinsten Träume nicht durch den Nachhauch eines begangenen Frevels getrübt wurden , daß die Bereitwilligkeit , sich zu verkaufen , in keinem verschlossenen Haus geringer war , als in jenen öffentlichen ; daß das Glück und die Ruhe aus den Zügen des Lebens verwischt waren und daß der Weinende wie der Lachende eine Maske trägt ; daß die Händler des Fleisches und die Händler des Geistes bei Tag und Nacht , jahraus , jahrein durch die Gassen gehen und harmlos scherzend Gift säen ; daß die Kaserne und das Spital , der Palast und das Gefängnis , die Kirche und das Wirtshaus , das Theater und die Schule von einem Schmerz gepeinigt , von einer Lüge erhalten , von einer Hoffnung betrogen werden . Und Agathon sah das Ziel in der Ferne zerstäuben zu nichts , die Fackel , die seinen Weg erleuchtet , langsam vergehen und erkannte , daß er gegen die gigantische Masse des Elends nichts war als ein Kind , das mit seinen Händchen Gebirge abtragen will . Und Jude oder Christ , was bedeutete ihm das noch gegenüber diesem heimlichen und lautlosen Kampf , der hier zwischen schlafenden Mauern geführt wurde ? Jude und Christ hatten in gleicher Weise dazu beigetragen , das Jahrhundert dorthin zu führen , wo es stand , und ihre Todeszeugen fielen einander grinsend in die Arme und schlossen Bruderschaft . » Gute Nacht , Bester , « sagte Gudstikker jovial , als sie vor seinem Haus standen . » Ich denke , meine Dienste haben Ihnen gut getan . Die Welt ist viel größer , als Sie glauben . Setzen Sie sich auseinander mit ihr , gute Nacht . « Agathon nahm den Gruß verständnislos hin und blieb , als er sich allein sah , lange Zeit an derselben Stelle stehen . Mit dem Verschwinden Gudstikkers waren die Bilder und Gesichte vorbei . Agathon