des patriotischen Hilfsvereins , der mehrere Ärzte und barmherzige Schwestern und eine Ladung nötigen Materials nach der Umgebung von Königgrätz abführen sollte . » Und da könnte ich nicht mitfahren ? « » Unmöglich ! « Immer deutlicher und flehender vernahm ich Friedrichs Hilferuf - und nicht kommen können : es war zum verzweifeln ! Da erblickte ich am Eingang der Halle Baron S. , den Vize-Vorsteher des patriotischen Hilfsvereins , denselben , den ich schon vom Kriegsjahre 59 her kannte . Ich eilte auf ihn zu : » Um Gotteswillen , Baron S. , helfen Sie mir ! Sie erkennen mich doch ? « » Baronin Tilling , Tochter des General Grafen Althaus - gewiß habe ich die Ehre ... Womit kann ich Ihnen dienen ? « » Sie expedieren einen Zug nach Böhmen ... lassen Sie mich mitfahren ! Mein sterbender Mann verlangt nach mir ... Wenn Sie ein Herz haben - und Sie beweisen ja durch Ihre Thätigkeit , wie schön und edel Ihr Herz ist - so schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab ! « Es gab noch allerlei Zweifel und Bedenken , aber schließlich wurde meinem Wunsche willfahrt . Baron S. rief einen der vom Hilfsverein entsendeten Arzte herbei und empfahl mich , als Mitreisende , seinem Schutz . Bis zur Abfahrt war noch eine Stunde . Ich wollte den Wartesaal aufsuchen , aber jeder verfügbare Raum war in ein Hospital verwandelt . Wo man hinblickte , überall kauernde , liegende , verbundene , bleiche Gestalten . Ich mochte nicht hinschauen . Das bischen Energie , das ich besaß , das mußte ich mir auf meine Fahrt und auf deren Ziel aufsparen . Von aller Kraft , allem Mitgefühl , aller Hilfeleistungsfähigkeit , die mir zu Gebote stand , durfte ich hier nichts ausgeben ; das gehörte nur ihm - ihm , der mich rief . Es war indes kein Winkel zu finden , wo mir der Jammeranblick erspart geblieben wäre . Ich hatte mich auf den Perron geflüchtet und dort mußte ich gerade das Ärgste mit ansehen : die Ankunft eines langen Zuges , dessen sämtliche Waggons mit Verwundeten gefüllt waren , und die Abladung der Letzteren . Die leichter Blessierten stiegen selber aus und schleppten sich vorwärts , die Meisten mußten aber unterstützt , oder gar getragen werden . Die verfügbaren Tragbahren waren gleich besetzt und die überzähligen Patienten mußten bis zur Rückkunft der Träger einstweilen auf den Boden gelagert werden . Vor meine Füße , auf dem Platze , wo ich auf einer Kiste saß , legten sie Einen hin , der unausgesetzt ein gurgelndes Röcheln ausstieß . Ich beugte mich herab , um ihm ein teilnehmendes Wort zu sagen , aber entsetzt fuhr ich wieder zurück und verbarg mein Gesicht in beide Hände - der Eindruck war zu fürchterlich gewesen . Das war kein menschliches Angesicht mehr - der Unterkiefer weggeschossen , ein Auge herausquellend ... dazu ein erstickender Qualm von Blut- und Unratgeruch ... Ich hätte aufspringen und fliehen mögen , doch ward mir totenübel und mein Kopf fiel an die hinter mir liegende Mauer zurück . » O ich feiges , kraftloses Geschöpf ! « - schalt ich mich - » was suche ich hier in diesen Jammerstätten , wo ich nichts - nichts helfen kann ... wo ich solchem Ekel unterliege « ... Nur der Gedanke an Friedrich raffte mich wieder empor . Ja , für ihn , auch wenn er in solchem Zustande wäre , wie der Elende zu meinen Füßen , könnte ich Alles ertragen - ich würde ihn noch umfangen und küssen , und aller Ekel , alles Grauen versänke in das eine allbesiegende Gefühl - in Liebe - » Friedrich - mein Friedrich , ich komme ! « wiederholte ich halblaut diesen einen fixen Gedanken , der mich seit der Ankunft des Bresserschen Briefes erfaßt und nicht mehr losgelassen hatte . Eine furchtbare Idee durchflog mein Hirn : Wie , wenn dieser - Friedrich wäre ? Ich sammelte meine Kräfte und blickte noch einmal hin : Nein , er war es nicht . Die bange Wartestunde war doch auch vorübergegangen . Den Röchelnden hatten sie fortgetragen . » Legt ihn dort auf die Bank , « hörte ich den Regimentsarzt befehlen , » den da kann man nicht mehr ins Spital bringen - er ist schon dreiviertel tot . « Und doch - diese Worte mußte er noch verstanden haben , der Dreiviertel-Tote , denn mit einer verzweiflungsvollen Gebärde hob er beide Arme zum Himmel . Jetzt saß ich im Waggon mit den beiden Ärzten und vier barmherzigen Schwestern . Es war erstickend heiß und der Raum war mit einem Duft von Hospital und Sakristei - Karbol und Weihrauch - erfüllt . Mir war unsäglich übel . Ich lehnte mich in meine Ecke zurück und schloß die Augen . Der Zug setzte sich in Bewegung . Das ist so der Augenblick , wo jeder Reisende sich das Ziel vergegenwärtigt , dem er entgegengetragen wird . Öfters schon war ich auf dieser Strecke gefahren und da winkte mir die Ankunft in einem gästegefüllten Schlosse , in einem fröhlichen Badeorte - auch meine Hochzeitsreise - seliges Andenken - hatte ich auf diesem Weg gemacht , einem glänzenden und liebevollen Empfang in der Hauptstadt » Preußens « ( wie hatte letzteres Wort doch seither einen anderen Klang bekommen ! ) entgegen . - - Und heute ? Was war heute unser Ziel ? Ein Schlachtfeld und umliegende Lazarethe - die Stätten des Todes und der Leiden . Mir schauderte . » Gnädige Frau , « sagte einer der Arzte - » ich glaube , Sie sind selber krank ... Sie sehen so bleich und leidend aus . « Ich blickte auf . Der Sprecher war eine sympathische , jugendliche Erscheinung . Vermutlich war dies die erste praktische Thätigkeit des kaum promovierten Mediziners . Schön von ihm , daß er seine ersten Dienste diesem gefahr- und beschwerdevollen Amte widmete ! Ich fühlte mich diesen Menschen , die