; der Kommerzienrat habe mit der Dame unausgesetzt korrespondiert und sei stets von allem genau unterrichtet gewesen , was seinen kleinen Sohn angegangen ; dagegen habe er sich nie entschließen können , das Kind selbst wiederzusehen ... Nun sei aber vor einem Jahre die Dame in Paris plötzlich gestorben , und der Kommerzienrat habe den Entschluß ausgesprochen , den Knaben in einem Institut unterzubringen . Dagegen sei indes Frau Lenz entschieden aufgetreten - das Kind sei noch zu jung , es brauche notwendig noch das ruhige , beglückende Leben , die Pflege inmitten der Familie , und nunmehr reklamiere sie als Großmutter den Knaben ; sie habe lange genug die Sehnsucht nach Blankas Kinde unterdrücken müssen ; und erschreckt durch ihre Drohung , die Hilfe seiner Verwandten anzurufen , falls er auf seinem Vorhaben bestehe , habe er den kleinen Max eines Tages in die deutsche Heimat , in das großelterliche Haus bringen lassen ... Wie ein Wunder habe sich damals eine plötzliche Umwandlung vollzogen ; beim Anblick des schönen , intelligenten Knaben sei wie mit einem Schlage die tiefste Vaterzärtlichkeit unwiderstehlich in dem Herzen des finsteren Mannes erwacht . Oft sei er spät abends ins Packhaus gekommen und habe stundenlang schweigend am Bett des schlafenden Kindes gesessen , sein Händchen in der seinen haltend . Er habe sich auch mit großen Plänen für die Zukunft dieses seines nachgeborenen Sohnes getragen . Das alles hatte der alte Maler schlicht und einfach dem Landrat im stillen Amtszimmer mitgeteilt , und wenn noch ein Zweifel in Herberts Seele gelebt hätte , vor der schmucklosen Darstellung des tiefbewegten alten Mannes wäre er sofort verflogen . Aber hier entschied nicht die festeste Ueberzeugung , und wäre sie die der ganzen Welt gewesen , sondern der Buchstabe , das » Schwarz auf Weiß « . » Ohne gesetzlich beglaubigte Dokumente schweben alle Ansprüche rechtlos in der Luft , deshalb reisen Sie ! « hatte Herbert gesagt . » Sie werden auf große Schwierigkeiten stoßen und viel Zeit und Geld brauchen ; aber um ihrer gerechten Sache willen werden Sie die Schwierigkeit nicht scheuen und Ihre Zeit gern opfern , und das Geld , nun das wird sich schon zur rechten Zeit finden , darum sorgen Sie sich nicht ! « Das war wenigstens ein schwacher Trost , ein Strohhalm gewesen , an den man sich in der Bedrängnis klammern konnte ; aber diesen Trost hatte der alte Mann seiner Frau nicht einmal geben können - schon bei seinen ersten Worten war sie vor seinen Augen zusammengebrochen ... In der Schreibstube ging währenddem alles seinen gewohnten Gang . Hätte der junge Chef ahnen können , daß es fern am Horizont gewitterhaft aufblitze , er würde sein Augenmerk auf ganz andere Dinge gerichtet haben , als es die Kleinigkeitskrämerei war , mit der er sich immer noch vorzugsweise beschäftigte . Mit dem Aufräumen des alten Schlendrian war er immer noch nicht fertig . Es gab noch da und dort Hinterthüren , durch welche sich der Unterschleif ermöglichen ließ . Nicht allein im Hause mußte man jedes Eckchen immer wieder inspizieren , nein , auch der Hof verlangte wachsame Augen mit seinem zweiten Ausgang , dem Packhausthor . Da gingen und kamen die Taglöhnerinnen , da konnten leicht Viktualien und Holz aus der Küche und Hafer aus den Pferdeställen » weggeschleppt « werden ; deshalb wurde jeder » Ausguck « in den Hof freigelegt , wurden jahrelang verschlossen gewesene Fensterläden täglich zurückgeschlagen . Die Nachteile dieser Observationsposten hatte bereits Bärbe gestern empfunden , als sie mit ihrem Eimer vom Brunnen zurückgekehrt war . Gleich darauf war der junge Herr in die Küche gekommen , hatte die alte Köchin heftig ausgescholten und sich ein für allemal den » neumodischen Mägdeklatsch « am Hofbrunnen verbeten . Heute nachmittag war auch Margarete von Dambach zurückgekehrt . Sie konnte zufrieden sein mit dem Erfolg ihrer sorgsamen Pflege , dem Großpapa ging es viel besser . Aber der Hausarzt , den der Landrat insgeheim befragt , war der Ansicht gewesen , daß das Uebel in dem allen Stürmen und Wettern preisgegebenen , leichtgebauten Pavillon keinenfalls gänzlich gehoben werden könne ; der alte Herr möge doch lieber für die strengste Winterzeit nach der Stadt übersiedeln . Damit hatte sich der Amtsrat einverstanden erklärt , und zwar um so eher deshalb , weil er nicht in der oberen Etage wohnen sollte . Ein paar , gerade über den Lamprechtschen Wohnräumen gelegene Zimmer der Bel-Etage sollten um des erwärmten Fußbodens willen für ihn eingerichtet werden . Nun galt es , dem alten Herrn die Wohnung behaglich zu machen , und deshalb war Margarete in der Stadt . Tante Sophie war glücklich , sie wieder zu haben , wenn auch Bärbe ganz erschrocken meinte , daß das liebe » Gretelgesichtchen « gar so schmal und vergrämt aussehe . Tante Sophie freute sich aber auch im stillen , daß der Amtsrat nach der Stadt übersiedeln sollte ; da war doch wieder ein männlicher Wille im Hause , eine Stimme , die , wenn sie sich zum Befehl erhob , Furcht und Respekt einflößte . Und das that not , der kleinen , herrschsüchtigen Frau im zweiten Stock gegenüber , die nun , nachdem sich die Augen des ehemaligen Hausherrn geschlossen , ihre geheime Abneigung gegen » das derbe , unverschämt gerade Frauenzimmer , die Sophie « , frei zu Tage treten ließ , die sich in die Hausangelegenheiten mischte und an dem Thun und Lassen » der alten Jungfer « mäkelte , als sei sie ihr untergeben . Gleich in der ersten Stunde erfuhr Margarete von dem Jammer im Packhause . Tante Sophie und Bärbe berieten in der Küche , wie sie wohl einige Erfrischungen für die Kranke unbemerkt an den alten Lenz gelangen lassen könnten . » Ich trage sie hinüber , « sagte Margarete . Bärbe schlug die Hände über dem Kopfe zusammen . » Um Gotteswillen nicht - das gäbe Mord und Totschlag ! « bat und versicherte sie . Der junge Herr lauere an