wieder empor , dann aber schickt man sich darein , von dem allgemein Gültigen abzusehen , den Fall an sich als Ausnahme zu betrachten , was man ja ohne Gefahr tun kann , da er nur die Regel zu bestätigen vermag , und um so nachsichtiger fällt das Endurteil aus , als schroffer und unverrückbarer die anfänglich allen Unwillen erregende Tatsache bestehenbleibt . Da aber weder das eingewohnte Denken noch das ursprüngliche , widerwillige Gefühl über die Konflikte hinweghelfen , so formuliert sich die Anklage , wenn der Fall ein erschütternder , an die letzte Adresse , an das Schicksal , streben aber die Dinge wieder mit dem Alltäglichen sich ins Gleichgewicht zu setzen , so sucht die Menge mit aller Spitzfindigkeit nach dem , dessen Anstoß den ärgerlichen Verlauf verursachte , und findet diesen neuen , endgültig Schuldigen oft in einer Person , die anfänglich , wie gefeit , ganz beiseite gestanden hatte . Als man im Orte merkte , daß der junge Sternsteinhofer just nicht des Votivbildes halber so häufig nach des Holzschnitzers Hütte gelaufen war , da schlug die Stimmung gegen den » frommen , sorghaften « Bauern gewaltig um , und auch an Helenen ließ man kein gutes Haar , und » ganz aus der Weis unschambar « fand man es , wie er die Wittib zu sich auf den Hof nehmen und die dahin gehen mochte ! Die Sternsteinhofbäuerin wurde für eine » helle Marterin « erklärt . Aber der Bauer konnte doch einen und den andern , die sich zu vorlaut gaben , » sakrisch klemmen « - und im Grunde , er hatte ein krankes Weib - wohl - wohl - doch die Kleebinderin , als recht und schlecht verheirat , hätt ihn gleich beim ersten Anwurf ausjagen sollen , und hätt sie dazu auch ' s längste Scheit unterm Herd hervorlangen müssen ! Freilich , viel geht in der Welt vor , und allerwärts hört man , wie oft ein Weib rechtschaffen ausholt und Dreinschlagen vergißt . Anders wieder , als man die Bäuerin zu Grabe trug , da legten sich die Leute gar keinen Zwang auf , und dem weithinwallenden Zuge entlang summte es wie ein Immenschwarm , und zwar nicht ins Gesicht , aber zu Gehör sprach man den zweien , » die zwei andere so gut wie umgebracht hätten « . Doch die Sternsteinhoferin war nun einmal tot und lag in der kühlen Erde , und das war für sie schier das beste , wie für die andern ; vermochten die nicht voneinander zu lassen , so war es gleich einer Schickung und Gnad Gottes , daß sie nun in Ehren zusammen und zu einem End kommen konnten , und hätt man sie seinzeit gewähren lassen , wär das ganz Ärgernis und andern zwei beiden alles gebrannte Herzleid erspart geblieben . Ja , ja , an dem , wie ' s kommen und gangen , war eigentlich doch nur schuld - der alte Sternsteinhofer ! Auf solche Weise fand sich der meisten Denken und Meinen mit dem , was geschehen war und nun geschehen würde , zurecht , nur wenige hielten an ihrer anfänglichen , strengen Verurteilung fest , darunter auch der Kaplan Sederl , und nur einer erklärte von allem Anfange an , er löffle nichts so heiß aus , als es aufgetragen werde , der alte Pfarrer . Freilich , auch der , wenn er an die » unsaubere Geschichte « dachte - daß die auch just in seinem Sprengel spielen mußte ! - , rückte sein Samtkäppchen bedenklich schief , indem er sich ärgerlich im Haar kraute , und über seine Stirn legten sich unmutsvolle Falten ; aber den Schuldigen den Prozeß zu machen , überließ er den Leuten , und das Urteil stellte er dem anheim , des Augen , die nie ein Schlaf schloß , mehr sehen , als aller Leute Augen zu sehen vermochten ! Er hatte ein feines Gefühl für des Volkes Art und Weise , ein feines Gehör für dessen Rede , und das schließliche Abfinden und Zurechtlegen einer Sache , die sich nicht » geben « , nicht unterducken lassen wollte , kam ihm nicht unerwartet . » Nie , niemal , Sederl « , eiferte er gegen den jungen Kleriker , » werden Sie sich auf Welt und Leut verstehen lernen ! Sie habn ' n praktischen Blick noch heut nit . Ließ ich Sie hitzt an meiner Statt machen , Sie gäben gwiß was an , ' n Lebendigen zun Schaden und ' n Toten von keinm Nutz ! ... Himmelheiligkreuzdonnerwetter ! « Dieser » verluderte Ausdruck « galt keineswegs dem Kaplan ; der alte Herr hatte gegen diesen mit vermahnender Geste den Zeigefinger erhoben und dann , um den Tabak zusammenzudrücken , in den Pfeifenkopf gesenkt , jetzt schnellte er ihn mit gelb gesengtem Nagel heraus , schlenkerte damit , und indem er auf die schmerzende Stelle blies , fuhr er fort : » Pfü - üh ! Sie wissen nit , wie ' n Leuten völlig ein Stein vom Herzen fallt , wann was Unordentlichs sich wieder in d ' Ordnung schicken will , und wie gern da alle mit antauchen helfen , nach einm Abschluß hin , wo sich ' s ' m Gwohnten und Gleichen einpaßt und ' s Ärgern und Deuteln ein End findt . Da mitten hnein ' n Leuten in Arm fallen , das wär Gott und der Welt a schlechter Dienst ! « » Sih ärlauhbeen « , sagte der Kaplan , indem er sich erhob , das alte Pfarrbuch , dessen Lektüre ihn gerade zerstreute , an sich nahm und sich zum Weggehen anschickte , » iich wihl nichtt straiten , ahber tas ahles wihtersträbt mihr inn tiehfster Sälle . « » Dann schamen Sie sich auch in d ' Seel hnein , wie tief s ' is « , sagte der Pfarrer . Er hielt ihn mit der Rechten zurück und reckte den linken Arm gegen das Kruzifix