genug war , was er dem herrlichen Max nicht gegönnt hätte . Röschen dahingegen flüsterte ihm in das Ohr : » Was wetten wir , Dezem , die alte Dame hat Max zu ihrem Erben eingesetzt , und ich an ihrer Stelle hätte es auch getan . « Von oben herab drang unverständliches Gemurmel ; der Rat las vor . Es mußte ein großes Vermögen und eine lange Reihe von Verfügungen sein , denn der Vortrag nahm gar keine Ende . » Wie es scheint , « dachte Dezimus , » bekommen viele ein Teil ; und das ist auch besser als einer alles . « Da - jählings Unruhe oben , Hin- und Widerlaufen , Stühlerücken , ein schriller Schrei . » Es war Mama ! « rief Philipp . Die Kinder stürzten in das Haus ; Rose und Dezimus ihnen nach . Auf der Treppe kam ihnen der Vater entgegen , totenbleich , in tiefster Bestürzung . » Hole schleunigst die Mutter , Rose , « stammelte er . » Sie soll ihre Lanzette mitbringen ; es muß eine Ader geschlagen werden . Du , Dezimus , folge mir in den Saal ! « Als Dezimus den Saal betrat , lag der Propst , anscheinend ohnmächtig , auf seinem Stuhle zurückgesunken in Lydias Armen ; die Gattin , auf den Knien , umklammerte in Todesangst seinen Leib ; sämtliche Zeugen umstanden mit verstörten Blicken die Gruppe ; der Justitiarius brachte vor tauben Ohren hastig den Vortrag , der Schreiber das Protokoll zum Abschluß . » Eilen Sie mit des Pächters Pferden zur Stadt nach einem Arzt ; säumen Sie keine Minute ! « sagte Pastor Blümel zu Max , der sich alsobald entfernte . Martin und Dezimus trugen den ungelenken Körper in das Krankenzimmer , lösten seine Kleider und legten ihn auf das Ruhebett ; unterdessen kam Mutter Blümel , die als rechte Pfarrersfrau in dringenden Fällen der Chirurgus der Gemeinde war . Röschen , mit ihr zurückgekehrt , blieb auf ihren Wink im Vorzimmer zurück . In der nächsten Minute trat Sidonie aus dem Krankenzimmer , schattenblaß und zitternd . » Nur einen Augenblick ! « stammelte sie . » Ich kann kein Blut sehen . Bitte , hole mir ein Glas Wasser . Der Onkel hat eine Ohnmacht ! « » Aber wer hat denn das Gut ? « fragte Röschen , als sie mit dem Wasser zurückkehrte . » Vorderhand ich , « antwortete Sidonie , sichtlich enttäuscht . » Nach meinem Tode - Gott weiß wer . Hoffentlich werde ich so lange leben , bis Max auf festen Füßen steht . « Damit ging sie wieder in das Krankenzimmer , und Röschen blieb allein . Kluge Jüngferchen sind nicht minder wie Nachtigallen und Spatzen neugieriger Natur , und das kluge Pfarrjüngferchen war keine Ausnahme von der Regel , was bei gegenwärtigem Anlaß auch ein Rigorist ihm nicht als Sünde anrechnen wird . Röschen horchte am Schlüsselloch nach einem Lebenszeichen des Ohnmächtigen - Totenstille ; Röschen zerbrach sich den Kopf über das Rätsel , das nichts als Verdrießlichkeit angerichtet zu haben schien - keine Lösung . Röschen wurde selbst ganz verdrießlich . Zu ihrem Glück kam aus dem Ahnensaal der Justitiar , der allein mit dem Protokollführer das Geschäft hatte zu Ende führen müssen . Der alte Rat war nächst ihrem jungen Dezem des Pfarrröschens Spezial ; er nannte sie Töchterchen Augentrost und kehrte niemals im Hause ein , ohne eine Tüte gebrannter Mandeln mitzubringen , die Töchterchen Augentrost fürs Leben gern knabberte . Was konnte natürlicher sein , als daß Röschen sich dem alten Herrn an den Arm hängte , ihn eine Strecke des Heimwegs begleitete und ihren Wissensdurst aus erster Quelle zu stillen suchte . Der alte Herr seinerseits plauderte gern und ein hübsches Kind am Arm doppelt gern . Ein Amtsgeheimnis war die Sache nicht mehr , ein interessanter Fall aber war sie und würde sie noch lange Zeit für die Abendunterhaltung in der Resource bleiben . So erfuhr denn Röschen auf blumigen Wiesenwegen unter einem lachenden Johannishimmel und aus einem lachenden Munde brühwarm und haarklein , denn Lücken duldete Röschens Gründlichkeit nicht , die » Tragikomödie « , die sich im Ahnensaale abgespielt hatte , und ihr Dezem , der währenddessen den Schlußakt miterlebte , erfuhr erst am anderen Tage aus Röschens Munde , daß sich - für Röschen doch die Hauptsache ! - wieder einmal ein Täufersegen über sein Haupt ergossen hatte . Sobald Lydia den Choral beendet hatte , setzte sie sich zur Linken ihres Vaters , dessen kalte Hand in die ihre nehmend . Er war gespensterhaft bleich . Zu seiner Rechten saß die Mutter , neben ihr Martin , die Weinende mit seinen Armen umfassend . Dann folgte Sidonie . Max stand hinter dem Stuhle seiner Braut . Pastor Blümel verhielt sich in der Nähe des Tisches , vor welchem der Justitiar und der Protokollführer Platz genommen hatten . » Zwischen dem Altar , der Orgel , den alten Ahnenbildern und dem alten Pastor im Ornat , gegenüber der kohlschwarzen , feierlichen Gesellschaft , machte der alte Judex unzweifelhaft einen Effekt , wie er ihn in seinem Leben noch nicht vorgebracht , « meinte vergnüglich der Rat . Von dem Schriftstück , das nunmehr zum Vortrag kam , versicherte er , daß es , wie von A bis Z durch die Testatorin eigenhändig niedergeschrieben , so seinem gesamten Duktus nach , zuverlässig ohne fremden Beirat von ihr ausgeklügelt worden sei . » Als ob man die alte Harfenkönigin reden hörte ! Paragraphen für Paragraphen waren , wie bei einem Gesetzerlaß , die Motive beigefügt . Meist freilich in verzwickt ironischer Fassung . Einfälle wie ein altes Haus ; aber von unanfechtbarer Sach- und Fachkenntnis . Summa Summarum ein mustergültiges Dokument ! Wenn es viele solche schneidige Köpfe wie den dieses alten Fräuleins unter seinem Blumenhute gäbe , könnten wir Advokaten nur gleich die Bude zumachen . « Der Vermögensstand , bis in das Detail aufgezählt und nach