jenes Mannes alles Streben nach geistiger Höhe und moralischer Tüchtigkeit wertlos zusammensinke vor einem Schemen , den erbärmliche Menschensatzungen mit trügerischem Goldschaume bekleiden ! « Frau Ferber heftete einen erstaunten Blick auf ihre Tochter , in deren Zügen sich plötzlich alle Spuren einer tiefen Gemütsbewegung zeigten . Der Oberförster dagegen klemmte seine Pfeife zwischen den Zähnen fest und klatschte in seine gewaltigen Hände . » Else , Goldkind ! « rief er endlich . » Na , gib deine Hand her , bist ein wackerer Kämpe durch und durch ! ... Ja , auch ich sage , Gott behüte mich , daß ich die Zahl derer vermehre , die um ihres persönlichen Vorteils willen ihren ehrlichen Namen aufgeben ... Gelt , Adolf , wir machen das Kirchenbuch in der kleinen schlesischen Dorfkirche , wo wir getauft worden sind , nicht zu schanden , wir schreiben unseren Namen fort und fort , wie er dort eingetragen ? « » Und wie er ein halbes Jahrhundert hindurch in Freud ' und Leid uns treulich begleitet hat , « bekräftigte Ferber mit seinem ruhigen Lächeln . » Das Dokument werde ich für diesen hier , « - er legte seine Hand auf den Lockenkopf des kleinen Ernst - » unseren Stammhalter , aufheben , bis er selbst ein eigenes , reifes Urteil hat . Ich kann und darf jetzt nicht für ihn entscheiden ; aber ich werde ihn zu lenken wissen , daß er es dereinst vorzieht , seinen Weg durch eigene Kraft zu gehen , und nicht , träge auf dem Lotterbette alter Traditionen und Ungerechtigkeiten liegend , Vorrechte genießt , die allein nur das edle Streben krönen sollten ... Die Gnadewitze haben auf ihrer langen Laufbahn der Welt nichts gegeben , dafür aber um so mehr genommen ; sie mögen modern in ihrer Gruft , und ihr unverdient berühmter Name mit ihnen ! « » Sela ! « rief der Oberförster und klopfte seine Pfeife aus . Er stand auf . » Jetzt wollen wir gehen , « sagte er zu seinem Bruder , » und Rücksprache mit dem Lindhofer Pfarrer nehmen . Der Platz unter den schönen Linden auf unserem Dorfkirchhofe gefällt mir tausendmal besser , als die drei düsteren Wände da droben , zwischen denen unsere Stammmutter lange Jahre hat ruhen müssen . Und damit die schwere , kalte Erde ihren Sarg nicht berühre , wollen wir das Grab ausmauern und mit einem Steine verschließen lassen . « Er entfernte sich , von Ferber und Reinhard begleitet , und während die Mutter und Miß Mertens den Juwelenkasten in Sicherheit brachten , stieg Elisabeth die Leiter am Erker in die Höhe , schob die Bretter hinweg und schlüpfte hinab in das verborgene Gemach . Ein feiner Strahl der Abendsonne fiel schräg durch einen rubinroten Glasstreifen des Fensters und warf auf den Namen » Lila « einen blutigen Schein . Lange stand das junge Mädchen mit gesenktem Haupte und gefalteten Händen neben dem einsamen Totenschreine , in welchem jenes heiße Herz schlief seit dem Augenblicke , da sein Jammer ein Ende hatte und in Grabesstille verhallte . Jahrhunderte waren vorübergeflogen ; sie hatten all den hinreißenden Zauber jenes kurzen Daseins , die stürmischen Gefühle , durch die es seinen Untergang fand , hinweggespült , als sei all das nie gewesen , und doch wähnte das junge Herz , das bang und unruhig inmitten der stillen Totenkammer klopfte , sein inneres Stürmen könne niemals verhallen . 17 Das Ereignis auf Gnadeck war schon im Lindhofer Schlosse ruchbar geworden , noch bevor Reinhard dasselbe betrat . Die Maurer hatten auf ihrem Nachhausewege durch den Park einem Bedienten die wunderbare Geschichte erzählt , worauf diese , von Mund zu Mund laufend , mit Blitzesschnelle zu den Damen des Hauses gedrungen war und dort beinahe die Wirkung einer hereinfallenden Bombe gehabt hatte . Es war ein Lieblingsthema der Frau Baronin , die Lehre vom blauen Blute in ihrer Untrüglichkeit zu beweisen . Sie behauptete , mittels einer sehr feinen , empfindlichen Organisation das Vorhandensein dieses bevorzugten Lebensstromes zu erkennen , herauszufühlen an Personen , deren Namen sie noch nicht einmal wußte . Es war somit ganz natürlich , daß sie auch jedes versprengte edle Tröpfchen in plebejischen Adern scharfsichtig erkannte . Aus dem Grunde gab sie auch stets bereitwillig zu , daß die » kleine Ferber « etwas Distinguiertes in ihrer Erscheinung habe , als das unleugbare Erbteil ihrer adlig geborenen Mutter ... Dem Oberförster gegenüber hatte sich jedoch jene untrügliche Stimme immer so mäuschenstill verhalten , daß es ihr nicht im Traume eingefallen wäre , ihm für seinen Gruß anders zu danken , als mit einem Kopfnicken nach der Schablone für Niedrigstehende . Ja , im edeln Zorne darüber , daß dieser ungeschliffene Mensch und Gottesverächter seiner Nichte Bertha die ferneren Schloß- und Bibelstundenbesuche verboten hatte , war sie zum öfteren so weit gegangen , zu behaupten , man sähe ihm seine gemeine Abkunft auf hundert Schritt Distanz an ... Und nun sollte gerade er ihren hundertmal erprobten Spürblick für aristokratisches Blut zu schanden machen ! Er war der Abkömmling eines berühmten Geschlechts , war der Träger eines Namens , den der Nimbus feudalen Glanzes bis in die fernste Zeit zurück umschwebte ! Freilich lag eine große Beruhigung für sie in dem Gedanken , daß das edle Blut durch bürgerliche Heiraten während zweier Jahrhunderte unkenntlich geworden sei . Sie sprach dies in sehr lebhafter Weise gegen Fräulein von Walde aus , die , still auf ihrem Ruhebette liegend , mit einem feinen spöttischen Lächeln die Aufregung der Baronin beobachtete . War es nun das persönliche Interesse für die Familie Ferber , oder ein vorurteilsfreier Standpunkt der jungen Dame , von welchem aus sie ihrer Kousine die kleine Lehre gönnte , genug , sie richtete sich auf und sagte lebhaft , nicht ohne eine leichte Beimischung von Schärfe : » Verzeihe , aber das ist ein kleiner Irrtum , Amalie ... Ich weiß ganz genau , daß die Frau des Forstschreibers nicht die einzige Adlige