verstohlen gönnte sie es sich , auf den Geliebten hinzusehen . Sein Brauner tanzte leicht die Straße hinab , leicht und gewandt schwang der Graf sich aus dem Sattel . Als der Reitknecht ihm den Zügel abnahm , hob der Graf den Kopf empor zu ihrem Fenster . Ob er es ahnt , daß ich hier warte und nach ihm spähe ? fragte sie sich . Sie trug das größte Verlangen , ihm irgend ein Zeichen zu geben , daß sie wache , seiner denke ; sie hatte ihm so viel zu sagen , sie sehnte sich so sehr nach einem letzten vertrauten Worte mit ihm , aber sie konnte sich nicht entschließen , sie zögerte . Da pochte es leise und vorsichtig an ihr Zimmer . Erschreckt , erfreut , eilte sie nach der Thüre und blieb doch auf halbem Wege regungslos stehen . Es klopfte noch einmal . Seba , öffne , ich bin ' s ! flüsterte eine Stimme , die ihr das Herz bewegte . Sie faltete die Hände über ihre Brust ; sie hoffte er werde vorübergehen , und doch lauschte sie ängstlich und sehnsüchtig auf noch einen Ton , auf noch ein Wort von außen , und sie ließen nicht lange auf sich warten . Seba , bat es noch einmal , Seba , ich bin es ! Sie konnte dem Tone nicht widerstehen . Sie trat an die Thüre , öffnete , und mit dem Ausrufe : Wie habe ich Dich erwartet und ersehnt ! reichte sie ihm ihre Hände entgegen . Aber er breitete nicht wie sonst , wenn sie sich im Garten oder bei der Kriegsräthin allein gesehen hatten , die Arme aus , sie zu umfangen , und fast spöttisch sagte er : Erwartung und Sehnsucht haben Dich , wie es scheint , doch ruhig schlafen lassen . Ich bin schon lange an Deiner Thüre . Schlafen lassen ? wiederholte sie schmerzlich ; wie könnte ich schlafen in dieser Nacht ! Ich stand am Fenster und wartete auf Dich ; ich sah Dich kommen und , fügte sie leise hinzu , das Auge schüchtern senkend , ich hörte Dich gleich ! Du hörtest mich , und Du öffnetest mir nicht , da Du doch wußtest , daß wir scheiden müssen ? Seba war ihrer selbst nicht Herr . Die Kälte des Grafen und der sonderbare Ausdruck seiner Mienen verwirrten sie . Sie konnte es sich nicht deuten , weßhalb er gekommen war , wenn er ihr nicht wie sonst die zärtlichen Worte seiner Liebe aussprechen oder ihr sagen wollte , was er für sie auf dem Herzen hatte . Nur sein Blick ruhte auf ihr unverwandt , und es dünkte sie , als freue , als weide er sich an ihrer Verwirrung und an ihrer Pein . Es wurde ihr immer beklommener um das Herz ; endlich konnte sie die Stille nicht ertragen , es nicht ertragen , daß Gerhard so gebieterisch ihr gegenüber stand . Ach , rief sie , als müsse sie wider ihren Willen ihm die Wahrheit sagen , ich fürchtete mich , ich wagte es nicht ! Seba ! rief er vorwurfsvoll , als kränke ihn das Wort , während doch ein Strahl unheimlicher Freude über sein Gesicht flog , daß es ihr trotz seiner Schönheit wie verwandelt erschien . Aber er faßte sich schnell , und mit dem kühlen spöttischen Lächeln , das ihr so quälend war , fügte er hinzu : Du bist sehr vorsichtig und klug , liebe Seba , das rechte Kind Deines Volkes ! Aber Du hast Recht , und vielleicht habe grade ich Dir am meisten dafür zu danken , daß Du überlegen konntest , wo mich meine Liebe und mein Verlangen unbesonnen hinrissen ! Ich will auch gehen ! Jedes seiner Worte fiel schwer auf sie hernieder . Sie wollte sprechen , sich vertheidigen , er ließ sie nicht dazu kommen . Lebe denn wohl , sagte er , die Zeit drängt , und mögest Du bald den Mann finden , dem Du mehr vertraust als mir ! Nur von Liebe hättest Du nicht sprechen sollen , Kind , einem Manne nicht sprechen sollen , der bereit war , Dir Alles zu opfern , und dessen letztes Wort Dein Name sein wird ! Deine Kälte , Dein ruhig überlegender Verstand bringen auch mich zum Ueberlegen ! Lebe denn wohl - und laß uns scheiden ! Du hast Recht ! Er wandte sich von ihr , sie warf sich ihm zu Füßen . Nicht über diese Schwelle , rief sie , indem sie seine Hände erfaßte , nicht über diese Schwelle , ehe Du mich nicht gehört , mir nicht verziehen hast ! - Er that , als wolle er sich von ihr frei machen , sie hing sich nur fester an ihn . Nicht Dir mißtraute ich , rief sie , nicht Dir ! Sie war außer sich , sie konnte vor Weinen und vor Erregung nichts weiter sprechen . Reizender hatte er sie nie gesehen , solcher Leidenschaft hatte er das schöne junge Geschöpf nicht für fähig gehalten . Dieser Flamme , dieser hingebenden Liebe gegenüber bedurfte es seines berechneten Schürens nicht . Er schwor sich ihr zu mit den heiligsten Eiden , er war nahe daran zu glauben , was er ihr sagte und gelobte und beschwor , und der Tag mit seinem Leben war schon emporgekommen , als sie endlich schieden . Drittes Capitel Der Abmarsch der Truppen , die , erst zu einem Feldzuge gegen Rußland zusammengezogen und dann als Reserven für den Krieg in Frankreich bestimmt , den ganzen Winter und das halbe Frühjahr hindurch in der Stadt gewesen waren , verursachte an dem entscheidenden Tage viel Handel und Verkehr . Herr Flies hatte in seinem Comptoir mit Wechselgeschäften vollauf zu thun , die Mutter , welche sonst derlei Hülfe schon seit Jahren nicht mehr zu leisten brauchte , hatte heute wieder einmal den Verkauf im Laden übernehmen müssen , denn manch ein Ring