Es habe nichts zu sagen - meinte man - , es sei eine leichte Erkältung , ein unbedeutender Nervenzufall , die Sache werde bald vorübergehen . Alles , was der Leutnant Götz über seine Nichte dem Kandidaten mitgeteilt hatte , rief sich dieser ins Gedächtnis zurück ; plötzlich kam ihm der Gedanke , daß seine Tischrede über Moses Freudenstein schuld an der Krankheit des armen Kindes sein könne , und dieser Gedanke trieb ihm so sehr alles Blut gegen das Herz , daß er kaum zu atmen vermochte . Er glaubte fest , daß seine Hülf- und Ratlosigkeit , seine Unruhe und Angst ihren Höhepunkt erreicht hätten , wurde aber an demselben Morgen noch eines Bessern belehrt . Jean steckte den Kopf in sein Gemach und meldete mit Herablassung , die gnädige Frau wünsche den Herrn Hauslehrer zu sprechen und lasse ihn bitten , so schnell als möglich in ihr Zimmer herabzukommen . Nun war Hans in diesem Augenblick zu aufgeregt und sorgenvoll , um bei dieser Botschaft die gewohnte Beklemmung zu empfinden . Er vervollständigte schnell seine Toilette und stieg die Treppe hinab . Obgleich er nicht an der Tür horchte , vernahm er doch , daß die gnädige Frau nicht allein war . Man sprach drinnen sehr lebhaft . Kleophea lachte , es mußten fremde Herren zugegen sein . Hans klopfte , aber sein Klopfen wurde überhört . So wagte er es denn , einzutreten , tamquam cadaver blieb er jedoch auf der Schwelle stehen : neben der gnädigen Frau und dem Sessel Kleopheas gegenüber saß sein Freund Theophilus Stein , alias Moses Freudenstein , den kleinen Aimé auf dem Knie schaukelnd , im lebhaftesten Gespräch . Ein anderer älterer Herr im schwarzen Frack , mit langem , grauem , nach hinten gekämmtem Haar saß daneben , lächelte und liebkoste das glattrasierte , behägliche Kinn mit dem goldenen Stockknopf . Man hatte unbedingt von dem Kandidaten der Theologie Unwirrsch gesprochen ; das ging aus der Art hervor , wie man sich nach ihm umwandte und wie man ihn ansah . » Ach , da ist er ja - der Hungerpastor ! « rief der Doktor und gab somit zum erstenmal unserm Hans offiziell den Titel , welchen wir diesem Buche vorgesetzt haben . » Sehen Sie ihn an , gnädige Frau , so pflegt er immer auszusehen , wenn er vor einer Unbegreiflichkeit steht . Komm zu dir , Johannes , ich bin es in Fleisch und Blut ! « Selbst die gnädige Frau ließ sich herab , zu lächeln , ehe sie mit gerunzelter Stirn ihrem Hauslehrer winkte , die Tür nicht allzu weit über die Grenzen des Anstandes hinaus offenzuhalten . Hans trat näher und durfte sich ebenfalls setzen . Der Herr mit dem Christusscheitel , der weißen Halsbinde und dem goldenen Stockknopf wies sich als der außerordentliche Professor der Ästhetik Doktor Blüthemüller aus , und es frappierte ihn , daß der Herr Kandidat bis zu dieser Stunde noch nicht das mindeste von ihm und seiner Wirksamkeit vernommen hatte . Mit Fug und Recht nahm auch er deshalb gar keine Notiz weiter von Hansens Anwesenheit , sondern ließ sein Licht , das heißt den merkwürdigen Schein seiner Hornlaterne , auf die andern fallen . » Der Herr Doktor Stein hat uns manche Einzelheiten aus Ihrem Leben erzählt , welche uns sehr amüsiert haben , Herr Unwirrsch « , sagte die gnädige Frau . » Es war sehr unrecht von Ihnen , daß Sie uns nur die äußere Schale Ihrer früheren Existenz zeigten . « Nun hätte Hans viel auf diese Worte entgegnen können ; aber es kam ihm ein Gefühl , als würde er seiner Mutter Grab entheiligen , wenn er sich in dieser Gesellschaft über solchen Vorwurf rechtfertige . Er sagte nur kurz : » Ich danke dem Doktor Stein für alles Gute , was er von mir gesprochen hat . Es gehört viel Geist dazu , über ein Leben wie das meinige etwas Geistreiches zu sagen . « » Von einem Idyll verlangt man gerade nicht , daß es sehr geistreich sei « , erwiderte Theophile . » Und dein Leben ist ein Idyll , Johannes , und ich wiederhole , was ich schon gesagt habe : du bist einer der Glücklichsten dieser Welt . « Mit großem Unbehagen sah Johannes auf den Redner ; Kleophea zuckte die Achseln , der außerordentliche Professor der Ästhetik rückte seinen Sessel so , daß er dem Hauslehrer den Rücken zukehrte , wandte sich zu der gnädigen Frau und brachte das Gespräch vom Besonderen auf das Allgemeine . Er sprach von der Kunst , schön zu leben , und redete sehr schön darüber , aber so ganz schulmäßig , daß dem Kandidaten , welcher den Sinn dessen , was der Mann sagen wollte , erst aus der sonderbarsten Terminologie heraushülsen mußte , öfters der Verstand stillstand . Kläglich hinkte er im Verständnis der Rede nach und blieb somit vollständig auf die Rolle des Zuhörers beschränkt . Nachdem der Professor Doktor Blüthemüller seinen Sack ausgeschüttet hatte , öffnete die Dame vom Hause den ihrigen . Mit einem gewissen seufzenden Pathos entwickelte sie ihre Ansicht vom Wege zur christlich-ästhetischen Ruhe in Gott ; in dem Gott , den eine krankhafte modische Schwärmerei durch ihre romantisch buntgefärbten Kirchenfensterscheiben » erkennt « , den sie aber nicht sieht , nicht sehen will , wenn die helle , prächtige vernünftige Sonne am Himmel steht und klar , prächtig und verständig jedwedes Ding in der Welt dem Menschen in der wahren , echten , treuen Farbe und Gestalt zeigt . Die Geheime Rätin schwärmte sehr für den Weg der Heiligen Gottes und für die altitalienischen Bilder mit ihren himmelwärts blickenden Jungfrauen , Märtyrern und Donatoren . Sie schwärmte für die beseligten Künstler , welche die Bilder in Tempera und Öl gemalt hatten , und Professor Blüthemüller stimmte ihr in Ekstase bei und verriet nicht , was für gottverlassene , heillose Kanaillen und Halunken die Maler sowohl wie die Donatoren öfters waren . Er machte