der eigentliche Grund , weshalb Sie acht Tage lang nicht gekommen sind , ist , weil Sie Oswald Stein hier zu begegnen fürchteten ? Wer sagte Ihnen das ? fragte Bemperlein , erschrocken in seiner Beschäftigung inne haltend . Eine Frage ist keine Antwort , erwiderte Sophie . Nur heraus mit der Sprache , Bemperchen ! Geheimnißkrämerei ist im Verkehr mit so klugen Leuten , wie ich , ein schlecht rentirendes Geschäft . Ich weiß Alles . Was wissen Sie ? rief Bemperlein in großer Aufregung von seinem Stuhl in die Höhe fahrend . Aber , Bemperchen ! sagte Sophie , wie können Sie nur so wenig Rücksicht auf meine Nerven nehmen ! Es wird Einem ja ganz unheimlich , wenn man Sie mit dem glühenden Eisen in der Hand da stehen sieht , wie den Mann bei Shakespeare . Beruhigen Sie sich nur wieder ! Ich weiß gar nichts . Aber Sie würden mir in der That einen Gefallen thun , wenn - aber erst setzen Sie sich einmal wieder und stellen den Schürer aus der Hand ! so ! - wenn Sie mir in aller Ruhe und Freundschaft sagten , was Sie eigentlich haben , denn je länger ich Sie betrachte , desto veränderter kommen Sie mir vor . Fräulein Sophie , erwiderte Bemperchen , Sie wissen , man kann selbst gegen seine vertrautesten Freunde - und ich habe zu Niemand in der weiten Welt größeres Vertrauen , als zu Ihnen - nicht immer ganz offen sein , weil unsere Geheimnisse in vielen Fällen nicht blos unsere Geheimnisse , sondern auch die Anderer sind , und insofern von uns heilig gehalten werden müssen . Aber , Bemperchen , sagte Sophie , Sie können doch unmöglich glauben , daß ich mich in Ihre Geheimnisse stehlen will ! Ich bin weder so unbescheiden , noch so neugierig . Lassen wir die Sache ruhen und sprechen wir von was Anderm ! Nein , nein , rief Herr Bemperlein eifrig , lassen Sie uns davon sprechen ! Sie glauben nicht , wie ich mich danach gesehnt habe , mit Ihnen über - über gewisse Dinge - gewisse Personen - die - Herr Bemperlein hatte schon wieder das noch nicht erkaltete Schüreisen ergriffen und störte emsiger , als je in den glühenden Kohlen . Sophie sah diesem seltsamen Treiben kopfschüttelnd zu . Es kam ihr flüchtig der Gedanke , Bemperlein könnte sich bei seiner chemischen Analyse übermäßig angestrengt und sein Kopf in Folge dessen etwas gelitten haben . Was mein Nichtkommen betrifft , fuhr Bemperlein plötzlich fort , so haben Sie darin ganz Recht gehabt . Ich bin weggeblieben , weil ich mit Oswald Stein nicht wieder zusammentreffen wollte . Aber , sagte Sophie , Franz hat mir doch gesagt , daß Sie und Stein sehr gute Freunde gewesen wären . Wodurch seid Ihr denn auseinandergekommen ? Wodurch ? antwortete Bemperlein . Ja , Fräulein Sophie , das ist es ja eben , was ich Ihnen so gern sagen möchte und doch nicht sagen darf . Würden Sie mit Jemand umgehen , oder vielmehr , würden Sie nicht Jemand auf alle Weise auszuweichen suchen , der einen Dritten , den Sie eben so sehr lieben wie verehren , tödtlich beleidigt hat ? Gewiß , sagte Sophie , denn dann hätte er ja mich selbst beleidigt . Aber sind Sie auch gewiß , daß die Sache sich wirklich so verhält ? Haben Sie auch beide Theile gehört ? Was mich betrifft , so bin ich eben nicht sehr entzückt von Herrn Stein , oder offen gesagt , er mißfällt mir desto mehr , je öfter ich ihn sehe ; aber Franz , der sonst so klug ist und die Menschen so durchschaut , schwärmt doch förmlich für ihn . Wie wäre das möglich , wenn Stein ein schlechter Mensch wäre ? Ich habe nicht gesagt , daß er schlecht ist , erwiderte Bemperlein , eine große Kohle bearbeitend ; schlecht ist überhaupt ein relativer Begriff ; und was ich schlecht gehandelt nenne , nennt Herr Stein vielleicht nur leichtsinnig , oder cavalièrement gehandelt oder dergleichen . Ich nenne aber schlecht gehandelt , wenn Einer - Hier unterbrach sich Bemperlein und hieb wiederum auf die große Kohle los . Wie würden Sie es zum Beispiel nennen - ich spreche hier nicht von Herrn Stein - wenn Einer einem armen abhängigen verwaisten , hülflosen Mädchen , das Niemand , Niemand auf der weiten Welt hat , der es schützen könnte und würde , so lange von Liebe vorschwatzt , bis das Mädchen an diese Liebe glaubt , sie zu heirathen verspricht mit allen heiligen Eiden ; und sie dann hernach an einen Wüstling verkauft und verräth , verkaufen , verrathen will - o , es ist schändlich , schändlich ! Aber , um Gotteswillen , Bemperchen ! hat Oswald so etwas gethan ! Ich sagte Ihnen schon , ich spreche nicht von Herrn Stein . Es giebt mehr Cavaliere auf der Welt , von denen Einer dem Andern so ähnlich sieht , wie eine Natter der andern Natter . Liebes Bemperchen , bitte , bitte , stellen Sie den Schürer hin - ich kann es wahrhaftig nicht mehr aushalten . Nehmen Sie diese Schlummerwalze , wenn Sie durchaus etwas in den Händen haben müssen . Danke ! sagte Bemperlein , den Schürer fortstellend und die Walze nehmend , und darauf , die Walze wie ein Kind im Arm haltend , in Schweigen versinkend . Sophie fing jetzt alles Ernstes an , sich über Bemperleins aufgeregten Zustand zu beunruhigen . Wie erschrocken war sie aber , als Bemperlein alsbald wieder aufsprang , das Kissen aus dem Arm auf die Erde fallen ließ , mit beiden Knieen auf dasselbe hinkniete , eine ihrer Hände mit seinen beiden Händen ergriff und das Gesicht tief herabbeugend , in jämmerlichsten Tönen stöhnte : O , Fräulein Sophie ! Fräulein Sophie ! Um Himmelswillen , Bemperchen , rief die junge Dame , stehen Sie auf ! Wenn Jemand Sie so sähe -