ihr inneres Auge den Erlebnissen der letzten Stunden zu . Alfred ' s unverhoffte Ankunft , Julian ' s Erkranken , der eben noch in Fülle der Gesundheit dagestanden , das Alles war so plötzlich und gewaltsam gewesen , daß es sie fast unmöglich dünkte . Sie kannte Alfred zu genau , um nicht zu wissen , daß er einen langen Kampf gekämpft hatte , ehe er gekommen war ; sie konnte an der Sehnsucht , die sie den ganzen Abend gehegt , ihn nur einen Augenblick zu sehen , das Verlangen ermessen , das ihn zu ihr geführt hatte . Wie mußte er gelitten haben , um so erschöpft zu werden , als sie ihn gesehen ? Und wenn auch er erkrankte ? Wenn das qualvolle Leben , das er an der Seite seiner Frau führte , ihn aufreiben sollte ? Wenn Alfred stürbe ? - Sie ertrug den Gedanken nicht , weil eine innere Stimme ihr zurief : Du bist es , die ihn in den Tod schickt - und sie sah ihn sterben . Schaudernd bebte sie zusammen und blickte in dem dunkeln Zimmer umher , sich zu überzeugen , daß nur ihre Phantasie ihr die entsetzlichen Bilder vorspiegele . Dabei fiel ihr Blick auf ein Päckchen , das sie vorher nicht bemerkt hatte . Sie glaubte , es könne irgend ein Medikament darin enthalten sein , das man aus Vorsorge hingelegt , und trat leise an den Tisch , es zu untersuchen . Es war an sie adressirt . Beim Oeffnen fielen ihr lose , beschriebene Blätter entgegen , Gedichte und Aufsätze von Alfred ' s Hand . Dabei lag ein Brief , dessen flüchtige , unregelmäßige Schriftzüge , abweichend von der schönen Regelmäßigkeit seiner Schrift , deutlich das Gepräge der Aufregung trugen , mit der sie auf das Papier geworfen waren . Das Schreiben lautete : » Mein Felix ist zur Ruhe gegangen , ich bin allein in meinem Zimmer . Was sage ich ! allein ? - Steht nicht Dein geliebtes Bild mit dem Zauber seiner stillen Weiblichkeit vor mir ? Ich breite meine Arme verlangend nach Dir aus , die Sehnsucht der letzten qualvollen Zeit , den Schmerz des heutigen Abends aufzulösen in dem einzigen Gedanken : Ich liebe Dich . Eine neue Offenbarung ward , nach dem lieblichen Glauben des Christenthums , leuchtend geboren in dieser Nacht . Ein Stern ging auf an dem dunkeln Himmel . Du bist der Stern , der in mein Leben geleuchtet , von Dir wende ich mein Auge nicht ab , Dir muß ich gläubig folgen , wie die Könige aus dem Morgenlande dem Stern im Osten . Ich habe gethan , was Du verlangst . Ich leide in Ketten , die mich erdrücken - bist Du frei , bist Du glücklich dadurch geworden ? Mitten aus der kalten Eisregion , in der ich lebe und in der mein Herzblut stockt , ließ das Andenken an Dich diese Blüthen entstehen , glühend , wie die heißen Tropfen , die der Schmerz aus meinem Herzen hervorpreßt . Du hast sie geschaffen , Du allein sollst sie sehen . Nimm sie hin ! « In tiefer Erregung kehrte sie an das Krankenbett zurück . Gewiß hatte Alfred ihr diese Blätter senden wollen , dann aber mußte der Wunsch , sie zu sehen , übermächtig geworden sein und er hatte sie ihr gebracht , er war selbst gekommen . Was sollte sie beginnen ? Alfred von den Pflichten abwendig machen , die er und Julian für bindend erklärt , das konnte und durfte sie nicht . Sie sah , daß er die Ruhe nicht gefunden hatte , die sie für ihn erhofft , sie ward auch ihr nicht zu Theil , so sehr sie danach strebte . Was erwartete Alfred ? Was konnte er begehren , da sie ihm jede Hoffnung genommen hatte , die Seine zu werden ? Aber scheidet das arme Menschenherz denn von seinen Wünschen , so lange ihm noch der Schatten einer Möglichkeit bleibt , sie zu erreichen ? Mit einemmale tauchte in diesem Augenblicke der Gedanke in ihr empor : Wie ! wenn ich eine unumstößliche Scheidewand zwischen uns stellte ? Theophil ' s großmüthige Bewerbung fiel ihr ein . Er kannte ihre Liebe für Alfred seit langer Zeit , er bot ihr dennoch seine Hand . Wenn sie sie annähme , wenn sie Theophil ' s Frau würde ? Wie dankbar wollte sie einem Manne sein , der sie und mit ihr Alfred von den Leiden erlösete , aus denen sie keinen andern Ausweg sah . Alfred mußte sich dann beruhigen , er mußte sie zu vergessen suchen , er konnte die Frau eines Andern nicht begehren , sagte sie sich . Aber liebte sie selbst nicht Carolinen ' s Gemahl , und hatte sie trotz aller Kämpfe aufgehört , ihn zu lieben ? - Hier von dem Krankenlager des einzigen Bruders , das sein Todtenbett werden konnte , schweifte ihre Seele noch zu Alfred hinüber . Sie konnte des Bruders Leiden für Augenblicke vergessen , sie wollte Theophil ' s Gattin werden und trug das Bild eines Andern unauslöschlich im Herzen . Theophil , den hingebenden , vertrauenden Freund wollte sie für Alfred opfern , sich selbst zu einer Ehe erniedrigen , die den Keim des Unglücks in sich schloß , weil sie auf Unwahrheit gegründet war . So weit hatte sie sich schon von der schlichten Pflichterfüllung entfernt , die ihr Ziel gewesen war seit frühester Jugend , und wo war das Ende dieser Leiden ? - Angstvoll prüfte sie ihre Handlungen , blickte in die verborgensten Falten ihrer Seele und der Gedanke , sie könne in redlichster Absicht falsche Wege gewandelt sein , fing an sie zu martern , als Julian sich unruhig umherwarf und eine Hilfsleistung von ihr verlangte . Der lethargische Schlummer , der ihn bis dahin gefesselt , machte einem heftigen Fieber Platz . In beängstigenden Phantasien ergriff er die Hände der Schwester , und regungslos ,