Tempel der Heiligung sich zum Himmel erhob , warum sollten sich nicht eben so gut Juden finden dürfen , die im Herzen ledig und baar ihres Mosaismus , blos durch die Schmach der Gegenwart noch zu erheucheltem Festhalten an das Gesetz gezwungen werden ? Starre Juden sind schon fertige christliche Proselyten . Wollten wir nur das unglückliche Volk emancipiren , so pfropften wir frische Reiser auf den welkenden Baum der Religiosität , und ein neuer , reinheiliger Geist würde die absterbende Masse wieder beseelen . Aber die solide Bequemlichkeit der Privilegirten mag nichts davon wissen . Und hätte Pilatus hundert Leben , und könnte mit tausend Stimmen fragen , er würde laufen müssen durch die ganze Welt bis zum jüngsten Tage ohne Antwort zu erhalten auf seine Frage : » Was ist Wahrheit ? « Es ergeht mir , wie Jedem mit diesem Juden . Ich hasse ihn grimmig und liebe ihn doch mit erschütternder Wehmuth . Ein Mensch wie Mardochai kann nicht Jude sein und darf nicht Christ werden . Er hat zu viel Göttliches neben dem Dämonischen in sich . Das bloße Menschenthum aber kann nicht genügen , weil es den heiligen Glanz verloren hat im Umhertoben der Geschichte . Es trägt nur noch den Kampfrock , bespritzt mit Blut und Staub , zerfetzt vom Getümmel der Schlacht . Das Menschenthum wird erst dann an die Stelle des Christenthums treten dürfen , wenn dieses zurückgekehrt ist zu seiner ursprünglichen Reinheit und in seine Lehren die Sätze aufgenommen hat , die ein zweitausendjähriger Fortschritt der Geschichte unbeachtet in das Gedenkbuch des Himmels eintrug . - Ob dies möglich ist auf europäischem Boden wie er jetzt sich gestaltet hat ? - Nein , Ferdinand ! Glaube an Gott , an Christum , Glaube an die Allmacht der Liebe und Erlösung , an diesen Wahn aber glaube nicht ! Europa wird durch den Schmerz , den es fühlt über seine verlorene Ewigkeit und Freiheit , beitragen zur Schöpfung einer neuen , aber nur der Schleppenträger dieser Freiheit und Religion wird es sein , nicht ihr eigenster Besitzer . Und diese Freiheit ist die Freiheit von Leben und Gedanken , und diese Religion nennt sich die Religion der Humanität ! Sie beide aber bringt nicht die Morgenröthe , sondern nur der duftige , warme Glanz des Westens , der die Lippe der Atlantis bewegt und tönen macht das noch ungeahnte Lied einer freien Religion und einer religiösen Freiheit - vielleicht aber auch ein neuer Stern , der mit hellem Licht bestrahlt die Trümmer der alten Burg Zion im Lande Palästina ! - 12. An Ferdinand . Köln , Ende October . Ungeachtet Deiner Verstimmung fahre ich doch von Zeit zu Zeit fort in meinen Berichten . Du hältst noch zu sehr an dem Herkömmlichen und bist furchtsam , wo Du muthig sein solltest . Grade wie es jetzt hergeht in der Welt , hat ein recht frischer Muth nichts zu fürchten . Die Hoffnung auf das Gelingen hält das zagende Herz immer aufrecht und läßt es die schweren Stunden des Kampfes vergessen . So wenigstens fühle ich , seit der Wille der Vorsehung mich in diese Wirren gestellt hat . Ich finde , daß am Ende kein Zustand völlig unerträglich werden kann , mag man sich nur im Geiste eine Aussicht in die Zukunft frei erhalten . Das ist freilich unklug gesprochen , aber die unbewußte Politik des Menschenherzens drängt früher oder später jeden Einzelnen dazu hin . Ich gehöre gewiß nicht unter die Mattherzigen , aber das immerwährende Hereinbrechen zerstörender Lebensstürme hat mich abgehärtet und seit einiger Zeit mit größerer Besonnenheit dem Ziele entgegenstreben lassen . Was ich will , ist mir klar , das Wie ? kann allein von den Verhältnissen bestimmt werden . Seit meinem näheren Zusammentreffen mit Mardochai haben sich die Dinge hier fortgeschoben in dem breiten Gleis der Gewöhnlichkeit . Ein unaufmerksamer Beobachter würde nichts Auffallendes entdecken , mein Auge ist jedoch für die geheimen Lebensregungen geschärft worden , und so kann ich aus dem stillen Fortschieben der Tage eine nahende Krisis herauslesen . Bardeloh kommt wenig aus . Er arbeitet viel , wie er mir sagt , an seinem Testamente . Dieser Ausdruck möchte wol schwerlich in dem gewöhnlichen Sinne zu verstehen sein ; er schreibt an der Gestaltung der Welt , wie sein ungestümer Geist diese sich in der Zukunft denkt . Niemand darf ihn stören , selbst seine Gattin nicht , die ein wahrhaft kummervolles Leben führt . Felix nur hält das beklagenswerthe Weib aufrecht und beglückt es auf Augenblicke . Warum mußte doch grade Rosalie die Frau dieses Mannes werden ! Sie wär glücklich gewesen außer der Ehe . Eduard oder Bonifacius hat dann und wann eine Art lichter Augenblicke . Ich besuche ihn öfters und weiß man ihn zu behandeln , so ist es nicht eben schwer mit ihm zu verkehren . Nur einzelner Worte darf man sich nicht bedienen , sonst kommt der Geist des Irrsinns mit Furienwuth über ihn und das Leben eines Jeden ist dann gefährdet . Diese Worte sind » Kloster , « » Liebe , « » Gelöbniß , « » Priestereid , « » Mönch « und der Name » Gleichmuth . « - Eine Zeit lang machte mich dieser Abscheu gegen den nicht minder unglücklichen Pastor unmuthig , da ich von ganzem Herzen eine Confrontation dieser beiden Menschen zu bewerkstelligen wünschte . Mich trieb nicht Neugier dazu , sondern eine Art Instinct , der mich erwarten ließ , ein plötzliches Sehen derjenigen Person , die den Armen vermocht hatte , das unselige Gelübde zu thun , werde wie eine heilsame Medicin auf den Irren wirken . Ein unerwarteter Schreck kann bei Geisteskranken Wunder thun , und grade Bonifacius schien mir seiner ganzen Natur nach geeignet , durch ein solches Mittel allein den Gebrauch seines Verstandes wieder zu erlangen . Die Gelegenheit blieb lange ungünstig , Gleichmuth begierig auf die Lösung meines gegebenen Wortes , bestürmte mich jedoch täglich , ihn der Ungewißheit zu entreissen und