sagte dann mit matter , aber entschlossener Stimme : Sobald der Graf aufgestanden ist , begib Dich zu ihm und übergib ihm diese Papiere ; bitte ihn , sie alsbald zu lesen und , wenn er sie gelesen hat , zu mir zu kommen , um mich sogleich den Eindruck kennen zu lehren , den sie auf sein Gemüth gemacht haben . Bitte ihn um die Menschlichkeit , mich nicht länger , als es nöthig ist , in der fürchterlichen Qual dieser Ungewißheit zu lassen ; sage ihm , es sei mein Vorsatz gewesen , daß er den Inhalt erst nach meinem Tode erfahren sollte , aber die Ereignisse des gestrigen Tages hätten mir die Nothwendigkeit gezeigt , ihn schon jetzt damit bekannt zu machen . Gehe nun und richte dieß sogleich aus , damit nicht die elende Feigheit der menschlichen Natur mich bestimme , meinen Vorsatz wieder zu ändern . Der Graf hatte sein Lager nach wenigen Stunden , in denen er die Ruhe vergeblich suchte , wieder verlassen ; es kämpften mancherlei Gefühle in seiner Seele ; er fühlte sich seiner Gemahlin so innig verbunden , er achtete ihren Geist , er ehrte ihren Charakter ; es war die einzige Frau , die ihm jemals eine heftige Leidenschaft eingeflöst hatte ; diese hatte sie nach kurzem Widerstande durch die Verbindung mit ihm , wie er damals meinte , auf ' s Schönste befriedigt . Sie hatte ihm nicht die gleiche Leidenschaft geheuchelt , aber ihm ihre innige , zärtliche Freundschaft versichert . Er durfte damals hoffen , in der Verbindung mit ihr ihr Herz lebhafter zu rühren ; er ahnete das Glück , eine blühende Nachkommenschaft um sich zu sehen , und hoffte , die Mutter seiner Kinder würde dann ihre scheue Zurückhaltung aufgeben , und die gemeinsame Zärtlichkeit und Sorge würde sie mit ihm in inniger und herzlicher Liebe vereinigen . Wie ganz anders hatte sich Alles gestaltet . Ein heimlicher Gram nagte an dem Leben seiner Gemahlin und hatte sie verhindert , die Jahre der Jugend heiter zu genießen , und nicht einmal das hatte seine ausdauernde Liebe errungen , daß sie ihm ein Vertrauen geschenkt hätte , welches der alte sie begleitende Diener besaß ; er überraschte sie oft in Thränen , wenn er ihr Freude hatte bereiten wollen , und nichts hatte sie vermocht , ihm den Quell der Thränen zu zeigen , den jener alte Diener kannte . In diesem innerlich nagenden Schmerze war sie früh verblüht , und auch die Hoffnung , einen Sohn als Stütze und Trost seines Alters heranwachsen zu sehen , war getäuscht worden , und er mußte sich gestehen , daß er sein ganzes Leben in trauriger Einsamkeit des Herzens hingebracht hatte . Er fühlte mit lebhaftem Schmerz , daß etwas Fremdes , Scheidendes zwischen ihm und seiner Gemahlin stehe , er mußte es sich sagen , daß , wie einig sie in allen edeln Empfindungen auch wären , wie sehr sie sich gegenseitig schätzten und ehrten , doch die wahre innige Vereinigung fehle , die allein das Leben beglückt . Es hatte ihn immer befremdet , daß die Gräfin jede Annäherung an ihren Bruder mit Widerwillen zurückgewiesen hatte , und tief im Herzen verletzte ihn jetzt der Abscheu , den sie öffentlich gegen diesen gezeigt hatte ; auch erfüllte es ihn mit Unmuth , wenn er daran dachte , welche Gespräche nach diesem unangenehmen Auftritte in der Nachbarschaft entstehen würden ; er zürnte über den Baron , der alles Dieß durch seine kindische Thorheit veranlaßt hatte , und grollte doch auch mit der Gräfin , die eine so unnatürliche Abneigung gegen ihren einzigen Bruder öffentlich gezeigt hatte . In diesen verschiedenen Empfindungen , die in seinem Busen sich nicht ausgleichen und ordnen wollten , wurde er von seinem jungen Vetter überrascht , der , wie es verabredet war , reisen wollte , aber vorher noch über das Befinden seiner Tante Erkundigungen einzuziehen wünschte . Der Graf empfing ihn liebreicher als je , er fühlte inniger als sonst das Bedürfniß , Jemanden zu haben , der ihm angehörte , und er drang lebhaft in seinen jungen Verwandten , sobald als möglich zu ihm zurück zu kehren . Der junge Graf , obwohl er mit Dankbarkeit die Zuneigung erwiederte , die ihm so unverholen entgegen kam , wurde bestürzt über die Weichheit , die sein Oheim nicht beherrschen konnte ; er fürchtete , um die Gesundheit der Gräfin stehe es schlimmer , als man ihm sagte , und er nahm sich vor , sie wo möglich vor seiner Abreise noch zu sehen . Er verließ den Grafen , als Emilie eintrat , blieb aber im Vorzimmer , um durch diese die Erlaubniß zu erbitten , von seiner Tante Abschied zu nehmen . Emilie richtete den Auftrag der Gräfin weinend aus . Es war ihr , als ob sie den Willen einer Sterbenden berichtete . Der Graf empfing das Paket mit bewegtem Gemüthe und erwiederte mit unbeherrschter Rührung , daß er dem Verlangen der Gräfin genau nachkommen werde . Er verschloß sich in sein Kabinet , sobald er allein war , um sein Wort zu erfüllen . Als Emilie zur Gräfin zurückkehren wollte , traf sie auf den jungen Grafen , der ihr sein Anliegen vortrug ; sie versprach ihm , seinen Wunsch der Gräfin mitzutheilen , machte ihm aber wenig Hoffnung zu dessen Erfüllung , weil die Kranke erklärt habe , daß sie zu schwach sei , selbst den Arzt zu sprechen , und vor allen Dingen Ruhe bedürfe . Es war also Emilien selbst überraschend , als die Gräfin nach kurzem Besinnen erklärte , daß sie den jungen Grafen sehen wollte , und Emilien bat , ihn sogleich herein zu führen . Dieser erschrak sichtlich , als er sich dem Lager der Kranken näherte und bemerkte , welche Verwüstung eine Nacht des Leidens hervorbringen kann . Die Gräfin bat ihn , sich neben ihr Bett zu setzen , und sagte , indem sie ihm die Hand reichte :