, dann wie aus der Ferne melodisch schallend , das Haus mit wunderschönen Weisen erfüllend , dann wieder weiter verhallend . Friedrich wagte kaum zu atmen , um die Zauberei nicht zu stören . Doch , je länger er den leise verschwindenden Tönen lauschte , je unruhiger wurde er nach und nach ; denn es war wieder jenes alte Lied aus seiner Kindheit , das er einmal in der Nacht auf Leontins Schlosse von Erwin auf der Mauer singen gehört ; auch schien es dieselbe Stimme . Er raffte sich endlich auf und trat leise vor die Tür hinaus . Da lag und schlief der Bediente quer über der Schwelle , wie ein Toter . Draußen sah er den Sänger im hellen Mondenscheine unter den hohen Eichen wandeln . Er lief freudig auf ihn zu - es war Erwin ! - Der Knabe wandte sich schnell , und als er Friedrich erblickte , stürzte er mit einem durchdringenden Schrei zu Boden , unter ihm lag seine Zither zerbrochen . Der Bediente auf der Schwelle fuhr über dem Schrei taumelnd auf . » Verrückt ! verrückt ! « rief er , sich aufmunternd Friedrich zu , und eilte sehr ängstlich in das Haus hinein , um seine Herrschaft zu wecken . Friedrich schnitt dieser Ausruf wie Schwerter durchs Herz , denn er hatte es aus des Knaben unbegreiflicher Flucht längst gefürchtet . Erwin sah indes wie aus einem langen Traume mit ungewiß schweifenden Blicken rings um sich her und dann Friedrich an , während sehr heftige innerliche Zuckungen , die sich immer mehr dem Herzen zu nähern schienen , durch seinen Körper fuhren . Abgebrochen durch den Schmerz , aber ohne sein schönes Gesicht zu verziehen , sagte er zu Friedrich : » Es war ein tiefes , weites , rosenrotes Meer , dich sah ich darin auf dem Grunde immerfort über hohe Gebirge gehen , ich sang die besten alten Lieder , die ich wußte , aber du erinnertest dich nicht mehr daran , ich konnte dich niemals erjagen , und unten stand der Alte tief im Meere , ich fürchtete mich vor seinen Augen . Manchmal ruhtest du , auf mich zugewendet , aus , da saß ich still dir gegenüber und sah dich vielhundert Jahre an - ach , ich war dir so gut , so gut ! - Die Leute sagten , ich sei verrückt , ich hörte es wohl und hörte auch draußen die Uhren schlagen und die Welt ordentlich gehn und schallen wie durch Glas , aber ich konnte nicht mit hinein . Damals war mir wohl , jetzt bin ich wieder krank . - Glaube nur nicht , daß ich jetzt irre spreche , jetzt weiß ich wohl recht gut , was ich rede und wo ich bin - das ist ja der Eichgrund , das ist die alte Mühle - « bei diesen Worten versank er in ein starres Nachsinnen . Dann fuhr er unter immerwährenden Krämpfen wieder fort : » Dort , wo die Sonne aufgehn wird , ist ein großer Wald , in dem Walde wohnt ein Mann mit dunklen Augen und einer langen Schramme über dem rechten Auge , der kennt mich und euch alle , er - « hier nahmen die Zuckungen in immer engern Kreisen auf einmal sehr heftig zu . Der Knabe nahm Friedrichs Hand , drückte sie fest an seine Lippen und sagte : » Mein lieber Herr ! « Ein plötzlicher Krampf streckte noch einmal seinen ganzen Leib , und er hörte auf zu atmen . Friedrich , außer sich , stürzte über ihn her und öffnete oben schnell sein Wams , denn es war dieselbe phantastische Kleidung , die der Knabe sonst auf dem Schlosse des Herrn v. A. getragen hatte . Wie sehr erschrak und erstaunte er , als ihm da der schönste Mädchenbusen entgegenschwoll , noch warm , aber nicht mehr schlagend . - Er blieb wie eingewurzelt auf seinen Knien und starrte dem Mädchen in das stille Gesicht , als hätte er es noch nie vorher gesehn . Leontin und Julie waren unterdes auch aus der Mühle herbeigeeilt . Sie schienen gar nicht erstaunt , Erwin hier zu sehen , noch weniger über die Entdeckung seines Geschlechts , sondern nur bestürzt über seinen jetzigen , unerwarteten Zustand . In stummer Geschäftigkeit , ohne sich wechselseitig zu erklären , waren alle nur bemüht , ihn ins Leben zurückzurufen - aber alles blieb vergebens , das schöne , seltsame Mädchen war tot . Julie hatte sie trostlos vor sich auf dem Schoße liegen . Sie ruhte wie ein Engel still und schön . Kein Atem wehte mehr säuselnd durch die zarten , roten Lippen , die sonst zu so wunderschönen Tönen sich auftaten , ihre großen Augen , so lieblich wild , waren auf ewig verschlossen , nur eine einsame Nachtluft bewegte noch ihre Locken hin und her . Leontin und Friedrich saßen stillschweigend gegenüber . Friedrich , dem jetzt auf einmal viele Sonderbarkeiten des Mädchens nur zu klar wurden , klagte sich in tiefem , stummem Schmerze bei sich selber an , daß er ihre zerstörende , verhaltene Liebe zu ihm so schlecht belohnt , daß er sie bei größerer Achtsamkeit hätte schonen und retten können . Währenddes fing jenseits über dem Walde der Morgen an zu dämmern und beleuchtete die seltsame Gruppe . Da kam plötzlich ein Bedienter von dem Schlosse des Herrn v. A. angesprengt und brachte atemlos die Nachricht , daß ein feindlicher Offizier mit seinem Trupp in der Nähe herumstreife und ihnen , wie er eben von Bauern erfahren , auf der Spur sei . Die Bestürzung aller über diese unerwartete Begebenheit war nicht gering . Leontin und Friedrich , die ein Schicksal verfolgte , waren in diesem Augenblick noch ohne weitern Plan ; soviel war gewiß , daß Julie zum Vater zurückkehren und das tote Mädchen mitnehmen mußte . Die Leiche wurde daher eiligst auf ein lediges Handpferd gehoben . Dabei entdeckte Julie ein reichgefaßtes Medaillon ,