Ueberzeugung führen , so , daß dem Einen zuletzt nichts übrig bleibt , als dem süßen Trost zu entsagen , mit dem geliebten Freunde über den wichtigsten Punkt der Erkenntniß gleichstimmig zu denken . Dann zögert der Mund , das auszusprechen , was schon längst in Beider Herzen bereit lag , und die Hand weigert sich , der Tafel die inhaltschweren Worte einzugraben . Doch muß es geschehen . Höre denn , mein Freund mein Geständniß , und laß mich hoffen , daß der Zwiespalt in unsrer Erkenntniß keinen Zwiespalt in unsern Empfindungen hervorbringen werde . Ich bin ein Christ . Vor vier Wochen habe ich vor einer kleinen Anzahl meiner Glaubensgenossen feierlich das Bekenntniß jener Wahrheiten und Lehren abgelegt , die längst schon mein ganzes Wesen mit inniger Ueberzeugung ergriffen hatten . Daß es so kommen würde , war mir langst gewiß , und auch dir wird diese Nachricht nicht unerwartet seyn ; aber meines Vaters wegen bleibe dieser Schritt noch so lange verborgen , bis nicht dringende Umstände mein öffentliches Bekenntniß fordern . Das bin ich ihm schuldig . Nun habe ich errreicht , was ich so lange als das Ziel dunkler heftiger Wünsche suchte , das Höchste , Beste , was der Mensch erreichen kann . Ich bin einig mit mir selbst , gewiß über meine Bestimmung in diesem , mein Loos im andern Leben ; jeder Zweifel ist gelöset , und jede Pflicht liegt klar und deutlich vor mir . Um meine Ueberzeugung so viel als möglich in deinen Augen zu rechtfertigen , wende ich mich zur Beantwortung der neuen Anklagen und Vorwürfe , die deine letzten Briefe , welche ich in Nisibis empfing , gegen meinen Glauben enthalten . Du schilderst mir in dem ersten derselben mit wahrhaft dichterischem Feuer die Lieblichkeit der griechischen Mythologie , und die schönen Bilder , die sie den Sinnen in jeder Art der Wahrnehmung darbietet . Nicht fähig , ihren Werth für die Ueberzeugung und Moralität der Menschen auf der jetzigen Stufe ihrer Bildung zu beweisen , bemühst du dich , ihnen einen höhern , bessern Sinn unterzulegen und deutest in diesen Fabeln , was nie darin lag , und was nur Geister , wie der deinige , die denn ohnedies dieses Behelfes nicht bedürfen , hineinlegen können . Warum das , mein Freund ? Die Mythen unserer Voreltern waren in ihrem Ursprung ganz löbliche und nützliche Erfindungen für die Menschheit in ihrer damaligen Lage . Sie enthielten naturgeschichtliche Wahrheiten , in liebliche Bilder verhüllt , die Geschichte der Erde , ihre Revolutionen , den Einfluß der Gestirne , der Jahreszeiten auf ihre Bewohner . So waren sie dem eingeweiheten Priester ehrwürdige Symbole der Alles erzeugenden Natur , dem Laien aber bald nichts anders , als widersinnige Repräsentanten eben so vieler über- oder untergeordneter Gottheiten , die bald einig , bald kämpfend , sich in die Herrschaft der Welt theilten , und so den erhabnen Begriff eines einzigen Schöpfers verdrängten . Das heranreifende Menschengeschlecht entwuchs diesen kindischen Begriffen . Der Weise fing an zu grübeln , die Menge zu spotten ; und nun sind wir dahin gekommen , daß kein verständiger Mensch einen erhebenden Sinn mit diesen Mährchen verbinden , kein Herz durch ihren Anblick zu höherm Schwunge geweckt werden könnte , wenn auch alle schönen Künste sich um die Wette beeiferten , Götterbilder und Tempel mit Allem auszustatten , was die Sinne reizen , die Einbildungskraft vergnügen kann . In wessen Herz strömt jetzt noch ein Tempel , wo die verspottete Gottheit wohnt , heilige Schauer ? Wer fühlt noch etwas Anderes bei dem Anblick eines schönen Götterbildes , als daß es ein treffliches Werk der Kunst sey ? Und selbst diese Künste ! Die Zeiten des Perikles sind dahin , die Jugendblüthe der Menschheit ist vorüber , und mit ihr die Blüthe der Kunst . Kein frisches lebendiges Geschlecht trägt Göttergestalten in seiner Brust , und stellt in Marmor oder Erz dar , was seine Seele begeisternd erfüllt . An den zügellosen Hofhaltungen verächtlicher Wollüstlinge oder blutdürstiger Tyrannen verstummen die Gesänge der heiligen Dichter ; und wie könnte ein Imperator , der im wilden Lager ausgearteter Legionen erzogen wurde , mit Lust und Geschmack den Liedern horchen , die einst einen August entzückten ? Jene Zeiten sind vorbei , und mit ihnen die Fähigkeit , jene Fabeln und Bilder für etwas zu halten , und sie zu verehren . Würdest du wohl die Leidenschaft des erwachsenen Jünglings durch den Aesop oder Phädrus zu zähmen wähnen ? Oder könntest du dich mit der Hoffnung täuschen , die Wuth der empörten Prätorianer mit einer Fabel zu beschwören , wie Minenius Agrippa ? 1 Andere Zeiten erzeugen andere Sitten , andere Menschen , und diese haben andere Bedürfnisse . Eins der ersten des aus Geist und Körper zusammengesetzten Geschöpfes ist Religion . Der Hang dazu liegt in ihm , und äußert sich bei den rohesten Völkern im kindischesten Weltalter . Ihnen genügt die todte Natur nicht , sie beseelen sie , und beten den Geist an , den sie ahnend entdecken . Tiefer als mancher Philosoph , mancher herzlose Spötter wähnt , liegen diese Gefühle in unsrer Brust , und verkünden sich bald als erhabene Gottesfurcht , bald als Neigung zum Wunderbaren , Gespensterfurcht , Glauben und Ahnungen , Träume u.s.w. Der Mensch , seines unsterblichen Gefährtens sich bewußt , sucht diese wunderbare Vereinigung von Geist und Materie überall , ahnet in jeder außerordentlichen Begebenheit viel lieber die Einwirkung eines höhern Wesens , als die Folge todter kalter Gesetze , und fühlt sich nirgends allein , wenn Alles um ihn her von einer unsichtbaren denkenden Kraft geleitet wird . Aber die Dryaden und Hamadryaden , die Nymphen der Quellen , die Satyren und Faunen sind aus den Wäldern entflohen , zum Theil vor der Stimme der Vernunft , zum Theil vor dem Hohngelächter , womit der unüberlegte Spott die fromme Einfalt schreckt . Statt ihnen wohnt in dem einsamen Dunkel der Wälder und in der erhabnen Stille der Natur das