unbestimmte Sehnsucht in die große Angst . Vielleicht dachte ihre Mutter , sie hätte bei Wutrows gespielt , und alles war gut . Als sie zaghaft und ganz leise klingelte , riß Walter die Thür auf , lachte laut und rief : “ Da ist sie ja , die Range ! ” Ihre Mutter nahm sie bei der Hand und führte sie in die Logierstube . Dort ließ sie sie im Dunkeln stehen . Mama würde doch nicht ? Nein — sie war ja schon ein großes Mädchen , dachte Agathe und fror vor Angst — nein , das konnte Mama doch nicht . . . Sie ging doch schon in die Schule . . . Frau Heidling kam mit einem Licht und mit der Rute wieder . “ Nein ! Nein ! Ach bitte , bitte nicht ! ” schrie Agathe und schlug wie rasend um sich . Es war ein wilder Kampf zwischen Mutter und Tochter , Agathe riß Mama die Spitzen vom Kleide und trat nach ihr . Aber sie bekam doch ihre Schläge — wie ein ganz kleines Kind . Als die schauerliche Strafe zu Ende war , wankte Frau Heidling erschöpft in ihr Schlafzimmer und sank keuchend und weinend auf ihr Bett nieder . Sie wußte , daß sie sich nicht aufregen sollte , und daß sie furchtbare Nervenschmerzen auszustehen haben würde . Bis zuletzt , während der Sorge und Angst um Agathe hatte sie gekämpft , ob sie es thun müsse . Ja , es war ihre Pflicht . Das Kind durfte sich nicht so über alle Autorität hinwegsetzen . Als sie Agathe sah , hatte auch der Zorn sie übermannt . Das Mädchen lag in der Logierstube auf den Dielen und schrie noch immer , schluckend und schluchzend , sie konnte die Töne nur noch heiser hervorstoßen , und ihr ganzer kleiner Leib zuckte krampfhaft dabei . Sie wollte sich totschreien . Mit einer solchen Schmach auf sich konnte sie doch nicht mehr leben . . . ! Was würde Papa sagen ? Ihm würde es wohl leid thun , wenn er sein kleines Mädchen nicht mehr hätte . Aber Mama — der war es ganz recht — ganz recht . . . Endlich wurde sie so müde , daß alles um sie her und in ihr verschwamm . Mit wüstem Kopf stand sie auf und kroch taumelnd in ihr Bett . Agathe hatte ihre Mutter nicht mehr lieb . Heimlich trug sie die Gewissensnot und den Schmerz darüber — eine zu schwere Bürde für ihre Kinderschultern . Ihre Haltung wurde schlaff , in ihrem Gesichtchen zeigte sich ein verdrießlicher , müder Zug . Aber der Arzt , den man befragte , meinte , das käme von dem gebückten Sitzen auf der Schulbank . Einige Zeit später wurde Agathes Vater als Vertreter des Landrats in eine kleinere Stadt versetzt . Hier gab es keine höhere Töchterschule und Agathe bekam eine Gouvernante . Allmählich erholte sie sich und wurde wieder munter . Wahrscheinlich verhielt sich alles gar nicht so , wie Eugenie gesagt hatte , dachte sie nun . Weil es ihr zu unmöglich erschien , vergaß sie ihre verworrene Weisheit zuletzt so ziemlich . Nur hin und wieder durch ein Wort von Erwachsenen , eine Stelle in einem Buch , durch ein Bild geweckt , zuweilen ohne jede Veranlassung wachte die Erinnerung an die Stunden in Wutrows Garten und in den dunklen Korridoren in ihrem Gedächtnis auf und quälte sie wie ein schlechter Geruch , den man nicht los wird , oder wie die Mitwissenschaft eines trüben , verhängnisvollen Geheimnisses . Frau Heidling hegte das unbestimmte Ideal eines innigen Verhältnisses zwischen einer Mutter und ihrer einzigen Tochter . Doch wußte sie durchaus nicht , wie sie es beginnen sollte , ein solches zwischen sich und Agathe herzustellen . Sie sorgte mit peinlicher Pflichttreue für deren Anzug , für Zahnbürsten , Stiefel und Korsetts . Aber wenn Agathe mit einem Ausbruch ihres brennenden Interesses für alles und jedes in der Welt : für die Rätsel in Neros Charakter und für Bürgers Liebe zu Molly , für die Ringe des Saturn und die Auferstehung der Toten zu ihrer Mutter kam , sah sie immer nur dasselbe halb verlegene , halb beschwichtigende Lächeln auf dem blassen , kränklichen Gesicht . Und gerade dann wurde ihr meist das Wort abgeschnitten mit einer von den unaufhörlichen Ermahnungen : Halt ' Dich gerade , Agathe — wo ist Dein Zopfband wieder geblieben ! Wirst Du denn nie ein ordentliches Mädchen werden ? Das reizte sie bis zu Thränen und ungezogenen Antworten . Frau Heidling fragte sich oft erstaunt , ob sie selbst nur einmal so schrecklich lebhaft und exaltiert gewesen sein könne — jetzt war ihr doch alles , was außerhalb ihrer Familie und ihres Haushaltes vorging , sehr gleichgültig . Ihr Mann hielt die in feine Form gekleidete geistige Bescheidenheit an der Frau vor allem hoch , und liebt man einen Mann , so sucht man doch unwillkürlich genau so zu werden , wie er es gern hat . Ja — und die vielen Wochenbetten und der Tod von kleinen Kindern — das macht den Kopf einer Frau recht müde . Aber dafür hat man seine Pflicht im Leben erfüllt . Frau Heidling konnte sich oft ängstigen , daß Agathe durch dieses unruhige Umherfahren ihrer Gedanken noch einmal auf Abwege geraten werde . Mit der Gouvernante hatte das Mädchen täglich die heftigsten Scenen . Fräulein wurde ganz von dem Plan beherrscht , den wohlhabenden Apotheker des Städtchens oder einen ältlichen Gerichtsrat dahin zu bringen , sie zu heiraten . Agathe verachtete sie deshalb aus vollem Herzen . Mit bitteren Gefühlen machte sie sich aber klar , daß nicht nur zwischen Fräulein und ihr , sondern auch zwischen Eltern und Kindern eine unausfüllbare Kluft bestehe . Einsam und von niemand verstanden , werde sie an diesem Kummer sterben müssen . Mit einem wahren Schwelgen in grausamen Rachegelüsten konnte sie sich dann die Reuethränen ihrer Mutter , die Verzweiflung ihres