beim Nahen der Schritte umwandte . Auch er schien überrascht , zog aber , als er eine Dame erblickte , leicht grüßend den Hut und trat seitwärts , um sie vorbeizulassen . Edith dankte flüchtig und wollte vorübergehen , geriet aber dabei in ein Brombeergesträuch , dessen wuchernde Ranken ihr den Weg verlegten , und ein ungeduldiger Versuch , sich zu befreien , verstrickte sie noch tiefer darin . Der Fremde kam ihr artig zu Hilfe , aber die eigensinnigen Ranken , die sich an ihr Kleid festgeklammert hatten , wollten nicht loslassen . Es dauerte einige Minuten , bis es ihm gelang , sie zu entfernen . » Ich danke , « sagte die junge Dame in ihrer kühlen , herablassenden Weise , sie hielt es aber jetzt doch für nötig , noch einige Worte zu sprechen , und so warf sie die Bemerkung hin : » Ein seltsamer Ort , dieser einsame Friedhof , mitten im tiefen Walde ! « » Und ein schöner Ort ! Hier dringt kein Laut des Lebens herüber , hier stört nichts den ernsten , heiligen Todesfrieden . « Edith blickte überrascht auf , sie hatte auf ihre gleichgültige Bemerkung eine ähnliche erwartet . Die Worte berührten sie ebenso eigentümlich wie der halb verschleierte Klang der Stimme . Sie ließ sich jetzt erst herab , den Fremden näher anzusehen . Es war ein Mann in mittleren Jahren , eine schlanke , durchaus vornehme Erscheinung mit dunklen Augen , in denen ein ernster , ja düsterer Ausdruck lag . Die Art , wie er sprach , wie er sich verneigte und ihr jenen kleinen Dienst leistete , verriet , daß er mit den Formen der höheren Gesellschaft vollkommen vertraut war . Das konnte doch kein Heilsberger Bürger sein ! In der jungen Dame begann sich eine flüchtige Neugier zu regen . » Ich bin ganz zufällig auf einem Spaziergange hierher geraten , Sie sind vermutlich in dem gleichen Falle , « sagte sie , wie mit einer halben Frage . » Nein , ich bin auf dem Wege nach Steinfeld , aber ich wollte die Fahrt auf der sonnigen , staubigen Landstraße abkürzen und habe meinen Wagen vorausgesandt . Der Waldweg ist so schön , und da lockte es mich hier zum Eintritt , « war die einfache Antwort . Die Nahe Steinfelds erklärte allerdings den Besuch eines Fremden in dieser Gegend . Die dortigen Werke hatten ja Beziehungen in aller Welt , sie standen in regelmäßiger Verbindung mit Berlin , und die großartigen Anlagen galten überhaupt für eine Sehenswürdigkeit , sie wurden oft genug besichtigt , vielleicht war das auch hier die Veranlassung . Wenn Edith sich noch im Zweifel über die Persönlichkeit ihres Gefährten befand , so war ihm die ihrige kein Geheimnis mehr . Ernst Raimar hatte längst erraten , mit wem ihn der Zufall hier zusammenführte . Die junge Dame trug zwar auf diesem Waldspaziergange nur ein einfaches Lodenkleid und einen ebenso einfachen Strohhut , aber ihr ganzes Aeußere verriet , welchen Lebenskreisen sie angehörte . Solche Erscheinungen gab es nicht in der Umgebung von Heilsberg , das konnte nur der Gast der Frau von Maiendorf sein . Der schweigsame , zurückhaltende Mann würde unter anderen Umständen wohl die Unterhaltung abgebrochen und sich mit einem Gruße entfernt haben , jetzt blieb er . Er wollte doch Näheres über die Frau erfahren , an die sich die etwas verwegenen Hoffnungen seines Bruders knüpften . Schön war sie , gewiß ! Ob aber dies schöne Mädchen mit den stolzen , kalten Zügen und der sehr selbstbewußten Haltung wirklich den jungen Maler liebte , der ihr noch nicht einmal einen Künstlernamen bieten konnte ? Ob er in der That hoffen durfte ? Es galt , darüber ins klare zu kommen . » Der Friedhof ist sehr alt , « sagte Raimar , an seine letzte Bemerkung anknüpfend , » Man kann noch hie und da die Jahreszahl auf den Grabsteinen entziffern . Es ist auch ein Stück der historischen Vergangenheit , auf die Heilsberg so stolz ist . « » Heilsberg ? Sie stammen doch nicht aus dem kleinen Landstädtchen ? « Die Frage klang erstaunt und ungläubig , Ernst zögerte einen Augenblick , dann erwiderte er ruhig : » Nein , mein gnädiges Fräulein , meine Heimat ist Berlin . « » Ah so ! « Die Auskunft schien die junge Dame zu befriedigen , sie fuhr mit leichtem Spotte fort : » Jedenfalls ist dies Heilsberg eine längst verschollene Merkwürdigkeit , aber man weiß in Berlin wenigstens , daß es auf der Welt ist . Vor einigen Monaten waren im Kunstverein ein paar sehr hübsche Aquarelle ausgestellt , Heilsberger Studien , das Rathaus , ein altes Stadtthor und ähnliches . « » Vielleicht von Max Raimar ? « » Ja – Sie kennen ihn ? « » Er ist augenblicklich in Heilsberg , und ich komme eben von dort . Man scheint Hoffnungen auf die Zukunft des jungen Mannes zu setzen , es wird ihm allseitig Talent zugesprochen . « » Gewiß hat er Talent , « sagte Edith mit einiger Lebhaftigkeit , » und hoffentlich erobert er sich damit eine Zukunft . Freilich , wenn ein junger Künstler jahrelang ringen und arbeiten muß , um sich nur das Studium zu ermöglichen , wenn er fortwährend mit Verkennung , Unterdrückung , mit feindseligen Einflüssen in der eigenen Familie zu kämpfen hat , das muß ja seinen Flug hemmen . « » Unterdrückung ? Feindselige Einflüsse ? « wiederholte Raimar , der mit steigender Verwunderung , aber für den Augenblick noch ganz verständnislos zuhörte . » Das Talent des jungen Mannes ist doch nur gestützt und gefördert worden , es standen ihm hinreichende Mittel zu Gebote – so hörte ich wenigstens . « » Da sind Sie falsch berichtet , « erklärte Edith mit voller Bestimmtheit . » Ich weiß von Raimar selbst , wie schwer er sich hat losringen müssen von einer Umgebung , die nicht das mindeste Verständnis für Kunst