berührte er mit den Lippen leicht ihre Stirn . Es war dieselbe flüchtige , gleichgültige Liebkosung , die er einst dem vierzehnjährigen Mädchen hatte zu Theil werden lassen , und dabei streiften seine dunklen , strengen Augen ihr Antlitz mit einem einzigen , aber so scharfen und prüfenden Blicke , als wolle er damit zugleich ihr ganzes Innere ergründen . Dann aber reichte er seiner Schwägerin den Arm , um sie in das obere Stockwerk hinauf zu führen , und überließ es der jungen Dame , ihnen zu folgen . Die Baronin ergoß sich in einen Strom von Redensarten und Liebenswürdigkeiten , die nur einsilbig beantwortet wurden , aber das hemmte nicht ihren Redefluß , der erst stockte , als sie den Flügel erreicht hatten , in welchem die für die Damen bestimmten Zimmer lagen . „ Das ist Ihre Wohnung , Mathilde , “ sagte der Freiherr , auf die geöffneten Räume deutend . „ Ich hoffe , daß sie nach Ihrem Geschmack ist . Diese Klingel ruft die Dienerschaft herbei . Sollten Sie irgend etwas vermissen , so bitte ich , es mir mitzutheilen . Jetzt aber möchte ich Sie allein lassen . Sie und Gabriele sind jedenfalls müde von der Reise und bedürfen der Ruhe . Bei Tische sehen wir uns wieder . “ Er ging , offenbar froh , sich der lästigen und unbequemen Pflicht des Empfanges entledigt zu haben . Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen , als die Baronin , nachdem sie die Reiseumhüllung abgelegt , sofort begann , die Umgebung zu mustern . Die vier Zimmer waren mit großer Eleganz , sogar mit Pracht eingerichtet , das Meublement sehr reich , die Vorhänge und Teppiche von den schwersten Stoffen . Ueberall war auf die Ansprüche und Bedürfnisse vornehmen Besuchs Rücksicht genommen ; kurz , es blieb auch nicht das Geringste zu wünschen übrig , und sehr befriedigt kehrte Frau von Harder von ihrem Rundgange zurück , als sie gewahrte , daß ihre Tochter noch in Hut und Reisemantel inmitten des ersten Zimmers stand . „ Willst Du denn nicht ablegen , Gabriele ? “ fragte sie . „ Wie findest Du die Wohnung ? Gott sei Dank , endlich einmal wieder gewohnte Umgebungen , nachdem wir so lange in der Dürftigkeit unseres schweizer Exils geseufzt haben ! “ Gabriele achtete nicht auf die Worte . „ Mama , ich mag den Onkel Raven nicht . “ sagte sie plötzlich mit vollster Entschiedenheit . Der Ton war so ungewöhnlich , so ganz abweichend von der sonstigen Art der jungen Dame , daß die Mutter sie erstaunt anblickte . „ Aber Kind , Du hast ihn ja kaum gesehen . “ „ Gleichviel , ich mag ihn nicht . Er behandelt uns mit einer Gleichgültigkeit , einer Herablassung , die geradezu beleidigend ist . Ich begreife nicht , wie Du einen solchen Empfang hinnehmen konntest . “ „ Nicht doch , “ beruhigte die Baronin , „ diese Kürze und Abgemessenheit liegt nun einmal in der Art meines Schwagers . Du wirst Dich daran gewöhnen , wenn Du ihn erst näher kennen und lieben lernst . “ „ Niemals ! “ rief Gabriele heftig . „ Wie kannst Du verlangen , Mama , daß ich den Onkel Arno lieben soll ; ich habe ja immer nur Schlimmes von ihm gehört . Du sagtest , er sei ein Tyrann ohne Gleichen , Papa nannte ihn nie anders als den Emporkömmling , den Glücksritter , und doch wagtet Ihr beide niemals , ihm ein unfreundliches Wort zu sagen – “ „ Kind , um Gotteswillen schweig ’ ! “ unterbrach sie die Mutter , sich erschrocken umblickend , ob auch Niemand die verfänglichen Worte gehört habe . „ Vergißt Du denn ganz , daß wir vollständig von der Güte Deines Onkels abhängen ? Er ist unversöhnlich , wo er sich beleidigt glaubt . Du darfst ihm niemals mit einem Widerspruch entgegentreten . “ „ Weshalb hattet Ihr denn Alle so großen Respect vor ihm , wenn er nichts weiter als ein Glücksritter war ? “ fuhr Gabriele beharrlich fort . „ Warum gab ihm der Großpapa seine Tochter zur Frau ? Warum war er immer die Hauptperson in der Familie ? – ich begreife das nicht . “ „ Weiß ich es ? “ fragte die Baronin mit einem Seufzer . „ Die Macht , die diese Mann ausübt , ist mir von jeher ebenso unerklärlich gewesen , wie die Vorliebe Deines Großvaters für ihn . Er , mit seinem bürgerlichen Namen und seiner damals noch so untergeordneten Stellung , hätte den Eintritt in unsere Familie als eine hohe Gunst , als ein unverdientes Glück ansehen müssen , und er nahm es hin , als ob ihm damit nur sein Recht geschähe . Kaum hatte er in unserem Hause festen Fuß gefaßt , als er auch schon Alles beherrschte , von meiner Schwester an bis zur Dienerschaft herab , die größere Furcht vor ihm hegte , als vor ihrem Herr selber . Meinen Vater hatte er so vollständig in der Gewalt , daß nichts ohne seinen Rath und Beistand geschah , und alle Uebrigen unterdrückte er einfach . Wie es eigentlich geschah , das weiß ich nicht – genug es geschah , und wie in unserem Familienkreise , so riß er auch in der Gesellschaft und in seiner Carriere die Herrschaft an sich – es wagte Niemand ihm entgegenzutreten . “ „ Nun , mich soll er nicht unterdrücken , “ rief das junge Mädchen , das Köpfchen trotzig zurückwerfend . „ O , er dachte auch mich zu schrecken mit seinen finstern Augen , die sich so tief einbohren , als wollten sie einem die geheimsten Gedanken aus der Seele lesen , aber ich fürchte mich ganz und gar nicht davor . Wir wollen doch sehen , ob er auch mich zwingt , wie all die Anderen . “ Die Baronin erschrak ; sie fürchtete nicht mit Unrecht , ihre sehr verzogene Tochter ,