. Auf dem Gesicht des Prälaten lag kalte leidenschaftslose Ruhe , die Augen blickten so scharf und durchdringend , als seien sie gewohnt , Alles und Jedes , was ihnen nahte , bis in die innersten Tiefen hinein zu durchschauen und zu ergründen ; die Haltung war ernst und gemessen und das bereits [ 23 ] ergraute Haar , im Verein mit dem schwarzen Ordensgewande , ließen ihn um ein ganzes Theil älter erscheinen als den Bruder , obgleich in Wirklichkeit nicht viel mehr als ein Jahr zwischen ihnen liegen mochte . Das volle dunkelblonde Haar des Grafen dagegen zeigte nur hin und wieder einige Silberfäden , das Auge war noch voll Feuer , die Bewegungen rasch und energisch , in Gang , Haltung und Ausdruck sprach sich eine Lebhaftigkeit aus , die in früheren Jahren wohl Leidenschaftlichkeit gewesen sein mochte , und die reiche Uniform , welche einen hohen militärischen Grad kennzeichnete , hob die Erscheinung des noch immer schönen Mannes noch um ein Bedeutendes . Er wartete , bis sich die Thür hinter dem Kammerdiener geschlossen hatte , und nahm dann das vorhin unterbrochene Gespräch wieder auf . „ Du scheinst so zurückhaltend über Bruno . Giebt er Dir irgendwelchen Anlaß zur Klage , oder was ist sonst mit ihm ? “ „ Nicht doch ! “ sagte der Prälat ruhig . „ Pater Benedict fährt nach wie vor fort , sich unter all seinen Mitbrüdern auszuzeichnen . Er ist streng gewissenhaft in der Erfüllung seiner Pflichten und sehr eifrig in seinen religiösen Uebungen , nur allzusehr . “ „ Zu eifrig ? “ „ Ja , ich liebe es nicht , wenn meine jungen Mönche in diesem letzten Puncte allzu weit gehen . Diese ewigen Bet- und Bußübungen , dies fortwährende Fasten und Kasteien ist auf die Dauer nicht durchzuführen ; es muß nothwendig einen Rückschlag erzeugen , der gefährlich werden kann . “ Der Graf lächelte . „ Das mußt Du ihm zu Gute halten . Er ist nun einmal ein Schwärmer , ist es von jeher gewesen . “ „ Es taugt aber hier nicht mehr ! “ Die Stimme des Prälaten nahm unwillkürlich einige Schärfe an . „ Ich habe schon öfter damit zu kämpfen gehabt . Das kommt aus den Seminarien mit seinen Idealen von begnadigter Priesterschaft , von ascetischer Weltentsagung und gottgeweihtem Leben und findet – ein Kloster , wie es eben in unserer Zeit besteht . Die Ernüchterung kann nicht ausbleiben , und was dann ? Es will mir nicht gefallen , dies finstere , scheue Absondern von den Brüdern , dies fortwährende einsame Umherschweifen in den Wäldern , dies nächtelange Studiren und Brüten über den Büchern – “ „ Und das machst Du ihm zum Vorwurf ? “ unterbrach ihn der Graf rasch und beinahe unmuthig . „ Du , der von jeher über die geistige Indifferenz und Trägheit Deiner Mönche klagtest ! Ich begreife Dich nicht ! Gerade dieser rastlose Wissensdrang im Verein mit seiner eminenten Begabung und seinem Feuereifer , das sind die Elemente , aus denen man die Stützen der Kirche heranzieht . “ „ Oder die Apostaten ! “ „ Um Gotteswillen , Du glaubst doch nicht , daß Bruno – “ „ Nein ! “ sagte der Prälat . „ Ich wiederhole es Dir , er hat mir noch keinen Grund zum Tadel gegeben ; ich mißtraue nur dieser Richtung im Allgemeinen , und das muß anders werden , wenn er die Hoffnungen verwirklichen soll , die Du auf ihn setzest . Du schmeichelst Dir damit , in ihm dereinst meinen Nachfolger , vielleicht noch etwas Höheres zu sehen ; Talent dazu hat er genug , aber ihm fehlt der freie Ueberblick , die Berechnung . Mit Beten und Kasteien , das einer untergeordneten Mönchskutte ziemen mag , erringt man keine hervorragende Stellung in der Kirche , noch füllt man sie damit aus . Er muß hinweg über das Schülerhafte des Neophyten , wenn er empor will , und daß er das noch immer nicht kann , flößt mir Besorgniß ein ! “ Der Graf antwortete nicht , mit einem unterdrückten Seufzer trat er zum Fenster und schaute , den Vorhang zurückschiebend , hinaus in das sonnenbeschienene Thal . Der Prälat folgte der Richtung seines Blickes . „ Was sagst Du zu der neuen Nachbarschaft in Dobra ? “ fragte er , plötzlich von dem soeben verhandelten Gegenstande abbrechend . Rhaneck zuckte die Achseln . „ Ich habe nicht geglaubt , daß die Seltenow ’ schen Besitzungen in solche Hände fallen würden ! “ sagte er wegwerfend . „ Es ist immerhin ein starkes Stück von diesem norddeutschen Bauer , sich so gerade in unsere Mitte hinzusetzen , als wäre er unseres Gleichen . Man ignorirt ihn einfach . “ Sehr ruhig stand der Prälat auf und trat gleichfalls zum Fenster . „ Es ist von jeher Dein Fehler gewesen , Ottfried , die Gegner zu unterschätzen , und nichts rächt sich so schlimm wie gerade dies . Dieser Günther ist Keiner von Denen , die sich mit einem Stirnrunzeln und einem vornehmen Achselzucken abthun lassen . Man hatte allerdings die Absicht , ihn zu ignoriren ; aber er kam uns zuvor und ignorirte einfach uns . Nebenbei ist er auf dem Wege , eine Macht in der Umgegend zu werden . “ „ Warum nicht gar ! “ fuhr der Graf auf . „ Die Güter sind in Grund und Boden gewirthschaftet – er wird darauf zu Grunde gehen ! “ „ Ich fürchte , er bringt sie zu einer nie geahnten Höhe . Wo Graf Seltenow seinen Ruin fand , da findet dieser ‚ norddeutsche Bauer ‘ überall neue Hülfsquellen und deckt wahre Schatzgruben auf . Was er in dem einen Jahre schon geleistet , übersteigt alle Begriffe ; seine Einrichtungen und Verbesserungen sind großartig , noch schlimmer , sie sind praktisch . Ich habe mir eingehenden Bericht darüber erstatten lassen . Geht das so fort , dann ist es allerdings keine Prahlerei