mit schwesterlichen Augen an . » Du bist so gut , Erich ! « sagte sie . Er nahm ihre schmale Hand liebkosend in die seinen . » Und nun wir ihn haben « , sagte er , » nun lassen wir ihn so bald nicht wieder los . Er ist so lange draußen gewesen , wir wollen ihn wieder heimisch machen . Schau nur , wie fremd und vornehm er aussehen worden ist . « Ein scheuer Blick Elisabeths streifte Reinhards Antlitz . » Es ist nur die Zeit , die wir nicht beisammen waren « , sagte er . In diesem Augenblick kam die Mutter mit einem Schlüsselkörbchen am Arm zur Tür herein . » Herr Werner « , sagte sie , als sie Reinhard erblickte , » ei , ein ebenso lieber als unerwarteter Gast . « – Und nun ging die Unterhaltung in Fragen und Antworten ihren ebenen Tritt . Die Frauen setzten sich zu ihrer Arbeit , und während Reinhard die für ihn bereiteten Erfrischungen genoß , hatte Erich seinen soliden Meerschaumkopf angebrannt und saß dampfend und diskurrierend an seiner Seite . Am andern Tage mußte Reinhard mit ihm hinaus ; auf die Äcker , in die Weinberge , in den Hopfengarten , in die Spritfabrik . Es war alles wohl bestellt : die Leute , welche auf dem Felde und bei den Kesseln arbeiteten , hatten alle ein gesundes und zufriedenes Aussehen . Zu Mittag kam die Familie im Gartensaal zusammen , und der Tag wurde dann , je nach der Muße der Wirte , mehr oder minder gemeinschaftlich verlebt . Nur die Stunden vor dem Abendessen , wie die ersten des Vormittags , blieb Reinhard arbeitend auf seinem Zimmer . Er hatte seit Jahren , wo er deren habhaft werden konnte , die im Volke lebenden Reime und Lieder gesammelt und ging nun daran , seinen Schatz zu ordnen und wo möglich mit neuen Aufzeichnungen aus der Umgegend zu vermehren . Elisabeth war zu allen Zeiten sanft und freundlich ; Erichs immer gleichbleibende Aufmerksamkeit nahm sie mit einer fast demütigen Dankbarkeit auf , und Reinhard dachte mitunter , das heitere Kind von ehedem habe wohl eine weniger stille Frau versprochen . Seit dem zweiten Tage seines Hierseins pflegte er abends einen Spaziergang an dem Ufer des Sees zu machen . Der Weg führte hart unter dem Garten vorbei . Am Ende desselben , auf einer vorspringenden Bastei , stand eine Bank unter hohen Birken ; die Mutter hatte sie die Abendbank getauft , weil der Platz gegen Abend lag und des Sonnenuntergangs halber um diese Zeit am meisten benutzt wurde . – Von einem Spaziergange auf diesem Wege kehrte Reinhard eines Abends zurück , als er vom Regen überrascht wurde . Er suchte Schutz unter einer am Wasser stehenden Linde ; aber die schweren Tropfen schlugen bald durch die Blätter . Durchnäßt , wie er war , ergab er sich darein und setzte langsam seinen Rückweg fort . Es war fast dunkel ; der Regen fiel immer dichter . Als er sich der Abendbank näherte , glaubte er zwischen den schimmernden Birkenstämmen eine weiße Frauengestalt zu unterscheiden . Sie stand unbeweglich und , wie er beim Näherkommen zu erkennen meinte , zu ihm hingewandt , als wenn sie jemanden erwarte . Er glaubte , es sei Elisabeth . Als er aber rascher zuschritt , um sie zu erreichen und dann mit ihr zusammen durch den Garten ins Haus zurückzukehren , wandte sie sich langsam ab und verschwand in die dunkeln Seitengänge . Er konnte das nicht reimen ; er war aber fast zornig auf Elisabeth , und dennoch zweifelte er , ob sie es gewesen sei ; aber er scheute sich , sie danach zu fragen ; ja , er ging bei seiner Rückkehr nicht in den Gartensaal nur um Elisabeth nicht etwa durch die Gartentür hereintreten zu sehen . Meine Mutter hat ' s gewollt Meine Mutter hat ' s gewollt Einige Tage nachher , es ging schon gegen Abend , saß die Familie , wie gewöhnlich um diese Zeit , im Gartensaal zusammen . Die Türen standen offen ; die Sonne war schon hinter den Wäldern jenseit des Sees . Reinhard wurde um die Mitteilung einiger Volkslieder gebeten , welche er am Nachmittage von einem auf dem Lande wohnenden Freunde geschickt bekommen hatte . Er ging auf sein Zimmer und kam gleich darauf mit einer Papierrolle zurück , welche aus einzelnen sauber geschriebenen Blättern zu bestehen schien . Man setzte sich an den Tisch , Elisabeth an Reinhards Seite . » Wir lesen auf gut Glück « , sagte er , » ich habe sie selber noch nicht durchgesehen . « Elisabeth rollte das Manuskript auf . » Hier sind Noten « , sagte sie , » das mußt du singen , Reinhard . « Und dieser las nun zuerst einige Tiroler Schnaderhüpferl , indem er beim Lesen jezuweilen die lustige Melodie mit halber Stimme anklingen ließ . Eine allgemeine Heiterkeit bemächtigte sich der kleinen Gesellschaft . » Wer hat doch aber die schönen Lieder gemacht ? « fragte Elisabeth . » Ei « , sagte Erich , » das hört man den Dingern schon an ; Schneidergesellen und Friseure und derlei luftiges Gesindel . « Reinhard sagte : » Sie werden gar nicht gemacht ; sie wachsen , sie fallen aus der Luft , sie fliegen über Land wie Mariengarn , hierhin und dorthin , und werden an tausend Stellen zugleich gesungen . Unser eigenstes Tun und Leiden finden wir in diesen Liedern ; es ist , als ob wir alle an ihnen mitgeholfen hätten . « Er nahm ein anderes Blatt : » Ich stand auf hohen Bergen ... « » Das kenne ich ! « rief Elisabeth . » Stimme nur an , Reinhard , ich will dir helfen . « Und nun sangen sie jene Melodie , die so rätselhaft ist daß man nicht glauben kann , sie sei von Menschen erdacht worden ; Elisabeth mit ihrer