mitgewirkt habe . Auch die Zeit stimmt hiermit über ein , denn nach dem beigefügten Datum stammen sie sämtlich aus den letzten Jahren vor seinem Halligleben . Er wohnte damals noch in seinem eigenen Hause , das dicht neben der Stadt in einem baumreichen Garten gelegen war . Aus seinem Wohnzimmer , welches sich im oberen Stocke befand , sah man durch einige davorstehende Lindenbäume über ein paar grüne Felder auf die Heide , die sich damals noch weit nach Westen hinauszog . Ich weiß noch wohl – denn ich habe dort oft bei ihm gesessen – , wie sehr er diesen Ausblick liebte . Die Heide war ihm ein vertrauter Ort ; nicht nur daß er sie unablässig für seine entomologischen und botanischen Studien durchforschte , sondern er fand dort auch , wie er sich ausdrückte , » die nötige Erholung von dem Menschenleben « . An diesem Fenster sitzend muß ich mir ihn denken , als er jene Zeilen niederschrieb , die jetzt in seiner kleinen , aber deutlichen Handschrift vor mir liegen . Sie lauten also : Wie gut es sich hier in den Oktobernachmittag hinausschaut ! So golden scheint noch die Sonne ; doch lösen sich unter ihrem Strahle schon die Blätter und sinken lautlos auf den feuchten Rasen ; immer sichtbarer werden die nackten Äste . Von drunten aus den Holunderbüschen klang ein Drosselschlag ; nach einer Weile rief es noch einmal aus der Ferne – es nimmt alles Abschied . Die lichtgraue Dämmerung des Herbstabends hat sich verbreitet , Haus und Garten liegen schon im Schatten , hinter der Heide ist die Sonne hinabgegangen . Nur ganz fern am Himmel , dort , wohin wie Schatten jetzt die Vögel fliegen , ist noch eine leuchtende Wolkenschicht gebreitet . Sie steht über einem Lande jenseits des Horizonts , den meine Augen noch erreichen können . Aber auch dort wird bald der goldene Tag erlöschen . – – Als ich in das Zimmer zurückblickte , lag noch ein Schimmer jenes Abendscheins auf meinem schwarzen Geigenkasten , der nun schon seit Jahren uneröffnet dort unter dem Bücherschranke steht . Die Geige , die er verbirgt , erstand ich einst aus dem Nachlasse eines früh verstorbenen Florentinischen Musikers , und erst seitdem wußte auch ich , daß ich spielen könne . Auf dem innern Rande des Kastens fand ich damals eine italienische Strophe eingeschrieben , und seltsam , da ich sie in unsere Sprache übertrug , war mir ' s , als hätte ich diese nun deutschen Verse einst selbst gemacht , und suchte lange , wiewohl vergebens , danach unter meinen alten Papieren . Aber sowie ich die Geige mit meinem Bogen anstrich , da sang es und schwoll es an zu einer Gewalt , die mich selbst erbeben machte . Das war nicht ich allein , der diese Töne schuf ; ein geistig Erbteil war in dieser Geige , und ich war der rechte Erbe , der es mit eigener Kraft vermehrte . Nun ruht sie seit lange klanglos in ihrer schwarzen Truhe ; denn schon vor Jahren hatte ich es erkannt : nur bis zu einer gewissen Grenze des Lebens fließt um unsere Nerven jener elektrische Strom , der uns über uns selbst hinausträgt und auch andere unwiderstehlich mit sich reißt . Und nun ? Und heute abend ? Ich muß vor den Spiegel treten , damit ich meine grauen Haare nicht vergesse . Nein , nein ! Ich will die Geige , meine klingende Seele , aus ihrem Sarge nehmen , und meine Hände sollen nicht zittern . Eveline führte mich in den Saal . Er war noch leer , aber die Kerzen brannten schon ; unter der Kristallkrone stand der geöffnete Flügel . » Hier sollen Sie spielen ! « sagte sie . » Dort auf dem Tischchen steht Ihr Geigenkasten . « » Soll ich wirklich , Eveline ? « Sie legte , wie sie das zuweilen tat , ihre Wange in die Hand und sah mich ernsthaft an . » Sie haben es mir doch versprochen ! « – » Und vor so hoher Gesellschaft ? « Denn in großen , ziemlich mäßigen Steindrucken , aber aus desto dickeren Goldrahmen schaute fast die ganze erste Rangklasse unseres Staatskalenders von den Wänden herab . Sie lachte . » Pst ! Nicht spotten ! Das sind Papas Penaten . Weshalb sehen Sie nicht auf meine Bilder , die bescheiden , aber tröstlich unter ihnen hängen ? « Und freilich , auch Goethe und Mozart waren , wenn auch in kleinerem Format , vertreten . Die Gesellschaft drängte aus den anderen Zimmern in den Saal . » Adieu ! « sagte Eveline . Sie reichte mir flüchtig die Hand , ihr dunkles Auge streifte mich ; dann ging sie den Eintretenden entgegen . Ich suchte mir in der fernsten Ecke einen Platz . Der weiche , etwas müde Klang ihrer Stimme lag noch in meinem Ohr ; aus ihren einfachsten Worten spricht es oft , ich weiß nicht , wie die schmerzliche Erwartung oder wie die heimliche Zusage eines Glückes . Bald aber gesellte sich mein werter Vetter , der Geheimrat , zu mir und sprach irgend etwas über Kunst ; und ich besah mir indes die noch immer unter Geplauder und Komplimenten Platz nehmende Gesellschaft und verglich sie mit der , die an den Wänden hing . Und jetzt wurde ein Akkord angeschlagen . Unser Adolf , der Musikdirektor , begann das Largo aus Beethovens D-Dur-Sonate . Und es wurde völlig still und blieb es auch ; denn er versteht es , wenn die Stunde günstig ist , seinen Beethoven so eindringlich zu Gehör zu bringen , daß es schon sehr große Geister oder aber sehr große Flegel sein müssen , die dabei sich noch selber sollten hören mögen . Mit dem Einsatze der Menuett war mir sogar , als gehe ein Aufatmen des Entzückens durch den ganzen Saal . Ist doch Musik die Kunst , in der sich alle Menschen als Kinder