gelang ihm schlecht . Er sprach sehr gut und freundlich zu meinem Schatz ; doch je länger er mit uns ging und je munterer wir auf ihn einplauderten , desto stiller wurde er . Und als nun gar die übrige Gesellschaft singend , lachend und jubelnd zu uns stieß , da war er plötzlich wieder verschwunden , und wir sahen ihn an jenem fröhlichen Tage nicht mehr . › Du , Philipp , der hat ein großes Unglück erfahren oder windet sich noch durch ein solches ‹ , sagte mir Johanne nachher ; › Philipp , der Mensch tut mir unendlich leid ; ist es dir denn noch niemals bange und traurig in seiner Nähe zumute geworden ? ‹ Die Weiber haben in der Hinsicht einen feinen Blick und Sinn , und sie verstehen es , uns Mannsvolk auf manches aufmerksam zu machen , was man gefühlt hat , ohne daß es einem im Bewußtsein klar geworden ist . Ich stutzte , und jetzt zuerst fiel es auch mir bei , daß mein schweigsamer Freund auch mir schon einige Male sehr leid getan habe . Bänglich war ' s mir freilich noch nicht in seiner Gesellschaft zumute gewesen ; doch schon auf dem lustigen Heimwege nach der Stadt war es mir ganz klar , daß von nun an auch das Bangen mich zu Zeiten wohl überkommen könne . Von jenem Tage an achtete ich schärfer und schärfer auf meinen Freund August , und dann einmal fragte ich ihn mit aller Aufbietung meiner Beredsamkeit und Überredungskunst , was ihm eigentlich fehle und ob es durchaus nicht möglich sei , daß ich ihm helfe ? Ich beschwor ihn inständigst , doch ein Herz zu fassen und alles , was ihn drücke , mir mitzuteilen . Ich sagte ihm , daß ich mein Blut und meine Seele dran geben würde , ihm zu helfen , und fügte auch sonst noch bei , was man bei einer solchen zum Zittern aufgeregten Gelegenheit ernstlich und innig einem geliebten , geschätzten und geachteten Menschen sagen kann . Natürlich versuchte er zu lachen und versicherte mich , er befinde sich körperlich wie geistig vollkommen wohl , sein Gewissen sei durchaus nicht durch irgendeine unaussprechliche Schandtat belastet ; aber für sein Temperament könne er freilich nichts , und es sei in der Tat ein ziemlich unbehagliches zu nennen und schon mehreren aufgefallen . Er sagte , er habe ein unglücklich Blut von seinen Vorfahren geerbt , und wahr sei , daß er es stets kräftig und aufmerksam im Zaume halten müsse , wenn nicht jeder Tag , den er lebe , zu einem jähzornigen bösen Ende gelangen solle . Er dankte mir herzlich für meine Güte , wie er ' s nannte , und es war mir fast , als sähe ich eine Träne in seinen Augen , allein das mochte wohl eine Täuschung sein , denn ein solches römisches Münzengesicht wie das seinige , war auf dergleichen Weichheiten hin nicht in die gehörige Form gegossen . « » Was für eine Art Visage hatte er , Kristeller ? « fragte der Förster Ulebeule . » Ein Gesicht wie die Kaiser Nero , Caracalla oder Caligula auf ihren Dukaten ! « erläuterte der Pfarrherr , und der Apotheker › Zum wilden Mann ‹ schüttelte den Kopf , glaubte sich aber jeder anderen Antwort überhoben und ging in seiner Erzählung weiter : » Meine Braut hatte ihm sehr gefallen . Er lobte ihr Äußeres und alles , was sie während des kurzen Zusammenseins gesprochen hatte , ausnehmend . Er nannte sie ein liebes , braves Mädchen – was sie wirklich auch war – , und er sprach mit tiefen Seufzern den Wunsch aus , eine ihr gleichende Schwester zu haben . Da erkundigte ich mich denn selbstverständlich noch einmal nach seinen Familienverhältnissen , er aber versicherte mir , daß er ganz allein in der Welt stehe , Vater und Mutter durch den Tod verloren und Geschwister nie gehabt habe ; und wie um das Gespräch schnell zu wenden , fragte er seinerseits , ob der Tag meiner Hochzeit bereits festgesetzt sei . Als ich ihm nun gesagt hatte , wie es sich damit verhalte , seufzte er : › Oh , könnte ich Ihnen helfen , Philipp , so würde es heute noch geschehen ! ‹ – – Wie er mir half , und weshalb der Ehrensessel da seit dreißig Jahren leer steht und auf ihn wartet , das will ich euch jetzt sagen . « Fünftes Kapitel Die kleine Gesellschaft in dem bilderreichen Hinterstübchen der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ war dicht am Tische zusammengerückt . Sie wußten , daß der alte Freund nicht übel zu erzählen verstehe , doch so wie heute hatte er seine Gabe noch nicht gezeigt . Dem Förster Ulebeule war die Pfeife ausgegangen , Schwester Dorette hielt die Hand des Bruders fest in der ihrigen , und der Pastor loci klopfte leise mit der Dose auf dem Tische und sagte : » Also endlich ! – Kein Mensch sollte es doch für möglich halten , daß einen solch braves Möbel wie ein weichgepolsterter Lehnstuhl dreißig Jahre lang auf die Folter spannen könne . Lieber Kristeller , dieser Sessel da hat mich in der Tat dreißig Jahre lang auf die Folter gespannt ! « Sie lachten trotz ihrer Erregung , und der Herr Philipp lachte mit und erzählte dann weiter . » Der Sommer ging , der Herbst kam . Es wurde September , und es wurde Oktober , und die Pracht und Fülle der Natur ging für dieses Jahr auf die Neige . Mein Prinzipal , der zur Zeit der Äquinoktialstürme stets anfing , an Gesichtsschmerzen zu leiden , war gezwungen , mich nun fester an die Offizin zu binden . Es ging wohl ein Monat hin , ehe er mich wieder in die Weite schickte – am 15. Oktober aber jagte er mich drei Meilen weit nach jener berühmten Felsgruppe , die ihr alle unter dem Namen der Blutstuhl kennt ,