bösen Innocentia hielt , hatte auch seine mehr als symbolische Bedeutung . Noch nie , seit es Gespenstergeschichten gibt , war die geistige Quintessenz eines Menschenwesens auf gleiche wirkungsvoll begründete Weise zum Dableiben , Zuhören und Beobachten im Erdentreiben genötigt worden . Noch nie war ein jungfräulich-nervös-schüchtern Erdennärrchen in gleicher Art wie hier Fräulein Rosa in die Ecke gestellt worden mit dem uralten Erziehungswort : » Hier siehst du so lange , bis ich die Überzeugung gewonnen habe , daß du es nicht wieder tun wirst . « Und länger als dreißig lange Jahre hatte Rosa von Krippen , unbeschreiblich dünn ausgebreitet , hinter der Tapete gehaftet und den Geliebten dreißig Jahre älter werden sehen und Gelegenheit gehabt , während dieser Zeit Dinge von ihm und an ihm zu sehen , von denen sie vor dreißig Jahren – keine Ahnung gehabt hatte ! – Die naturhistorische Gesellschaft sehr platter Tierchen , die mit ihr ihren Aufenthaltsort hinter der Tapete teilte , konnte bei ihren sonstigen Gefühlen nicht im geringsten in Betracht kommen . Was dieser feinfühligen Mädchenseele auferlegt worden war , war etwas ; – und ein Jahrhunderte langes » Als-feuriger-Mann-Herumgehen « der Grenzverrücker , der Schätzeverscharrer , der unentdeckten Moritätler war nichts – dagegen ! gar nichts ! ! Daß ein Mann den Urteils- , oder Bannspruch gesprochen hatte , lag klar am Tage oder vielmehr hinter der Tapete , und daß ein weiblicher Gerichtsbeisitzer bei manchem mündlichen und schriftlichen , öffentlichen und geheimen Rechtsverfahren in weiblichen Angelegenheiten sehr am Platze wäre , liegt uns klar am Tage und der holden , aber , wie wir voraussetzen , augenblicklich höchst entrüsteten Leserin sicherlich auch . » Bah – am gebrochenen Herzen sterben ! Mir sollte einer noch mal damit kommen ! « ruft die letztere ; unbedingt jedoch das Verdienst eines Mannes – aber eines getreuen Eckarts in diesem Fall – nämlich das Verdienst des Autors ist ´ s , sie auf die möglichen , ja sogar wahrscheinlichen Folgen aufmerksam gemacht zu haben , was bei einer künftigen neuen Regelung der gesellschaftlichen und sittlichen Verhältnisse zwischen den zwei Geschlechtern auch in Berücksichtigung zu nehmen sein wird . » So ? « fragt die Leserin , und infolge dieses kleinen Fragewörtchens bleibt alles fürs erste ( wenigstens im alten Deutschland ) beim alten . – – » Das ist doch ganz kurios ! « meinte der Baron , mit dem Nagel und dem Bilde in der Hand . » Ein Erdbeben hat nicht stattgefunden , und wir beide , Magerstedt , haben uns auch nicht außergewöhnlich lebhaft bewegt . War es dir nicht auch , als ob das Porträt wie durch einen Stoß von der Wand geschleudert worden sei ? « » Ich habe nicht darauf acht gegeben , « brummte der andere . » Ich habe jüngere Dinge im Kopfe als die Bilder der Weiber unserer Vergangenheit . Und was diese da im besonderen betrifft , so – « » So standest du nie mit ihr auf einem besonders guten Fuße ! « kicherte der Onkel Püterich . » Gott , wie solch ein Zufall die verflossene Zeit in einem rege machen kann : Innocentia ! – ah ! « » Und Rosa – Rosa von Krippen , Püterich ? ! « schnurrte der Herr von Magerstedt boshaft grämlich . Ei ja , ei ja , es ist eine lang versunkene Welt ; aber – gottlob ! – wir sind noch vorhanden , und das ist doch die Hauptsache . « » Freilich – o gewiß ! « murmelte der Baron , in ein immer tieferes Nachdenken versinkend . Der liebenswürdige Freund hielt sich währenddem wieder an seine Dose , bis ihm die Geschichte zu langweilig wurde und er den Onkel dadurch aus seinen Träumen erweckte , daß er sich emporhob und ihm auf die Schulter klopfte : » Also du hältst dich an unsere Verabredungen . Ich verlasse mich ganz auf dich und dulde keine ferneren Ausflüchte und Verzögerungen mehr . « » Verlasse dich darauf . Morgen früh fahren wir zusammen vor , und heute abend mache ich noch dem Nichtchen und ihren braven Eltern eine Visite . « Er lehnte das Bild Innocentias gegen die Wand , von der es heruntergefallen war , und die beiden Euleriche nahmen für diesmal Abschied voneinander – zärtlich , gerührt , bewegt können wir denselben jedoch nicht nennen . Außerdem , daß sie wußten , was sie voneinander zu halten hatten , wußten sie ja auch , daß sie nahe beisammen – der eine unter dem andern – wohnten , und daß sie sich recht bald wiedersehen würden . In der angenehmen Abendkühle erschien der Onkel Püterich in der Villa der Eltern Ernestas , und um Mitternacht erschien der Geist Rosa von Krippens dem Assessor bei der Regierung Abwarter , dem Geliebten und verstohlen Verlobten Ernestas . Alte Gebäuderumpeleien zu schildern und unsere Stimmung daher zu nehmen , ist uns zwar sonst ein Vergnügen , aber dennoch lassen wir diesmal den Püterichshof ruhig bestehen , wie er sieht , und versetzen uns ganz und gar in die Gefühle der Seele Fräulein Rosa von Krippens , nachdem der Nagel heraus war , der sie dreißig Jahre lang hinter der Tapete ihres einsilbigen Geliebten und stadtkundig vor Eltern , sonstigen Verwandten , Freunden und Freundinnen Verlobten festgehalten hatte . Daraus saugen wir unsere Stimmung und bringen hoffentlich allen unseren Leserinnen einen Hauch der Befreiung mit . » Uh , « hauchte vor allen Dingen der Geist Rosas , sich zum ersten Male seit dreißig Jahren frei zusammenziehend und wieder ausbreitend . » Barmherziger Gott , bist du so gut ? Ist es denn möglich ? ! Ist es wahr ? ! ! ! ! « Es ist wahr ! Die naturhistorische Gesellschaft Acanthia im Kleister fing an unruhig zu werden , weil es möglich , weil es wahr war : der Geist Rosas durfte zum ersten Mal wieder die Stellung verändern , den Platz wechseln ! Was Rosa von Krippen im Leben