er gefangen saß , die ihn anklagende Rolle entfaltete und ihm die Summe seiner Sünden – zehnmal größer als seine Papstnummer scelera horrenda , abominanda – mit zager Stimme und fliegenden Schamröten vorlas , ergriff er gelangweilt die Feder und malte einer heiligen Barbara in seinem Breviarium einen Schnurrbart ... Nein , das Gewissen ist kein allgemeines und auch unter uns , die wir ein solches besitzen , tritt es , ein Proteus , in wechselnden Formen auf . In meiner Wenigkeit z.B. wird es wach jedesmal , wo es sich in ein Bild oder in einen Ton verkörpern kann . Als ich neulich bei einem jener kleinen Tyrannen , von welchen unser glückliches Italien wimmelt , zu Besuche war und in dieser angenehmen Abendstunde mit schönen Weibern bei Chier und Lautenklang zusammensaß auf einer luftigen Zinne , welche , aus dem Schloßturm vorspringend , über dem Abgrund eines kühlen Gewässers schwebte , vernahm ich unter mir einen Seufzer . Es war ein Eingekerkerter . Weg war die Lust und meines Bleibens dort nicht länger . Mein Gewissen war beschwert , das Leben zu genießen , küssend , trinkend , lachend neben dem Elende . Gleicherweise konnte ich jetzt das nahe Geschrei einer Verzweifelnden nicht ertragen . Ich warf mein Gewand um und schlich durch den dämmernden Kreuzgang nach dem Chore , mir sagend , es müsse sich , während ich den Plautus las , mit Gertruden geändert haben : an der Schwelle des Entscheides sei ihr die unumstößliche Überzeugung geworden , sie werde zugrunde gehen in dieser Gesellschaft , in dem Nichts oder – schlimmer – in der Fäulnis des Klosters , mit der Gemeinheit zusammengesperrt , sie verachtend und von ihr gehaßt . In der Türe der Sakristei blieb ich lauschend stehen und sah Gertruden vor dem wahren , schweren Kreuze die Hände ringen . Wahrhaftig , sie bluteten und auch ihre Knie mochten bluten , denn sie hatte die ganze Nacht im Gebete gelegen , ihre Stimme war heiser und ihre Rede mit Gott , nachdem sie ihr Herz und ihre Worte erschöpft hatte , gewaltsam und brutal , wie eine letzte Anstrengung . › Maria Muttergottes , erbarm dich mein ! Laß mich stürzen unter deinem Kreuz , es ist mir zu schwer ! Mir schaudert vor der Zelle ! ‹ und sie machte eine Gebärde , als risse oder wickelte sie sich eine Schlange vom Leibe los , und dann , in höchster Seelenqual selbst die Scham niedertretend : › Was mir taugt ‹ , schrie sie , › ist Sonne und Wolke , Sichel und Sense , Mann und Kind ... ‹ Mitten im Elende mußte ich lächeln über dieses der Intemerata gemachte menschliche Geständnis ; aber mein Lächeln erstarb mir auf den Lippen ... Gertrude war jählings aufgesprungen und richtete die unheimlich großen Augen aus dem bleichen Angesichte starr gegen die Mauer auf eine Stelle , die ich weiß nicht welcher rote Fleck verunzierte . › Maria , Muttergottes , erbarm dich mein ! ‹ schrie sie wieder . › Meine Gliedmaßen haben keinen Raum in der Zelle und ich stoße mit dem Kopf gegen die Diele . Laß mich unter deinem Kreuze sinken , es ist mir zu schwer ! Erleichterst du mir ' s aber auf der Schulter , ohne mir das Herz erleichtern zu können , da siehe zu ‹ – und sie starrte auf den bösen Fleck – › daß sie mich eines Morgens nicht mit zerschmettertem Schädel auflesen ! ‹ Ein unendliches Mitleid ergriff mich , aber nicht Mitleid allein , sondern auch eine beklemmende Angst . Gertrude hatte sich ermüdet auf eine Truhe gesetzt , die irgendein Heiligtum verwahrte , und flocht ihre blonden Haare , welche im Ringkampfe mit der Gottheit sich aus den Flechten gelöst hatten . Dazu sang sie vor sich hin , halb traurig , halb neckisch , nicht mit ihrem kräftigen Alte , sondern mit einer fremden , hohen Kinderstimme : › In das Kloster geh ich ein , Muß ein armes Nönnchen sein ... ‹ jenen Kehrreim parodierend , mit welchem die Bauernkinder ihrer gespottet hatten . Das war der Wahnsinn , der sie belauerte , um mit ihr in die Zelle zu schlüpfen . Der Optimus Maximus aber bediente sich meiner als seines Werkzeuges und hieß mich , Gertruden retten , koste es , was es wolle . Auch ich wandte mich in freier Frömmigkeit an jene jungfräuliche Göttin , welche die Alten als Pallas Athene anriefen und wir Maria nennen . › Wer du seist ‹ , betete ich mit gehobenen Händen , › die Weisheit , wie die einen sagen , die Barmherzigkeit , wie die andern behaupten – gleichviel , die Weisheit überhört das Gelöbnis eines weltunerfahrenen Kindes und die Barmherzigkeit fesselt keine Erwachsene an das törichte Versprechen einer Unmündigen . Lächelnd lösest du das nichtige Gelübde . Deine Sache führe ich , Göttin . Sei mir gnädig ! ‹ Da ich der Äbtissin , welche Verrat befürchtete , mein Wort gegeben , mit Gertruden nicht weiter zu verkehren , beschloß ich , in antiker Art mit drei symbolischen Handlungen der Novize die Wahrheit nahezulegen , so nahe , daß dieselbe auch der harte Kopf einer Bäuerin begreifen mußte . Ich trat hin vor das Kreuz , Gertruden übersehend . › Will ich einen Gegenstand wiedererkennen , so markiere ich ihn ‹ , sagte ich pedantisch , zog meinen scharfen Reisedolch , welchen mir unser berühmter Mitbürger , der Messerschmied Pantaleone Ubbriaco geschmiedet hatte , und schnitt zwischen Haupt- und Querbalken einen nicht kleinen Span gleichsam aus der Achselhöhle des Kreuzes . Zum zweiten tat ich fünf gemessene Schritte . Dann lachte ich aus vollem Hals und begann mit ausdruckvollem Gebärdenspiele . › Komisches Gesicht , das des Lastträgers in der Halle zu Konstanz , da mein Gepäck anlangte ! Er faßte das gewaltigste Stück darunter , eine ungeheure Truhe , ins Auge , schürzte die Ärmel bis über den Ellbogen , spie sich – der Rohe